Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-07-24 · Heft 30 (24.7.1896) · p. Seite 360

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 30 (24.7.1896)
Date
1896-07-24
Page
Seite 360 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3228148-3228179--52980-3258633
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Die Gesinmmgsäiidenmg Chaims sollte sich bald noch deutlicher zeigen. Was in der Khille eine gesellschaftliche Stellung einnahm,., schickte den Rabbi etwas „zu Ehren der Derascha",fl zumeist wareM es Geschenke an Zucker und Kaffee, welche Kinder oder Dienst- . Mädchen in Servietten gehüllt nach dem Hause des Rabbiners brachten und in der Küche bei der Rebbezin ablieferten, die um so. sorgfältiger die einlaufenden Geschenke musterte, als der Rabbi davon nichts wissen wollte, da er fürchtete, ein Unrecht gethan zu haben, als er Rabbiner wurde, statt sich der Lehre Gottes ohne Hoffnung auf. äußere Vortheile zu widmen. Reb Rephoel schickte ein Füßchen Tokajer Weines, das er in koscherem Zustande von Pest mitgebracht hatte, und eine Wassermelone, die nach dem einstimmigen Urtheile der Khilla „ein Gottes Wunder" war. Chaim Schuster, dessen scharfe Zunge bei solchen Gelegenheiten den besten Anlaß fand, sich zu iiben, war in den „Rädlech"2) nicht zu sehen, die noch vor Tisch die wichtigsten Tagesereignisse zu besprechen pflegten. Er hatte sich durch eine Hinterthür in das Haus des Rabbiners geschlichen und war mit einem 'in eine Serviette gehüllten Teller gegen alle konventionelle Sitte nicht in die Küche, sondern direkt in die Stube des Rabbiners gegangen, der noch vor Tische acht Kapitel aus der Mischnah Sabbat!) lesen mußte, wenn seiner religiösen Pflicht Genüge gethan sein sollte. Erstaunt blickte der Rabbi auf den so ungewöhnlichen Besuch zu so ungewöhnlicher Zeit. „Was bringt Ihr mir, Chaim?" Chaim brauchte einige Zeit zur Antworte -,Jhr wißt, Rebbe," brachte er endlich heraus, „ich bin ein armer Mensch, ich hätte gerne schon einmal dem Rebbe meine Verehrung gezeigt, aber..." „Macht Euch doch daraus keinen Kummer, Chaim," sagte der Rabbi, dem die Verlegenheit des armen Sünders eine gewisse Genugthuung bereitete. „Ihr seid mir nichts schuldig, und wenn Ihr es wäret, Gott rechnet den Willen als That." , . ■ Chaim fand wieder seinen gewohnten Muth. „Rebbe," sagte er, „meine Sarah ist heute nach Hause gekommest von Schul und hat gesagt, ich muß „stantepe" zum Rebbe und' muß die große Gansleber hintragen, so etwas sieht man selten, und der Rebbe soll doch wissen, daß der arme Mensch hat auch Gott im Herzen und will auch beten, daß der Rebbe soll hundert Jahr leben. Und darum soll der Rebbe, will meine Sarah, nur einen Bissen von der Leber essen." Obwohl nun der logische Ausbau der Rede Chaims vixl zu wünschen übrig ließ, verstand ihn Rabbi Elieser doch vollständig und sagte: „Es ist sehr brav von Euerem Weibe, an mich zu denken, aber ich selber esse in den zehn Bußetagen keine Stopfleber, doch tragt sie nur zur Rebbezin in die Küche; sie wird schon wissen, was sie damit anzufangen hat." Man muß nämlich wissen, daß unter den Fxommen immer Zweifel bestanden haben, ob es recht sei, eine Gans vier Wochen zu mästen, daß sie, wenn das Schlachtmesser sie nicht rechtzeitig rettete, in ihrein eigenen Fette ersticken mußten aber der Bedarf an Fett mußte, da Butter von den Fleischmahlzeiten ausgeschlossen war, diese Bedenken zum Schweigen bringen; doch die - Frommen, wenn sie diese Grausamkeit auch in ihrem Hause zu-' ließen, Protestirten wenigstens dagegen, indem sie für ihre Person dem Genüsse der „Stopfgans" entsagten. In den zehn Bußetagen war es ganz besonders gerathen, dafür zu sorgen, daß man nicht neue Sünden auf das Konto bekam, welche in dieser kritischen Zeit besonders bedenklich werden konnten, und Rabbi Elieser hatte einen Truthahn mit gebrochenem Beine berurtheilt, über den Versöhnungs- *) Predigt. 