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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-07-24 · Heft 30 (24.7.1896) · p. Seite 356

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 30 (24.7.1896)
Date
1896-07-24
Page
Seite 356 (sequence 8)
Language
German
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Gedichte verfassen konnte, die von der Masse des deutschen Minnesangsder gleichen Epoche sich so gut wie gar nicht unterscheiden! Freilich hat man charakteristische Züge herauszugraben gesuchte „Wenn wir von Jemand wissen, daß er blind ist, glauben wir es. ihm von hinten ansehen zu können," sagt Lichtenberg. Es soll auch nicht einmal geleugnet werden, daß einzelne kleine Charakteristika aufzutreiben sind. Gustav Roette,' einer der besten Kenner der mittelhochdeutschen Dichtung, hat in seinem abschließenden Artikel über Süßkind in der Allgemeinen Deutschen Biographie (B. 37, S. 334—36) selbst einzelnes derartiges'zugegeben. „Was jüdische Gelehrte wie Grätz, Gelbhaus und namentlich Levin für seine speziell jüdische Bildung angeführt haben, entfernt sich kaum von den Anschauungen, die der ganzen Poesie der Zeit gemein sind. Und dennoch glauben wir, einmal aufmerksam geworden, den Juden zu spüren. Diese einzige religiöse Strophe zeigt eine atheistische Anschauung, die für den Juden besonders gut paßt. Als die typischen Vertreter der Weisheit erscheinen bei ihm nicht die Pfaffen, sondern Nekromanten und Propheten. Im angstvollen Gedanken an den Tod und dieungewisse Zukunft nachher fehlt ihm die freudige Zuversicht, die sich bei den christlichen Sängern meist einstellt: den Stachel des Todes' fühlt er schmerzhaft voraus. Mehr noch bedeutet seine nivellirende soziale Tendenz, die den emanzipationslustigen Juden verrathen könnte: Der Reiche soll den Armen nicht verachten; wer adlig, handelt, allein ist adlig; der Adel taugt nichts, der nicht adlig thut: sonst wird das Adelkleid zum Haderlumpen. Namentlich aber fällt eine Strophe auf, in der S. darstellt, wie die Tugend oft nur eine'' Folge der Notwendigkeit ist. Da heißt's: Manch Gehrender nähme gerne Wucherzinsen, ohne sich um Gott und der Menschen Fluch zu. kümmern, wenn er nur das nöthige Kapital besäße. Hört man danicht den Juden, der sich und seine Stammesgenossen vor den: fahrenden Sangeskollegen gegen den typischen Vorwurf des Wuchersverteidigt? Und das alte Fabelmotiv der Wolfsklage, das den Wolf jammern läßt, er müsse rauben, weil ihm ehrlicher Erwerb der Nahrung abgeschnitten sei, das gewinnt im- Munde, des mittelalterlichen Inden einen eigenthümlich melancholischen Nebensinrm Aber da interpretiren wir vielleicht schon herein. Andere Versuche, speziell Jüdisches aus den Gedichten herauszulesen, müssen vollendsabgewiesen werden. So meinte man aus einem Gleichniß, in dem Süßkind die Ehre als eine Latwerge aus fünf Bestandteilen^ darstellt, seine besondere Vertrautheit mit der Arzneikunst folgern! zu müssen; waren doch die jüdischen Aerzte im Mittelalter besonderst beliebt. Aber es ist nicht damit; das Gleichniß kommt auch sonst ähnlich vor, nicht nur (wie Roette betont) in der jüdischen Lehrweisheit,- sondern auch in der christlichen. Und wäre das selbst nicht der Fall,.- müßte man doch mit solchen Folgerungen aus der poetischen Sprache; auf das tägliche Leben vorsichtig sein. Der frömmste aller Minnesinger, Hartmann von Aue, der Verfasser des „Armen Heinrich",; bevorzugt Gleichnisse aus dem kaufmännischen Leben: Zins und- Wucher dienen ihm oft als Bild für geistige Dinge. Trüge er; zufällig einen jüdischen Namen, man wäre sicher gleich mit Schlüssen: auf Lebensführung und Charakter bei der Hand. Süßkinds Poesie unterscheidet sich also, wie wir wiederholen; müssen, von der seiner Dichtungsgenossen in der herrschenden Kirche kaum irgend durch ein inhaltliches Moment, und gar nicht in sprach-,., sicher Hinsicht: er verwendet in leidlich gewandter metrischer Technik den mitteldeutschen.Dialekt seiner Heimathsgegend. Bei alledem ist; aber durchaus nicht etwa daran zu zweifeln, daß