Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 30 (24.7.1896)
- Date
- 1896-07-24
- Page
- Seite 353 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3228148-3228179--52973-3258626- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Verein der Rabbiner und Lehrer für Rheinland und Westfalen habe Forderungen gestellt, die, zu weit gehend, nur einen ideellen Werth hätten. Jetzt wolle und solle man sich auf einen realen Standpunkt stellen. Wie aber soll das vörgesteckte Ziel erreicht werden? Die Zeit, in der, und die Verhältnisse, unter denen wir leben, sind allerdings keine günstigen, und dennoch dürfen wir nicht rasten in unseren Bestrebungen, da ja auch der Staat ein Interesse an der religiösen Erziehung der Jugend hat. Es muß daher auf vertrauliche Verhandlungen mit den Staatsbehörden hingewirkt werden, und dieses Bemühen dürste um so erfolgreicher sein, da der-Ministerial-Direktor Kügler, der eines großen Einflusses im Kultusministerium sich erfreue, der Sache näher zu treten sich bereit erklärt habe. Auch sollen nicht bündige Forderungen gestellt werden, sondern man möge mit Ruhe und Sachlichkeit die Angelegenheit zu fördern suchen. Allerdings würde die Regierung vor allem ein bestimmtes Einkommen fordern, und um dies zu erlangen, müßte man mit den Vorständen in Verbindung treten. Da diese aber wahrscheinlich einer Einmischung der Behörden in ihre Angelegenheiten zurückweisen würden, müßte man das vorgesteckte Ziel durch die Gemeinde-Verbände, wie solche für Oberschlesien, Ostpreußen und Westfalen bestehen, oder durch den D. I. G-B. zu erreichen suchen. In ähnlicher Weise müßte man zur Erlangung von Pensions- und Reliktenkassen vorgehen. .— Herr Bernhardt schließt seinen• Bortrag mit einer Reihe von Leitsätzen welche, wie die vorausgegangene Auseinandersetzung, einstimmige Billigung und Annahme fanden. Hiermit fand, auch Punkt 6 der Tagesordnung seine Erledigung, und die Sitzung wurde gegen 2l/2 Uhr geschlossen. Der Schriftführer: Dr. Samt er. Bilderschmuck in der Synagoge. Von Rabbiner Dr. Leopold Goldschmied in Miß.litz. (9-^^^ie die exakten Wissenschaften, so operirt auch die Kunstgeschichte mit gegebenen Größen. Die Denkmäler der Wv® Kunst sind jene Grundlage, auf welche sie ihr Gebäude aufftthrt, und wenn dieses nicht ein Luftschloß sein soll, dann müssen Theorien und Hypothesen möglichst gemieden werden. Wohl gelangt in jedem Kunstwerke eine Idee zum Ausdrucke, aber die Sucht, in einer Kunstschöpfung eine tiefere Idee' finden zu wollen, als der Künstler. hineinzulegen beabsichtigte, führt in das Dickicht des Symbolismus. Dieser transsubstanziirt die durchaus materielle Grundlage der Kunst, er erblickt in nebensächlichen Monienten wichtige Probleme, er wittert überall Absicht, und man wird — verstimmt. Wohl kann die Berechtigung der vergleichenden Kunstgeschichte nicht geleugnet werden. Es muß zwischen den leitenden Motiven und. der künstlerischen Auffasiung verschiedener Jahrhunderte ein innerer Zusannnenhang vorhandeil sein, und diesen zu entdecken, ist ebenso wichtig von dem Standpunkte der Kunstgeschichte, wie es lehrreich ist, in kulturhistorischer Beziehung. Aber dieser innere Zusammenhang darf ilicht aus rein äußerlicheil Momenten hergeleitet werden, lind die Aehnlichkeit in den Kunstwerken verschiedener Epochen, die gleiche Anordnung Und Auffasiung in einzelnen Schöpfungen von einander elltferllter Jahrhunderte kann nicht auf ähnliche Grundgedanken zurückgeführt werden. Wenn man zum Beispiel in den altchristlichen Bauten des vorderen Syriens Spitzbogenfenster und Kreuzgewölbe findet, so stehen diese mit dem — fälschlich den gothischen genannten — Spitzbogensystem des Mittelalters ebensowenig im Zusammenhänge, wie es verfehlt wäre, die .Rundbögen der Cloaca macima zu Rom mit der auf dem gleichen Kuustprinzip ruhenden romanischen Bauart in Verbindung zu bringen. Es giebt eben