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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-07-24 · Heft 30 (24.7.1896) · p. Seite 350

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 30 (24.7.1896)
Date
1896-07-24
Page
Seite 350 (sequence 2)
Language
German
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Schulen Preußens überhaupt erst ermöglicht werde durch die - Existenz einer staatlich anerkannten, für ganz Preußen zu errichtenden jüdischen Centralstelle/ Eine solche aber ist, bei der augenblicklich herrschenden Strömung, für absehbare Zeit nicht zu erwarten. So bleibt nichts anderes übrig, als einstweilen diese und andere Fragen der schon bestehenden Centralvertretung der deutschen Jüdenheit, also dem Deutsch-israelitischen Gemeindebunde und seinem Ausschüsse, zur Erledigung an die Hand 311 geben. Diese Gesichtspunkte waren es im Wesentlichen, welche den. Gemeindetag dazu veranlaßten, die Vorlage des Ausschusses bezw. der kleineren Gemeinde-Verbände gutzuheißen. Wir freuen uns auch dieses Resultats und wünschen nur Ähnlichst, daß den Worten bald auch die Thaten folgen mögen, die vielleicht-entscheidend sein werden für die Zukunft des Judenthums in Deutschland. Me Woche. f Berlin, 22. Juli, ie aus Anlaß der bemerkenswerthen antisemitisch-konservativen Wahlniederlage in'letzterer Zeit von Neuem entbrannten Streitigkeiten zwischen Antisemiten und Konservativen bieten dem stillen Beobachter ein interessantes Schauspiel. Liebermann v. Sonnenberg, der Prügelknabe des Herrn Hans v. Mosch, hält den Konservativen vor, daß die Antisemiten ihnen 15 Wahlkreise verschafft hätten. Die „Kreuz-Zeitung" ist eutrtistet und bleibt die Antwort nicht schuldig. „Freidtschl." ist mit dem Bruch sehr zu-- frieden und schüttet ihren Groll über die Konservativen in der Nummer vom 16. Juli aus:' „Sind die Konservativen denn überhaupt ein Gegnerden man, Grund hat zu fürchten? Sie an und für sich nicht, so lange es nach Recht und Gesetz zugeht. Der Durchschnitts-Konservative ist viel zu faul, beschränkt und unwissend, um als politischer Gegner ernst genommen zu werden. Leider aber giebt's weite Landestheile, zumal im Osten, wo das, Wahlrecht in der That überhaupt nicht vorhanden ist. Dort allerdings können sie uns sehr erheblich schaden, freilich kaum, mehr, als es bisher geschehen ist. Denn viel toller, als schon jetzt üblich, kann Lokal - Abtreiberei, Wahlbeeinflussung durch kenntliche Stimmzettel und Druck auf wirthschaftlich Abhängige u. dergl. m. kaum betrieben werden. Dagegen sind wir im Stande, dem Feinde gegenüber einen Gegendruck auszuüben, den man gegen den angeblichen Bundesgenossen nicht im vollen Umfange hat anwenden wollen. Jede konservative Ungesetzlichkeit muß an den Pranger gestellt werden, wo es möglich ist, auch dafür gesorgt werden, daß diejenigen Herren, die es gar zu arg machen, 'mal ein paar Monate hinter Schloß und Riegel kommen. Was meinen Sie, Herr Graf Arnim auf Mellen au? Das ein paar Jährchen durchgesetzt, dann werden die politischen Wegelagerer der Ostprovinzen verschwinden wie einst ihre hochwohlgeborenen Borfahren die Herren Leuteauspocher und Kuhdiebe. ... Wo unser Wahlwerben auf guten Boden fiel, war der Konservative bei Handden Auch-Antisemiten zu spielen; wo dies nicht gut schieu, kehrte er den Gegner heraus. Mo er sich sicher fühlte, verhinderle er, oft genug mit behördlicher Unterstützung, unsere Thätigkeit, wo er rothe Anwandlungen fürchtete, ebnete er uns die Wege. Stets bereit, bald tückisch lobend uns zu verdächtigen, als seien wir seine geheimen Parteigänger, bald lärmend uns als verkappte Förderer des Umsturzes zu unterdrücken. Sein schonendes Lächeln/ der Druck seiner wohlgepstegten Finger nichts' als List und Verrath! - Auch in den: rein antisemitischen Lager gährt. es gewaltig, so daß wir, wären' wir . schadenfroh, unsere rechte Freude daran haben