Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 30 (24.7.1896)
- Date
- 1896-07-24
- Page
- Seite 358 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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■ VI. _ Als Hebbel im Jahre 1843 in Paris weilte, suchte er Heine auf. Wie aus einem Briefe Hebbels vom 16. September 1843 zu ersehen ist, herrschte beiderseits große Freude. Heine bemerkte, er kenne zwar „Judith" noch nicht, dagegen aber die „Gedichte", die den entschiedensten Eindruck auf ihn gemacht hätten, besonders'sei der „Hexenritt" (ein Gedicht Hebbels aus dem Jahre 1836) ein Sujet, das er ihm hätte stehlen mögen. Hebbel war aber auch von Heine ganz entzückt und schreibt über ihn in dem oben angeführten Briefe: „Mit Heine kann man das Tiefste besprechen, und ich erlebte wieder einmal die Freude einer Unterhaltung, wo man bei dem Anderen nur anzuticken braucht, wenn man den eigensten Gedanken aus seinem Geiste hervortreten lassen wiü. Das ist sehr selten Daß Heim Dichter ist, tiefer, wahrer Dichter, ein solcher, der sich nicht blos auf gut Glück ins Meer hinuntertaucht, um einige Perlest zu stehlen, sondern der unten bei den Feen und Nixen.wohnt uÄ über ihren Neichthum gebietet, das tritt cm§ seiner Gestalt wie aus seiner Rede hervor."? Einige Wochen später suchte Heine Hebbel auf. lieber dieses Zusammentreffen berichtet uns Hebbel in seinem TageLuche unter dem 14. Oktober 1843: „Heine war bei mir und sprach mir über die Judith; sie hat einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht. Ein Urtheil über das Werk als Werk habe er noch nicht, aber über einzelnes sei ihm schon manches klar geworden. Daß dieses Werk in unserer Zeit möglich gewesen, sei ihn: wunderbar; ich gehöre mit meiner außerordentlichen Gestaltungskraft noch unserer großen Litteraturepoche an, in die jetzige Epoche der Tendenzen Passe ich nicht hinein. Das Schöne des Werkes und besonders das Große sei ihm gleich entschieden entgegengetreten, vieles habe er bewundert und augestaunt; es sei aber auch etwas Gespenstisches darin und jedesfalls mehr Wahrheit als Natur, Natur, wie man sie bei Shakespeare finde. Einige Tage zuvor sagte mir Dr. Bamberg schon, das; Heine mit größter Anerkennung zu ihm über die „Judith" gesprochen und geäußert habe, ich sei der Bedeutendste von allen". Dieses Urtheil Heines scheint auf Hebbel einen nachhaltigen Eindruck gemacht zll haben, denn noch 12 Jahre später schreibt Hebbel in einem Briefe vom 18. Dezember 1855 an Heine: „Sie haben mir in Paris über die Judith einmal in einer halben Stunde mehr Tiefes gesagt, als aüe deutschen Kritiker zusammen." Zn Kulke bemerkte Hebbel: Heines „Buch der Lieder" wird ewig leben; an seine prosaischen Schriften wird sich die Nachwelt nicht lange erinnern; diese sind vergänglich und gehören der Zeit, in der sie entstanden sind, ausschließlich an; jene sind zeitlos und unvergänglich. Noch, viel früher wie für Heine war Hebbel für Börne begeistert, obwohl er Letztere^ nur aus feinen Schriften kannte. Schon in einein Briefe vom 19. Dezember 1736 — Hebbel war damals noch nicht 24 Jahre alt — empfiehlt er seiner Freundin Börnes Schriften mtb bemerkte in einem darauf folgenden Briefe voin 23. Dezember 1836: „Bessere Lektüre als die Jean Paulschen und Börneschen Sachen weiß ich Dir nicht zu empfehlen"; und als Börne am 12. Februar 1837 gestorben war, schrieb Hebbel aus München anr 21. Februar 1837 au dieselbe Freundin: „Aus den Zeitungen wirst Du wissen, daß Börne gestorben ist. Sein Tod hat mich schmerzlich bewegt. Man beurtheile ihn, wie man wolle; einen hohen, reichen und, aller Herbe ungeachtet, innig