Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 30 (24.7.1896)
- Date
- 1896-07-24
- Page
- Seite 355 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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355 SrMind von Trrmberg. - Von Dr. Richard M. Meyer. ^ie die Meinung, das ganze Mittelalter sei „düster" und „barbarisch" gewesen, durch die fortschreitende Kenntniß immer mehr eingeschränkt wird, so bedarf auch insbesondere das herkömmliche Urtheil über die Lage der Juden in jenen Zeiten der Berichtigung. Periodisch wiederkehreude Judenverfolgungen kannte freilich das Mittelalter so gut — wie spätere Epochen, und daß sie so wild und blutig ausliefen, wie später nicht mehr, lag allerdings im Charakter der Zeit. Aber zwischen diesen grausamen Begriffen lagen weite Strecken verhältnißmäßig ruhigen, ja behaglichen Dähinlebens; und unsere Glaubensgenoffen im 17. Jahrhundert wären vielfach froh gewesen, wenn sie mit ihren Ahnen hätten tauschen dürfen. Sie scheinen auch geradezu mit einer gewissen Sehnsucht das Bild des ausgehenden 13. und 14. Jahrhunderts festgehalten zu haben: die Eigenthümlichkeiten des „Judendeutsch" sind zu nicht geringem Theile nichts Anderes als Bewahrung spätmittelhochdeutscher Spracheigenheiten, und der Kaftan der polnischen Juden ist einfach der Rock der Bürger jener Zeit. So günstig gestalteten sich an einigen Punkten die Verhältnisse für die deutschen Juden, daß sie ihnen sogar eine volle Theilnahme an den höchsten geistigen Bestrebungen ihres Vaterlandes, an der deutschen Poesie, gestatteten. Den von Rabbinern und Traditionen in engem Zwang gehaltenen Juden der Ghetto-Jahrhunderte wäre eine solche Erscheinung undenkbar gewesen. Sie iuteressirten sich wohl für fabelhafte Stücke der germanischen Heldensage wie für alles Abenteuerliche sonst, aber wenn „Elieser Lieberman aus der Familie Mansbach" 1696 seine Gedichte der Stadt Worms mit solchen! Fabelwerk füllt, so erkennt man daraus nur um so mehr, wie ungeheuer die Kluft ist, die sich zwischen den armen gedrückten Bewohnern des Judenviertels und der Poesie des deutschen Mittelalters aufgethan hat: „Vor alte Zeiten is die Stadt Wurms gar groß gewesen, so war ein Lintwurm aus der Midbar (Wüste) gekommen zu fliehn, und hat sich hart an die Mauer der Stadt gelegt und hat große Schaden gethan. Er hat viel Häuser umgerissen und hat auch viel Menschen und viel Belieimes (Thiere) eingeschlunden. Als was er hat getrogen, hat er als etioruk (wüst) gemacht. Der Lintwurm war gräulich groß gewesen und hat zwei Füß und hinten hat er gesehen, aß wie ein Wurm und ein Schlang, aber er ist doch viel dicker und größer gewesen und er hat Augen, die leuchten als Feuer, un ein Maul mit gräulich große Zähn, daß einem ein Gräuel anging. Er ist abgemalt gestanden außenwenig an der Minz auf dem Mark zu Wurms, und wenn man schon nach ihm schießt, das wollt doch als niks helfen, denn es thät ihm kein Pfeil niks. Dasselbig mal mußt man noch nicht von Büchsen oder Gestüt zu sagen. Mit einem Gestük hat man ihm ekselier (vielleicht) jau können beikommen, aber es war noch kein Gestük auf der Welt. Die Chachmah (Weisheit) von Pulver is noch nit gewesen. Dasselbig mal war noch nit Emunath Jischa (christlicher Glaube) zu Wurms unter der Ummauth (Volke) gewesen. Es war als noch Heidesche Bmuvali (Glaube) und es war dasselbig mal noch kein Melech (König) zu Wurms gewesen, neurt eine Maikali (Königin) eine almanah (verwittwete), die regiert das ganze Land, denn ihr Mann der Meleeli war gestorben. Und wenn man den Lintwurm stillen wollt, so mußt man ihm einn Mensch alle Tag 'naus werfen über die Mauer, da schlindet er ihn straks ein, und tet dernach denselbigen Tag weiter kein Schaden min (?). So schreibt man alle Menschen, die in Wurms wohnten in ein Buch, und man werft Goral (Loos) und auf dem das Goral gefallt, den werft man über die Mauer zu dem Lintwurm. Eeszüt (zuletzt) wollten die Borgers nit mehr Goral werfen, denn sie fürchten sich, das Goral würd auf sie auch fallen. Die Malkali sagt zu sie: „Was wollt ihr haben? Zeichnet mich auch und alle meine Szärim (Fürsten) und Hofhaltung in das Goral, und wenn das Goral auf einen von uns wird gefallen, soll man uns auch nit verschonen." Da die Borgers das hörten, da waren sie alle zufrieden und ließen das Goral sortgehen. Dasselbig mal waren zu Wurms drei Brüder, die