Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 30 (24.7.1896)
- Date
- 1896-07-24
- Page
- Seite 359 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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359 «■ - II-—HI—-:-:- :-- s— 1—:- IT 1 FEUILLETON | □ Bum SS «- IN vv -II-II- Andere Zeiten. Eine Erzählung aus dem jüdischen Leben der jüngsten Vergangenheit von Gotthard Deutsch. Viertes Kapitel/ Eine Büßpredigt und ihre Wirkungen. n dem Sabbath nach dem Neujahrsfeste, dem Bußsabbath, hielt der Row seine offizielle Büßpredigt. Sie begann mit einer gelehrten talmudischen Abhandlung über das Verbot des Ziegelbrennens an Feiertagen, in welcher der Rabbiner einen Widerspruch in den Worten des Rambam*) und der Thoffaphoth?) aufwies, denselben nach vielen Abschweifungen dadurch löste, daß er darthat, die betreffenden Herren hätten eigentlich das Gegentheil von dem gemeint, was sie sagten, und dann die Zuhörer durch seinen kühnen Liberalismus in Erstaunen setzte, als er frank und frei behauptete, der Pne Jehoschua und der Schaugaß Arjeh») hätten sich — allen Respekt vor ihrer Gelehrsamkeit — gewaltig geirrt, und was sie zur Lösung dieser Frage vorbrachten, sei geradezu eine „Bauchtheorie", weiter nichts. Mordche hatte von dem Allen nichts verstanden, als daß zwei große Rabonim, die große Bücher geschrieben haben, „Bauchtheorien" aufgestellt hätten, und das wollte ihm gar nicht einleuchten, denn wenn man sich soll nicht mehr verlassen können auf das, was geschrieben steht, wie soll sich der. gemeine Mann auskennen? Allerdings,-wenn es der Row sagt, ist es wahr, und es gehört ein anderer Kopf dazu, uni sich darin anszukennen, als Mordches. Einen positiven Nutzen hatte er doch aus der Predigt gezogen, denn der Row bewies am Schlüsse, daß das Rauchen aus einer neuen Pfeife gerade so eine Arbeit sei, als Ziegelbrennen, und daß es daher Jedermann, der es mit seinem Seelenheile ernst meine, entschieden anzurathen sei, aus einer neuen Pfeife vor Jontefw^) wenigstens einmal zu rauchen. Mordche nahm sich das auch fest vor, denn man soll immer danach trachten, sich zu bessern, besonders in der Nähe der großen Feste. Der Row ging dann zu einem mehr populären Thema über, indem er über die Sünden der Zeit sprach, mit Hinweis auf den Text (Deut. 29, 23.): „Warum hat Gott Solches diesem Lande gethan? Woher dieser große und heftige Zorn?" „Man hört so viel," sagte er, „von neuen Verfolgungen. Die Negierung hat den Juden verboten, Getreide zu handeln, in der Stadt wird das Paßgesetz strenger gehandhabt als je, die Gendarmen . lauern den Hausirern auf. ob. sie nicht in ihrem Pack etwas tragen, wozu sie keine Licenz haben, Sterben von Wöchnerinnen und Säuglingen kommt so vielfach vor. Woher kommt das alles? „Weil sie verlassen haben meine Thora." Die Weiber geniren sich, einen Scheitel zu tragen, die Mädchen gehen mit Jungen tanzen. Die Jungen meinen, wenn sie in die Stadt kommen, daß dort ein anderer Gott ist, setzen sichim Kaffeehause nieder, trinken Kaffee und essen Buttersemmeln dazu. Eine Sünde bringt die andere, Hat man erst gelernt Milch trinken im Kaffeehause, lernt man nach und nach auch Weintrinken im Wirthshause. Dann findet man dort Gesellschaft und hält sich länger auf, so daß man am Freitag nach Hause kommt, wenn inan schon in Schul ist. Natürlich hat man dann keine Zeit, sich zu barbiren, darum geht man gleich in der Stadt zum Barbier und läßt sich mit dem Messer rasiren. So gewöhnt man sich auch an überflüssige