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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-07-24 · Heft 30 (24.7.1896) · p. Seite 357

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 30 (24.7.1896)
Date
1896-07-24
Page
Seite 357 (sequence 9)
Language
German
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den Dorfbewohnern gleich in den Berns des Vermittlers tritt, will nichts besagen, und ein Zusaminenhang mit der Burg ist auch leicht dazu gefunden. Aber die bestimmte Aussage über Süßkinds trauriges Alter läßt sich kaum a priori konstruiren. Wäre sie noch mit jener Nachricht, daß'er der letzte Jude im Ort gewesen sei, tu aetiologische Beziehung gebracht! Aber dazu ist nur mit den Worten, die Kinder seien von ihm sortgelaufen, der Anfang gemacht. Sonst aber stellt sich das Volk einen Juden als reich vor; -sollte die Abweichung auf historischen Grund gehen? Jedesfalls widerspricht bei Süßkind nichts dieser „Erbsage". Manches scheint sie sogar zu bestätigen. Der einzige Zug, der in Süßkinds Gedichten einigermaßen originell hervortritt, ist der starke Hinweis auf den nahenden Tod, das könnte ans ein einsames, vergrämtes Alter hindeuten. Und noch anderes würde im Sinn jener Tradition sich auslegen lassen. Ich muß freilich gestehen, daß ich von der Zuversichtlichkeit, mit der-ich damals für die Verläßlichkeit dieser „Erbsage" eiutrat, zurückgekommen bin. Zunächst hat Roette mit guten Gründen, die aber immerhin nicht völlig zwingend sind, gerade die Strophe Süßkind abgesprochen, auf. die ich mich glaubte stützen zu können. Mindestens, wird mair' deshalb einstweilen von einer näheren Beziehung dieser Verse auf den Inhalt von des alten Zoll Bericht absehen müssen. Herr Franzos meinte, für die Echtheit der Ueberliefernng spreche die Vereinzelung der Tradition. Das hat viel für sich; aber auch einiges gegen sich. Wenn sich wirklich von einer lokalen Berühmtheit eine lebendige Tradition erhalten hätte, würden wicht gerade Schulmeister und Bürgermeister die Ueberliefernng wahren? Kann die Fesselung der „Erbsage" an ein einzelnes Haus nicht darauf deuten, daß gerade in seine Inhaber die Kunde von Süßkind hineingefragt wurde? Irgend ein Nachfragender, dem das alterthümliche Haus Verdacht erregte, -mochte in die armen Besitzer' hinein inquiriren, was er suchte. Und uns wäre eS dann nicht viel anders gegangen. Quod vohimus credimus libenter. Uiib vielleicht wär' es zuviel verlangt, von dem armen jüdischen Minnesinger zu erwarten, daß er über sechs Jahrhunderte Spuren hinterlassen hätte! Friedrich Selrdel und die Inden. Bon Dr. Adolf Biach, Rabbiner in Brüx. V. iner der treuesten Freunde Hebbels, der sich in seinen Beziehungen zu ihm stets gleichgeblieben, war derspätere österreichische Justizminister Julius (Josua) Glaser. 1850 wurde Glaser, der damals, 19 Jyhre alt, bereits den philosophischen Doktorgrad erreicht hatte, durch Kuh null. Hebbel bekannt. Der Dichter gewann ihn bald sehr lieb und scheint einen mächtigen Einfluß auf Glaser ansgettbt zu haben, der sich ihm rückhaltslos anvertraute und, wie aus dem interessanten Briefwechsel hervorgeht, von hoher Verehrung für ihn erfüllt war. „Ich kann wohl sagen," schreibt Glaser in einem Briefe vom 3. Mai 1853 aus Bilin (Böhmen), „daß ich bet allem, was ich thue, bei allem, was ich denke, Sie vor Augen habe; erst in der Entfernung, umgeben von Menschen, die ich erst Ihren Namen verehren, Sie selbst lieben lehre, hier erst sehe ich, wie innig ich mit meinem ganzen Wesen, an Ihnen, hochverehrter Herr, hänge." - In einem Briefe vom 21. Juli desselben Jahres schreibt Glaser an Hebbel über die ärmlichen Verhältnisse seiner Eltern, welche zuerst eine Wcgmauth in Leitmeritz gepachtet hätten, während in späteren Jahren sein