Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 30 (24.7.1896)
- Date
- 1896-07-24
- Page
- Seite 354 (sequence 6)
- Language
- German
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zu schwer! Und was sollte denn die Bedachung der Vorhalle tragen, wenn nicht diese beiden Säulen, die in ihrer ganzen Beschaffenheit an assyrische Muster erinnern. Ihr Ursprung aber — und dies dürfte der Grund sein, warum sie mit Eigennamen belegt werden — ist phöuizisch, wo sie dem Gotte Melquart, besser bekannt als Baal von Tyrus, geweiht waren, der im Winter bei den Säulen des Herkules Ruhe findet. Von einer weiten,Reise des Baal wird uns auch in I. Regum XVIII, 27,. berichtet, wo Elijjahu die Baalpriester verhöhnt, indem er ihnen zuruft: „Vielleicht befindet sich Baal auf einer Reise." Wenn auch der Wahrheitsbeweis für diese Behauptung nicht angetreten werden kann, gehen doch die Meinungen sowohl der Kunsthistoriker, als die der Bibelforscher über Wesen, Beschaffenheit und Bestimmung dieser Säulen weit ans einander, so kann es doch als ausgemacht gelten, daß sie nicht als Abwehr, sondern nur als struktive Elemente verwendet wurden. Nicht minder sicher ist es aber, daß den Löwenfiguren in der Synagoge nicht die Bedeutung eines Apotropaion zuerkannt werden kann. Sie könnten aber eine rein dekorative Bestimmung haben. Denn die Einwendung, die Krauß macht, daß „zum Zeichen, zum Symbol eine .Figur genügend wäre", wird er selbst doch auch nicht ernst nehmen. Wo bleibt der Sinn für die Symmetrie, den wir doch den alten Juden trotz ihres mangelhaften Kunstsinnes nicht absprechen können. Aber diese vermeintliche Alleinherrschaft des Löwen in der Synagoge besteht in Wirklichkeit nicht, denn die Greife kommen in den Gotteshäusern zumindest so häufig vor als die Löwen, und die autoritative Behauptung von Krauß, „daß es sich kaum je ereignet haben dürfte, daß eine Synagoge mit Greifen oder Sphinxen geschmückt worden wäre", richtet sich nun selbst. Nicht nur in der Gegenwart, sondern auch in der Vergangenheit, und merkwürdigerweise eben bei den wegen ihrer Stockfrömmigkeit verrufenen Juden Galiziens ist der Bilderschmuck in den Synagogen weit verbreitet. Dieser wählt seinen Stoff aus dem Gesammtgebiete des Pflanzen- und Thierlebens. Eine prachtvolle Anwendung zweier Greifgestalten sah ich erst unlängst in meiner Gemeinde. Da wurde nämlich ein neues Karvebeth gestiftet, ein Kunstwerk der Stickerei und Nadelmalerei, an welchem das innere Feld, in welchem die Widmung angebracht ist, von zwei gewaltigen, prächtig stilisirten und dramatisch bewegten Greifen umringt ist. Den Blumenschmuck finden wir aber als Lorbeerkranz in den Synagogen, und in einer deutlich bezeigten Form, wahrscheinlich als Knospen und Blüthen der Lorbeerpflanze, im Tempel Salomonis. (I. ReZ. VI, 18.) Die zwei Cherubim, die mit ihren gezückten Schwertern den Eingang des Edens bewahren, sind ein deutlicher Fingerzeig auf den Ursprung dieser Sage. Die Ajilim des Ezechiel sind aber keine dekorativen Elemente, sie sind — nach dem Zusammenhang zu urtheilen — überhaupt keine Bildwerke, sondern architektonische Bestandtheile des Tempels. Die Cherubim werden aber auch bei Ezechiel nur als Wandschmuck (XLI. 18—20) verwendet, können daher eine den Thiergestalten zngetheilte bewachende Nolle in der Synagoge nicht bekleiden. Ob die Thiergestalten an den Eingängen assyrischer Paläste und Tempel beflügelt wurden, um dadurch eine größere Kraft zum Ausdruck zu bringen, kann auf die bloße Behauptung Krauß' auch nicht als erwiesenbetrachtet werden. Durch die Verquickung der unteren Thierwelt mit den Luftbewohnern sollte vielmehr die Göttlichkeit oder die metaphysische Beschaffenheit dieser Wesen zum . Ausdruck gelangen. Es bleibt daher nur die eine Annahme, daß die Löwen in der Synagoge