Ausgaben, die uitfere Vorfahren nicht kannten, die jeden Heller nach Hause brachten, um ihn mit Weib und Kindzu theilen, wie Gott gesagt hat, der uns immer einschärft: „Freue Dich, Du und die Angehörigen Deines Hauses." Dann meint man, solche Sünden zu verdecken,, wenn man fünf Gulden giebt für einen Eßrog, und eine Wachskerze am Jom Kippur in Schul trägt, ein ganzes Pfund schwer. Das ist Alles eitler Tand, auch wenn es ehrliche Juden thun. „Wohlthun rettet vom Tode", sagt König Salomo. Wir haben zwei Arten von Wohlthun, die eine heißt Zedokoh, die andere heißt Gemiluß Chasodim. Wenn ich einem armen Menschen eine Gabe vor die Füße werfe oder ihn: durch bissige Rede das Blut zu Wasser mache, so ist das auch Zedokoh, er kann sich für einen Groschen, den ich ihm unter bösen Reden gebe, gerade soviel katifen, als für einen Groschen, den ich ihm gebe, ohne daß er's weiß, aber vor Gott ist das kein Verdienst. Wir Alle müssen beten, wie es in der Gemoro steht, daß Gott uns retten soll vor Brod, worüber man blaß werden muß. Wir sollen auch bedenken, daß alles menschliche Leben ist, wie unsere Weisen sagen, ein Rad, das sich dreht in der Welt. Einmal ist der Punkt- .oben und ein andermal der entgegengesetzte. „Gott macht arm und macht reich, erniedrigt und erhöht". „Gebet den Armen," steht in der Gemoro, „damit man euren Kindern geben soll." „Wir stehen jetzt," fuhr der Rabbi nach einer Pallse fort, „vor dem Tag des Gerichtes, dem großen und furchtbaren. Da ist's, wie wenn einer in den Krieg geht, man weiß nicht, ob man zurückkommt lebendig oder todt, mit gesunden Gliedern oder mit zerschossenen Armen und Beinen, mit blinden Augen und unheilbaren Gebrechen. Da nützt keine Parade-Uniform, kein Fünfgulden- Eßrog, kein Pfund-Licht, da muß man thun, was der Kommandant befiehlt m:d sich auf Gott verlassen. Wenn tausend fallen an Deiner Seite und zehntausend zu Deiner Rechten, Dir naht es nicht!" Warum? Wenn Du sprichst: „Du, o Gott, bist meine Zuversicht." Verlasset Euch auf Gott, der sagt: „Kehre um, Israel, zu dem Herrn Deinem Gotte", und unsere Weisen lehren: „Wenn einer Bußd thut, werden seine früheren Missethaten ihm als Verdienste angerechnet." Darum, jüdische Kinder, thut ehrlich und aufrichtig Buße, zerreißet Eure Herzen und nicht Eure Kleider, dann wird Gott Euch in Gnaden aufnehmen und für Zion wird kommen der Erlöser. So möge es sein Wille sein, darauf sprechen wir: „Amen". Die Wirkung der Derascha war eine mächtige. Besonders als der Rabbi den Gerichtstag mit einer Schlacht verglich, sah man an den ernsten Gesichtern und an den thränenfeuchten Augen der Zuhörer den tiefen Eindruck, den diese Worte hervorbrachten. Aus der Weiberschul ertönte so lautes Schluchzen, daß der unverbesserliche Chaim Schuster zu seinem Nachbar Jechiel, eiuetn lustigen Bruder, sagte: „Chiele, spann auf das Parapluie, es fängt an zu regnen." Aber diesmal kam er an den Unrechten. „Chajim," sagte der Angeredete mit tiefem Ernst, „weißt Du, daß, wenn der Rebbe will, wirst Du in keiner Sukkoh*) mehr essen?" Chaim wurde kreidebleich und sprach kein Wort mehr, aber beim Mussafgebete2) betete er mit solcher Inbrunst: „Gedenke unser zum Leben," daß Jeder erkennen mußte, wie sehr ihm die Mahnung Jechiels zu Herzen gegangen war. 9 Laubhütte. 2) Dem zweiten Gebete an Sabbath- und Festtagen. 9 Maimonides, theologischer Schriftsteller des 12. Jahrhunderts. 2) Glossen zum Talmud. 8) Zwei theologische Schriftsteller des 16. Jahrhunderts. 4) Feiertag.