Vater als Glasermeister nach Postelberg (Böhmen) zurückaegangen sei, Er berichtet ihm von einem Onkel, der als Leiter eines Fabriksgeschäftes die Großeltern erhalten und auch für ihn selbst väterlich gesorgt habe. Er schließt mit den Worten- „Zu lebhaft fühle ich, daß es die schwächste Art ist für die gütige Theilnahme, mit welcher Sie mich hoch ehren, zu danken, daß ich Ihnen rückhaltslos alle meine Verhältnisse vorführe." Am 21. Juli 1854 — Glaser war damals 23 Jahre alt — theilte er Hebbel mit, daß er zur Privatdozentur in Wien mit' Dispens von allen gesetzlich vorgeschriebenen Förmlichkeiten vom Professorenkollegium zugelasien worden sei und nur die Bestätigung des/ Ministeriums abwarte. In einem Briefe vom 30. Juli des folgenden Jahres spricht sich Glaser über Hebbels „Gyges" ans. In der Erwiederung schreibt Hebbel: „In der That hat Ihre tiefe und. geistvolle Reproduktion des Gyges mir gestern für einige kleine Verbesserungen gleich die rechte Stimmung gegeben." Glaser nimmt überhaupt lebhaften Antheil an den Erfolgen, die der Dichter erzielte. Glaser war es auch, der Hebbel zu seinem 50. und leider letztst: Geburtstage, den er feiern sollte, die größte Freude bereitete. Hebbel schreibt darüber, eine Woche nach seinem Geburtstage, am 25. März 1863 in sein Tagebuch: „Das schönste aber kam von Glaser, 2,Aquarellgemälde, die mir die ferne Vergangenheit unmittelbar vor das Auge und die Seele rückten, nämlich das Bild der Wesselburner (Hebbel war in Wesselburen geboren) Kirche und des Kirchenspiel Vogt Mohr'schen Hauses. Diese zarte Aufmerksamkeit hat mich tief gerührt. Das war kein flüchtiger, momentaner Einfall, den man ausführt, weil der Laden, an dem inan zufällig vorbeigeht, Gelegenheit dazu bietet; das war ein Gedanke, der durch eine lange Kette von Händen laufen mußte, bevor er verkörpert werden konnte." In einem Briefe an Glaser vom 26. Juli'1858 hatte Hebbel cmch seinUrtheil über Saphir, mit dem er bereits 1848 als Deputirter nach Innsbruck gehen sollte, ausgesprochen. Er schreibt daselbst: „An Saphirs Schicksal nehme ich, wie Sie mit Recht voraussetzen, den lebhaftesten Antheil. Er ist freilich ein Mensch, dem der Instinkt für feine Freunde fehlt, aber er bleibt trotzdem eines der eigenthümlichsten Konglomerate intereffanter und zum theile widersprechender Kräfte, die jemals im Weltlaufe hervorgetreten sind, und ich dachte schon oft: Die Natur hat ihn geschaffen, weil Shakespeare in ihm Falstaff vorzeichnete." - Daß Hebbel tatsächlich schon früher an Saphir innigen Antheil genommen hatte, beweist ein Brief vom 25. März 1855, in welchem Hebbel an Bamberg schreibt: „Mein Freund Saphir, l. Bamberg, überbringt Ihnen diese Zeilen. Sie werden sich freuen, ihn persönlich kennen zu lernen, lieber sein Genie brauche ich Ihnen nichts zu sagen; er hält durch die Unerschöpflichkeit seines-Geistes noch immer ganz Wien in Schach, und das' will jetzt unendlich viel mehr heißen wie früher. Aber er ist auch honime de hon coeur und hat im Umgänge durchaus nichts Stachlichtes, wie mancher, der seine tödtlichen Witze kennt, voraussetzen mag. Vor Kurzem feierte er in Herrlichkeit und Pracht seinen 60. Geburtstag; jetzt geht er im Aufträge der k. k. Regierung zur Industrieausstellung nach Paris. Ich füge nur noch das Wort aus dem Evangelium hinzu: „Was Sie ihm thnn, das' haben Sie mir gethan." Ein halbes Jahr vor seinem Tode besuchte Hebbel die „Moritz-Ruhe" in Baden bei 'Wien. Er schreibt darüber in seinem Tagebuche unter dem 9. Juni 1863. ' „Ich bestieg die „Moritz-Ruhe," eine Anhöhe mit einem kleinem Holzpavillon, welche das dankbare Baden dem Genius Saphirs gesetzt hat, aber bei Lebzeiten, als er die Zähne noch zeigen konnte."

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