2) Rad, die auf den Gassen im Kreise herumstehenden. Klatscher. tag zu leben, weil er sich nicht entschließen konnte, zu „paßkennen", daß man ihn schlachte, da -diese etwas. leichtfertige Entscheidung vielleicht gerade hingereicht Hätte, um seine Verdienste auf der Wagschale hinaufschnellen zu lassen. Für Chaim war die Weigerung des Rabbi ein harter Schlag. Wenn der Rabbi erfahren sollte, daß er bei der Derascha einen Witz gemacht hatte und in Zorn gerieth, dann aß Chaim gewiß in keiner Sukkah mehr, wie Jechiel prophezeit hatte.- Das waren nur acht Tage. Auf dem Schaffst hat man Muth. „Rebbe," sagte Chaim, „wenn ich das meiner Sarah erzähle, daß der Rebbe von der Leber nichts essen will, habe ich einen verwüsteten Schabbes, und es ist doch vielleicht mehr Mizweh, Frieden zu machen zwischen Mann und Weib, als es Sünde ist, Stopflebern zu essen." „Ru," sägt der Rabbi, „wenn das gar so wichtig ist, will ich weniger wie eine Olivengröße — das Minimum, wodurch bei Uebertretung eines Speiseverbotes Strafbarkeit eintritt —, essen. Das könnt Ihr Eurem Weibe sagen." Chaim ging trotz dieser Versicherung noch immer nicht, sondern drehte beii Teller verlegen zwischen seinen Händen und kämpfte offenbar mit den Gedanken, die ihm das Gewissen beschwerten. Der Rabbi, der merkte, daß in Chaim etwas Besonderes vorgehe, sagte: „Chaim, setzt Euch, wenn Ihr mir etwas zu sagen habet." „Nein, ich danke Euch, Rebbe," sagte Chaim, „es muß so heraus, Rebbe. Ihr wißt, ich habe einen Namen als ein „Lez"'), und wie der Rebbe heute gedarschent hat, habe ich gefühlt, daß ich schlecht bin und der Jom Hadinfl wird kommen, und ich weiß gar nicht, was ich zu meiner Verteidigung anführen könnte. Darum habe ich mir vorgenommen, ich will jetzt ein Mensch werden, und möchte bitten, der Rebbe soll mich benschen."8) Rabbi. Elieser war von dem Beweise der Wirkung seiner Predigt tief gerührt, er. legte seine Hände auf Chaim's tiefgebeugtes Haupt und sprach langsam und feierlich die Worte des Priestersegens, worauf Chaim sich mit einem „Gut Schabbes" entfernte. Als bei Tische die Rebbezin die cingelaufenen Geschenke aufzählte und meinte, die Derascha müsse den Leuten außerordentlich gefallen haben, sagte der Rabbi: „Laß gut sein, mein Kind, ich weiß nicht, ob ich mich nicht damit versündige, daß ich die Thora mache zu einem Spaten,, mit dem man gräbt, aber, wie Chaim Schuster heute die Leber gebracht hat, hatte ich doch das Gefühl, daß man auch als Row ein Stückchen Jüd'sein kann." Die Rebbezin wagte zwar keinen offenen Widerspruch, aber in ihrem Inneren blieb sie überzeugt, daß ein Füßchen Wein und ein Hut Zucker die Nützlichkeit des rabbinischen Amtes mehr beweise als eine Stopfleber. (Fortsetzung folgt.) Fitterarische MittheUungen. ' — Unter dem Titel: Ungarns Juden und das Millennium, erscheint demnächst, herausgegeben von Dragutin Miljkooic und redigirt von Graf Hermann Zichy und G. M. Derestye, ein Werk, das die Entwickelung der Juden Ungarns und das Bemühen derselben um das Aufblühen der Wissenschaft, der Künste des Handels, der Litteratur und der Industrie zum Gegenstände hat. Es soll dies ein großangelegtes kulturhistorisches Werk sein, das den Beweis für die, von den Gegnern des Judenthums so gern geleugnete Thatsache erbringen wird, wonach die Juden Ungarns an dem kulturellen und wirtschaftlichen Aufbaue des Landes mit ebensolcher Rührigkeit, mit ebensolchem.Eifer gearbeitet haben wie alle anderen Landeskinder, und daß demjenigen, der seine Pflichten ernst erfaßt und ernst erfüllt hat, unantastbare Rechte zugesichert werden müssen. fl Spötter. fl Tag des Gerichts, fl Segnen. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die-Redaktion: Mar Bauchwitz in Berlin.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.