erquicklichen Geist darf man chm nicht absprechen, und noch weniger Mannhaftigkeit, Muth und edle Aufopferungskraft. Er hat nie, wie Heine, das Schwert gezogen, blos, um zu zeigen, daß es blank und scharf sei; er hat das gezogene nie eingesteckt, tveil cs in die Hände seines eigenen Henkers hätte fallen können. Er hat für die Freiheit— auf Freiheit selbst Verzicht geleistet; er war liebenswerther in seinen Fehlern als Andere in ihren Tugenden. Nun giebt ihm Frankreich ein Grab; doch -rein Grab hätte ihn; Deutschland auch gerne gegeben: er ruhe!" Interessant sind auch Hebbels Urtheile über Rahel (Lewin), L. Kompert. Hieronymus Lorm imb Professor M, Lazarus, Rahel, derer Hebbel öfters in seinen Tagebüchern Erwähnung thut, nennt er eine der außerordentlichsten Erscheinungen und bezeichnet es als ein Glück für sie, daß sie als Jüdin geboren war, während Rahelerst -in ihrer .Todesstunde sagte: „Was Zeit meines Lebens meine größte. Schmach war (nämlich als Jüdin geboren zu sein), möchte ich jetzt um keinen Preis missen." Von Leopold Kompert, mit dem Hebbel,, nach einigen Aufzeichnungen in seinen Tagebüchern zu schließen, freundschaftlich verkehrte, sagte Hebbel nach einer Mittheilung Kultes: ...Kompert kann nichts Schlechtes Hervorbringen. Er versteht die Kunst gar nicht, etwas Schlechtes zu schreiben." Von Hieronymus Lorm, über den sich in Hebbels Tagebüchern nichts findet, schreibt Hebbel in einem Briefe-vom 3. Februar 1849, Lorm sei „einer unserer besten Köpfe". Ihm hatte Hebbel auch im selben Jahre sein^ dreiaktiges Märchenlustspiel „der Rubin" vor der Aufführung desselben im Wiener Hofburgtheater eingesandt. M. Lazarus' „Leben der Seele" hatte Hebbel, wie Kuh berichtet, zweimal, ausführlicher in Kolatscheks „Stimmen der Zeit", aphoristisch in der „Jllustrirten Zeitung", beide Male -mit höchster Anerkennung, besprochen (1859). . Lazarus' Abhandlung über „Geist und Sprache" zählte. Hebbel „zum Tiefsinnigsten, was jemals über diese geheimnißvollste aller Materien geschrieben worden." Noch mit vielen anderen Juden hatte Hebbel verkehrt; ich weise nur auf Ludwig Wihl hin, dessen Hebbel mehrere male in seinen Tagebüchern gedenkt, sowie auf S. H.'Mosenthal, dessen „Sonnenwendhof" er für die beste von Mosenthals Arbeiten erklärte. Uns lag es vor allem daran, nur das Verhältniß jener Juden oder jener Männer jüdischer Abstammung zu Hebbel näher auszuführen, über die wir nähere Berichte aus Hebbels eigenen Briefen oder Tagebüchern haben, die nach dieser Richtung hin bisher Unbeachtet geblieben sind. Aus der Thatsache aber, daß Hebbel mit mehreren getauften Juden verkehrte, schließen zll wollen, daß Hebbel gerade diesen gerne sich anschloß, wäre gänzlich falsch und unbegründet. Dies zeigt das bereits ansgeführte Verhältniß zu Kuh, sowie die Bemerkung, die Hebbel Frankl gegenüber machte: „Meine nächsten und vertrautesten Freunde sind Juden, von denen sich einige taufen ließen. Ich hasse jedes Renegatenthum. Nur einem sei dies zll verzeihen, weil er aus Liebe zu einem schönen Mädchen, um es heirathen zll können, sich Wasser auks Haupt gießen ließ." Dieser eine war E. Kuh; doch hatte sich Hebbel, wie. wir bereits oben geseheil, alle erdenkliche Mühe gegeben, um Kuh von diesem Schritte abzulenken. Hebbel achtete nur auf den Menschen im Mellschen' nnb fragte nicht nach dem Glaubensbekenntniß; und wer Hebbels Briefe und Tagebücher gelesen, lvird Kulke zustilllmen müssen, wenn er sagt: „Mellschen ohne Talent ließ Hebbel gelten, Menscheil von schlechtem Charakter nicht." Darum haben auch wir die Worte Hebbels beherzigt: „Seele, vergiß sie nicht, Seele, vergiß nicht die Todten!"