er. wirklich ein Jude war. Der Name ist schon damals wie noch heute ein aus-., schließlich jüdischer; und gerade in der Gegend, welcher unser Sängerv angehört, findet er sich schon 1218 in solcher Verwendung. Wäre die Erscheinung eines jüdischen Minnesängers den Sammlern unserer Liederhandschriften so unglaublich gewesen wie manchen neueren? Kritiken, so hätten' sie ihn nicht in der Ueberschrift den /Juden von Trimberg" nennen : und ihn nicht mit den Kennzeichen des mittelalterlichen Inden in Tracht und Physiognomie ausstatten können, obwohl er in Wirklichkeit Hut und Mantel der Ghettobewohuer wahrscheinlich noch nicht trugdenn erst etwas später ward die beschimpfende Tracht.durchgeführt. Noch direktere Zeugnisse hoffte ich aus der lebendigen Tradition schöpfen zu können. Ich wiederhole meinen Bericht, wie ich ihn unter dem direkten Eindruck des Erlebnisses in der „Zeischrift für deutsches Alterthum" abgestattet habe: „Als ich im Sommer 1893.mit K. E. Franzos von Kissingen aus einen Ausflug nach der Trimburg machte, versuchten , wir festzustellen, ob noch Kunde von dem jüdischen Minnesänger fortlebe. Ich muß es zu meiner Schande gestehen, daß der Schriftsteller und nicht der Philolog die kleine Forschungsfahrt vorschlug und durchführte.. Unser Kutscher, eine alte Frau, ein Handwerker wußten nichts von einem jüdischen Dichter, ebensowenig die Frau Bürgermeisterin oder der Herr Lehrer. Aber ein zweiter Handwerker auf der Kegelbahn erinnerte sich, seine Magd, die Tochter des alten Zoll, habe davon erzählt, „daß er Süßkind geheißen habe und ein Dichter war, davon sei ihm nichts bewußt; aber ein Jüd habe dort gewohnt; seitdem sei keiner mehr .im Ort." Wir pilgerten also zum alten Zoll (Trimberg Haus 52). Der junge Zoll, ein Schuhmacher, saß mit seinem Kind am Tisch: Ja, hier habe der Jüd gewohnt. Er zeigte uns das Haus; fast alles war ziemlich neu, aber der Keller war alt; er hatte zwei holzgeschnitzte Säulen. Auch auf dem Boden fand sich ein geschnitzter Querbalken, mit Apfelrechen behängen. Ich fragte, ob er einmal eine Inschrift gefunden hätte: Ja, einen Balken hätten sie einmal gefunden, auf dem 1797 stand. Inzwischen war der Vater, der „alte Zoll", selbst herangekommen; der wußte mehr: Süßkind habe der Jüd geheißen (wir hatten ihm den Namen nicht genannt); mit denen auf der Burg oben habe er es gehalten, sei ihr „Schmuser" gewesen, ihr „Beiläufer"; mit beiden Worten schien er etwa einen Agenten zu meinen. Von Gedichten wußte auch er nichts. Im Alter sei es dem schlecht gegangen: seine Kinder seien von ihm fortgelaufen, und er habe nicht mehr viel gehabt. Franzos fragte, wann das etwa gewesen sei? Nun, mehr als 200 Jahre sei es her. Woher er es wisse? Der Alte (wörtlich) : „Durch Erbsage". Ob manchmal danach gefragt würde? Der Alte: Vor zwei Jahren habe Einer danach gefragt, ein Doktor soll es gewesen sein. Er (Zoll) habe auch von einem Buch gehört, wo davon stünde, aber gelesen habe er es nicht. Ich gebe den Bericht genau, wie ich ihn am folgenden Tage ausgezeichnet habe. Auf. keinen Fall scheint er mir uninteressant: den wenigen litterarhistorischen Legenden, die wir besitzen, verdient vielleicht die Tradition von dem verarmten „Beiläufer" der Tbimburger Burgherren beigefügt zu werden. Natürlich würde die Ueberlieferung fast allen Werth verlieren, wenn sie erst neuerdings in die Leute hineingebracht wäre. Mir scheint das aber nicht der Fall zu sein. In den „Führern" von Kissingen fand ich keinen Anhalt für Zoll's Erzählung; und wenn jüngst etwa jener Doktor den Inhalt in die Erzähler hineingefragt hätte, wäre dann gerade das vergessen, daß Süßkind Dichter war? Und wer in die Leute etwas hinein interpretirt hätte, würde darüber wohl auch öffentlich berichtet haben. Auch die Vereinzelung der Kunde scheint auf wirkliche „Erbsage" zu deuten." Daß diese zuletzt auf den einstigen Bewohner des alten Hauses zurückginge, ist nicht undenkbar. Außerdem-aber enthält die Erzählung selbst beachtenswerthe Züge. Daß ein Jude

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