waren große Riesen und waren alle drei Schlösser und Messerschmieden, daß man ihr gleichen wenig so gefindet. Sie machten ein Mälbuseh (Kleid) ein Harnisch von Eisen und außenwenig waren dran lauter Scharmesser, und machten eisene Händschich mit Glieder, daß sie sich drin rühren könnten, und machten Scharmesser an die Händschich, die Scharmesser waren gar scharf gemacht, und die drei Brüder haben 'so mir einander ausgenommen, wenn das Goral auf einen von sie drei kommen wird, denn soll derselbig das Kleid anthun, und er soll den Lintwurm zuschneiden. Das Goral ging als fort. Von Tag zu Tag werft man einen Menschen über die Mauer 'naus. Ein mals fallt das Goral auf die Malkali selbers. Die Malkah trauert und weint, wie man wohl denken kann. Da kam einer von den drei Brüder und derbarmt sich über die Malkah und sagt, er wollt sich unterstehen den Lintwurm um das Leben zu brengen, aber die Malkali sollt ihm versprechen, daß sie ihn nehmen will zu einem Mann. Die Malkali verspricht ihm, daß sie ihn nehmen will, und alle die Szärim versprechen ihm, wenn er den Lintwurm um das Leben würd brengen, denn soll man ihn zu einem Melech krönen. Nun mau warf den Riesen naus und der Lintwurm schlindt ihn ein, aber er zuschneidet den Lintwurm, und er kam lebendig wieder 'raus. Die Szimehah (Freude) war groß. Nit alleins den große Besek (Schaden) das er an Menschen und an Viehch und an Pferd gethan hat und an viel Häuser gethan hat, er hat auch gemacht, daß man kein Thor von den Mäkom (Ort) hat können öffnen, und in der ganzen Zeit ist niks geackert und gesät worden. Wenn es noch länger gewährt hätte, hatten sie müssen vor Hunger sterben. Und der Lintwurm hat die . Stadt viel klener gemacht, und die Chorwoth (Verheerung) die er gemacht hat, die kann man nit als beschreiben. Nun die Malkali halt ihr Wort und nahm den Schlösser der Niesen zu eim Mann, und man krönt ihn zu einem Melech gleich man ihm versprochen hat, und jedermann waren ganz wohl zufrieden mit ihm, hillat (zumal da) er den Lintwurrn hat um das Leben gebracht, das Gutes konnten sie ihm nit vergessen, und sie thaten ihm als Käwod (Ehre) an, wie es sich ein Melech gebührt. Wie der Schlösser nun sah, daß er geliebt was in die Leuten Augen, und alls was er geboten hat das geschah, so gebietet er, daß man zu eim ewig Gedächtniß von wege des Maasse (Begebenheit) mit dem Lintwurm soll man die Stadt Würms, heißen, und es kann sein, daß die Stadt zuvor Garmisa geheißen hat, denn man find in Sz’farim (Büchern) wenn man von sie etwas schreibt, da waren sie geheißen Ghachme Garmisa (die Weisen von Garmisa). Und wenn von dem Melech der Schlösser, da kommt es her, daß man die Stadt noch auf den heutigen Tag Wurms heißt. Und damit als da nit vergessen werden, daß ein Schlösser zu Wurms Melech ist gewesen, da soll die Stadt ein Schlüssel vor ein Wappen führen. Darum hat die Stadt Wurms ein Schlüssel vor ein Wappen. Und an das Etzah (Rath)haus, das man die Minz heißt, das auf der Mark steht, da seinen gestanden angemalt, die drei Brüder mit dem Lintwurm und die Malkali mit ihr Krone derbei zu ewigem Gedächtnis." Mit diesem armen unbehilflichen Erzählerton, mit diesem traurigen Sprachgemisch vergleiche man nun die Lieder, die in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts — genauer läßt es sich nicht > datiren — der jüdische Minnesinger Süßkind von Trimberg sang. Er war durchaus kein hervorragender Dichter, und die Hymnen, die besonders Livius Fürst „in einer poetischen Biographie, die an grotesk geschmackloser Verstimmelung" (wie Roette sich ansdrückt) „das Unglaubliche leistet", auf ihn anstimmt, müssen entschieden abgewiesen werden. Aber gerade weil Süßkind fein besonderes Genie war, ist er eine charakteristische Erscheinung. Als Achille Fould Senator geworden war, bemerkte Heinrich Heine, man sage den Juden immer: „Seid nur was besonderes, dann werdet ihr auch schon was werden". Aber damit sei eS nicht gethan; die volle Gleichstellung sei erst erreicht, wenn ein unbedeutender Israelit so gut was werden könnte wie ein beliebiger Christ. Und unter diesem Gesichtspunkt begrüße er Foulds Ernennung als einen großen Fortschritt. Was der Spötter sarkastisch äußerte, gilt auch im Ernst. Wie groß muß die Annäherung der Juden an die Christen zu einer Zeit gewesen sein, in der ein Durchschnittstalent aus ihrer Mitte 'i MKWWW« M