auch auf dem Gebiete der Kunstgeschichte ähnliche, doch nicht gleiche Erscheinungen, die wohl äußerlich zusammenhängen, innerlich und ihrem Wesen nach von einander verschieden sind. Bringt man nun diese äußeren Ähnlichkeiten in . einen inneren Zusammenhang mit einander, dann arbeitet man mit Hypothesen, die mit dem Wesen der Kunst nicht vereinbar sind. . Diesen Fehler begeht Dr. Samuel Krauß in einem Aufsätze, den er in dem Jahrbuche der israelitisch-ungarisch-literarischen Gesellschaft und in Nr. 5 der Oesterreichischen Wochenschrift veröffentlicht hat. Die Löwenfiguren, die wir in den Synagogen und auf verschiedenen Tempelgeräthen antreffen, stehen im Widerspruche mst dem bilderfeindlichen Geiste der Bibel. Dr. Krauß will in ihnen Apotropäen, zum Schutze des Heiligthnms bestimmte Thiergestalten erblicken, wie sie in der ägyptischen und assirischen Kunst häufig Vorkommen. „Infolge einer gewissen Empfindung von Furcht und Aberglauben" haben diese Gestalten in die Synagoge ihren Eingang gefunden und werden heute noch, wo ihre ursprüngliche Bedeutung längst vergessen ist, gleichsam aus Gewohnheit angewendet. Es wäre nicht nöthig gewesen, das Löwenthor von Mykenae anzuführen, um die aller Welt offenkundige Thatsache zu beweisen, daß Löwen und sonstige Thiergestalten zur Bewachung der Tempel und Paläste verwendet wurden. Denn nicht nur zu Korsabad und Birsch-Nimrud, sondern, auch in der Bibel finden wir Löwengestalten, und zwar im Cedernpalaste des Königs Salomo, wo die sechs zum Throne führenden Stufen von je zwei Löweufiguren flankirt waren. Ob nun die Cherubim im Inneren des Heiligthumes zur, Beschützung der Bundeslade bestimmt waren oder nicht, ein Zusammenhang zwischen ihnen und den heutigen Löwengestalten kann schon deshalb nicht angenommen werden, weil ein derart hohes Alter bei den Löwen nicht verbürgt ist. Vorerst müßte der Beweis erbracht werden, daß die Löweufiguren in der Synagoge schon zu einer Zeit vorhanden waren, in welcher das Volk das Bedürfniß empfand, sein Heiligstes durch sicht- und greifbare Figuren zu retten. Stände es' fest, daß den Löwen in der Synagoge ein derart hohes Alter zukommt, dann müßte noch der Beweis erbracht werden, daß zwischen ihnen und den Apotropäen ein Zusammenhang besteht. Die Art und Weise, wie diese Figuren angebracht werden, ihre Größe und der Umstand, daß sie in der Synagoge keine Alleinherrschaft führen, diese und noch viele anderen Momente sprechen gegen eine derartige Annahme. Apotropäen wurden mir bei den Eingängen der Tempel und Paläste angebracht. Außer an dem Löwenthore zu Mykenae finden wir sie nirgend in einer stehenden Stellung, dort aber auch nur darum, weil die Beschaffenheit der Fläche eine andere Anordnung nicht zuläßt. Sonst liegen sie in würdiger Ruhe aus ihren Postamenten, oder schreiten majestätisch vorwärts. Sie sind ohne Ausnahme von einer übernatürlichen Größe, um das Gefühl der Furcht zu wecken. Nun sind aber die Löwen in der Synagoge nie vor dem Eingänge, auch nicht über der Bundeslade angebracht, sondern immer nur an den Silbergeräthen, Thoramäutelchen und sonstigen Paramenten. Sie stehen einander immer gegenüber und halten die zwei Bundestafeln zwischen sich. Ihre Dimension ist eine derart geringe, daß sie einem Spielzeuge oder einem gewöhnlichen Dekorationsmotive viel ähnlicher sieht, als einem zur Beschirmung des Heiligthums berufenen Wesen. Verlockt durch jene Liebe, die Krauß für seine "Entdeckung empfindet, geht er so weit, die beiden Säulen Jachin und Boaz des salomonischen Tempels, also zwei leblose Wesen, auch als Schutzgeister anzusehen. Wie möchten sich diese beiden, durch ein reines Konstruktionsprinzip bedingten Säulen wundern, wenn sie erführen, welche Rolle ihnen zugemuthet wird. Tragen kann schon eme Säule, denn das ist ihre Bestimmung, doch das Heiligthum vor srevlerischem Einbruch bewähren, ist für unbewegliche Säulen etwas