könnten. Der Hauptvorwurf aller Anklagen des Einen gegen den. Andern ist — Lüge. Wir glauben, daß sie diesmal die Wahrheit sagen. . - * Das von Baron Hirsch begründete Werk der jüdischen Kolonisationsgesellschaft hat auch für Deutschland insofern ein großes -Interesse, als sein Begründer allen zu weit gehenden Utopien abhold war. Deshalb hat auch die jüdische.Gemeinde Berlin die ihr durch das Testament des Baron Hirsch zugefallene Erbschaft an Antheilscheinen der Gesellschaft angetreten und betheiligt sich mit Eifer an dem weiteren Ausbau des Werkes. Zn der kürzlich : in London abgehaltenen bedeutsamen Versammlung der jüdischen Kolonisationsgesellschaft, welche das ihr nachgelassene Werk des Baron Hirsch einen Schritt weiter geführt hat, hatten sich auch Abgeordnete aus Deutschland eingefunden, nämlich Herr Dr. Lachmann aus Berlin, als Vertreter der jüdischen Gemeinde zu Berlin, und Herr ' Rechtsanwalt Julius. Plotke, als Vertreter der israelitischen Gemeinde zu Frankfurt a. M. Es waren ferner deputirt Herr M. G. Lousada und Herr Narciß Leven,., als stellvertretender Vorsitzender der Alliance israelite, Herr F. D. Mocatta. Herr Generalkonsul Franz Philippson, als Vertreter der Synagogengemeinde Brüssel, Herr Claude G. Montefiore und Herr Leopold Schloß, als Delegirte der Anglo Jewish Association. Eine von den Herren Lousada und Dr. Lachmann eingebrachte und befürwortete Resolution über den tiefen Verlust, den das Kolonisationswerk durch das Hinscheiden seines Begründers, des Baronin Hirsch, erlitten hat, wird der Wittwe des Entschlafenen, Frau Baron Hirsch, übermittelt werden. Herr Lousada berichtete, daß die Gesellschaft jetzt 470,000 Acres ihr eigen nenne, davon sei nur die Hälfte bereits durch Kolonisten, deren Zahl 7500 beträgt, angebaut. Das weitere Wirken der Gesellschaft wird darauf ausgehen, durch landwirthschaftlicheund Industrieschulen das Kolonisationswerk zu fördern und die noch freiliegenden Flächen durch tüchtige Ackerbauer bebauen zu lassen: Da das Mandat des jetzigen Vorstandes der Gesellschaft am 10. Oktober abläuft, hat in London eine Neuwahl stattgefunden. Die jüdische Kolouisationsgesellschaft wird fortan vertreten durch die Herren S. H. Goldfchmidt, Leven, Reinach, Alfred Louis Cohen und H. G. Lousada. — Die Verhandlungen wurden in englischer, französischer und deutscher Sprache geführt: Von den Administratoren der Gesellschaft waren Dr. Sonnenfeld und Herr Adler, sowie Herr Dr. Schwarzfeld, der Sekretär der jüdischen Kolonisationsgesellschaft, erschienen. * Der neue italienische Finanzminister, Luigi Luzzatti, bekleidet dieses Amt nicht zlim ersten Mal, unser illustrer Glaubensgenosse, hatte dasselbe Portefeuille bereits 1891 inne. Er war vorher Professor der Nationalökonomie an der Universität Padua und wurde von dieser Stadt auch zuin Abgeordneten für die Deputirtenkammer gewählt, wo er sich in der Budgetkommission auszeichnete. 1885 war er der Vertreter Italiens auf-der internationalen Münzkonferenz in Paris. 1887 wurde er anläßlich seiner Thätigkeit in Wien und Budapest von Kaiser Franz Josef sehr ausgezeichnet. Obwohl Jude, ist er jetzt zum zweiten Male Finanzininister, er hätte es schon früher wieder werden können, aber Luzzatti wollte seinen Lehrstiihl an der Universität nicht aufgeben. Nur in Italien und in der Türkei ist es bisher jüdischen Staatsmännern der Gegenwart möglich, bis zu den ersten Stellen im Staate vorzndringen. So ist einer der höchsten Beamten der italienischen Gesandtschaft in London, Graf Hierschel di Minerbi, Jude, ebenso der Direktor des Auswärtigen Amtes in Rom, Herr Malvano. Doppelt soviel jüdische Mitglieder als im englischen Unterhause und Oberhause sitze:: in der Kammer und im Senat Italiens und, was wohl zu bemerken ist, sie betonen fast alle die feste Anhänglichkeit an den Glauben ihrer Väter.

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