das Symbol des Stammes Juda sind, die entweder die beiden Bundestafeln, also das göttliche Gesetz festhalten, oder im Begriffe stehen, die Thora zu krönen. Ist aber dem Bilderschmucke in der Synagoge eine, wenn auch nur untergeordnete Rolle gewährt, dann ist es nicht einzusehen, warum diese nicht erweitert werden könnte. Die betreffenden Verbote in der Tradition (Joreh Deah § 141) ^machen ausdrücklich einen Unterschied zwischen Skulptur oder Reliefwerken und zwischen den Schöpfungen der Malerei. Indem sie die Ersteren auch nicht strenge untersagen, gestatten sie die Anbringung der Letzteren deutlich. Daß ein schöner Bilderschmuck die Andacht nicht stört, sie im Gegentheile hebt, ist eine Thatsache, die civilisirten Menschen nicht erst beigebracht werden braucht. Ist gegen dieselbe aus religiösem Standpunkte nichts 'einzuwenden, so spricht eine volkserziehende Tendenz, die ihnen innewohnt, entschieden zu ihren Gunsten. Einen Rückfall in die bilderanbetende Zeit halbbarbarischer Völker wird man doch von der Anbringung der Bilderwerke ernstlich nicht zu befürchten haben. Es ist'vielmehr zu erwarten, daß sie die Hebung des religiösen Sinnes (?) nicht unwesentlich beeinflussen werden. Denn trotz seiner hohen Bildungsstufe beansprucht der moderne Mensch einen sinnlichen Eindruck, um einer Idee zugänglich gemacht zu werden. Fast möchte man sagen, daß in dem Kunstsinne uns ein neuer, sechster Sinn erwachsen ist. Aber der bilderfeindliche Grundzug des jüdischen Charakters sträubt sich noch immer gegen die Einführung des Bilderschmuckes in die Synagoge. Wahrlich, auf schwachen Füßen ruhet der Monotheismus, den eine künstlerische Ausschmückung seiner Andachtsstätte erschüttern kann! Das Judenthum kann von der Einführung des Bilderschmuckes in die Synagoge nur eine Stärkung des religiösen Bewußtseins erwarten. Und dann,, haben wir doch sozusagen eine Ehrenschuld gegen unsere eigene Vergangenheit abzutragen. Sollen jene wechselvollen Begebenheiten unserer Geschichte, in welchen die ewige Idee des Judenthumes zum Ausdrucke gelangt, vergessen und verschollen bleiben für immer? Der schönste Platz für diese Begebenheiten wäre die dankbare Erinnerung der Nachwelt. Allein der historische Sinn ist bei uns nicht ausgeprägt, und nur die Wenigsten haben eine Ahnung von der glorreichen Vergangenheit ihres eigenen Stammes. Jene Leiden, die das Judenthum erduldet, jene Scheiterhaufen, auf welchen die Ahnen der heutigen Juden wie eine Feuersäule der Wahrheit und des Glaubens lichterloh gebrannt, sind ein kostbares Erbe für uns, würdig, um von uns treu bewahrt und festgehalten zu werden. Der einzig würdige Ort zur Aufnahme dieses Schmuckes ist unsere Synagoge, deren kahle Mauern uns in einer fast abschreckenden Weise an jene Thatsache erinnern, daß anstatt jener tiefbewegten und bewegenden geschichtlichen Begebenheiten, die unsere Vergangenheit füllen, eine leere, kahle Stelle sich in unserer Brust vorfindet — die vollständige Unkenntniß unserer^ Vergangenheit. Die Malerei, der wir unsere Synagogen wieder öffnen, wird diese Erinnerung und danlit auch das jüdische Bewußtsein in uns neu beleben und so die Begeisterung für unseren alten Glauben anfachen. Dem aufgeklärten Manne sind Kunst und Glauben nicht feindliche Mächte, die einander befehden, sie sind ihm Offenbarungen des göttlichen Geistes, die ihn zur Andacht anregen.') *) Wir können uns diesen Ausführungen, wie gut sie auch gemeint sind, nicht anschließen. Wir geben zu, daß nur ein geringer Bruchtheil unserer Glaubensgenossen die Geschichte unseres Stammes kennt, allein die Malerei wird diesem Nebel nicht abhelfen. Nur ein gediegener Geschichtsunterricht ist im Stande, das jüdische Bewußtsein neu zu beleben. Die Synagoge aber soll ein Bethaus und nicht ein Bildermuseum sein? Die Red.