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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-07-17 · Heft 29 (17.7.1896) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 29 (17.7.1896)
Date
1896-07-17
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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3 Bursche, hat bereits ein Geständnis abgelegt, er giebt an, die That aus Noth verübt zu haben. — Hier ist der Ober-Inspektor der k. k. Staatsbahn, Herr Ferdinand Czerwenka, im 64. Lebensjahre verschieden. Der Verstorbene, der es als Jude zu einer so hervorragenden Stellung gebracht hat, war ein ausgezeichneter Beamter und zugleich ein glaubenseifriger Jude. Bl. Budapest, 1. Juli. Der Ehrenpräsident des Kecskemäter Stndentenkongresses richtete an die dort versammelte Jugend eine patriotische Ansprache, in welcher jene Stelle besonders interessant war, wo zwischen den Bestrebungen der Wiener und der ungarischen Jugend eine Parallele gezogen wurde. Das Motto der Wiener Jugend ist, sagte der Redner: „Hasse den Juden", das der ungarischen: „Liebe das Vaterland"; das Ideal der Wiener ist ein verhaßter Demagoge, das der ungarischen der.gekrönte König Franz Josef. — In O-Becse weilte der Bischof Karl Szüsz, der die Einweihung der neuerbauten, evangelischreformirten Kirche vornehmen sollte. Ehe er aber dieser Amtspflicht nachkam, besuchte er die dortige bescheidene Synagoge, wo er vom Gemeindevorstand empfangen wurde. Auf die Ansprache des Gemeindepräses sagte der Bischof unter Anderem: „Ich kann es mit großer und selbstbewußter Freude sagen, daß auch ich an der Jnartikulirung des Rezeptionsgesetzes ein Verdienst habe. Viel früher gab es eine Zeit, in der eine soziale Krankheit, der sogenannte Antisemitismus, den innern Frieden unseres Vaterlandes störte. In dieser kritischen Zeit besuchte ich 300 Gemeinden meiner Diözese und ermahnte meine Gläubigen zu dem Umsichgreifen dieser Epidemie keine hilfreiche Hand bieten. Ich kann es mit Vergnügen konstatiren, daß sich keine dieser Gemeinden dem Antisemitismus in die Arme warf. Ich that dies im Interesse der vaterländischen Juden mit besonderm Vergnügen, weil ich die Ueberzeugung gewonnen habe, daß fie in Bezug auf Vaterlandsliebe und die Kulturbestrebungen allen andern Konfessionen zum Vorbilde dienen können. — Der Debreczener.Privatier Anton Steinfeld testirte verschiedenen -wohlthätigen Instituten 54 000 Kronen. — Ludwig Ullmann wurde zum königlichen Hofrathe ernannt. — Die Debreczener Kultusgemeinde rüstet zur feierlichen Einweihung ihrer neuerbauten prachtvollen Synagoge. In der Umgebung der Stadt kursirte das Gerücht, daß diese Feier mit der Abschlachtung von zehn Christenkindern eingeleitet wird und daß der König dazu seine Einwilligung gab, da er den Juden viel schulde. Die Behörde leitete eine strenge Untersuchung ein, welche de^y,geistigen Urheber dieses albernen Gerüchtes in der Person eines Geistlichen entdeckte. Er wird sich vor dem Strafgericht zu verantworten haben. — In Mezö-Kövesd wurde Rabbiner Samuel Ehrenfeld-Szikszo zum Rabbiner gewählt. ▲ Kaschau, 6. Juli. Eine Deputation unserer Gemeinde begab sich jüngst unter der Führung des Ober-Rabbiners Simon Händler zum römisch-katholischen Bischof, Dr. Sigmund Bubics, um ihn aus Anlaß seiner Ernennung zum wirklichen Geheimen Rathe zu beglückwünschen. Auf die Ansprache des Ober - Rabbiners erwiederte Bischof Bubics ungefähr Folgendes: „Ich sage Sr. Ehrwürden dem Herrn Redner für seine glänzende Ansprache meinen besten Dank. Seirte Worte habend auf mich einen unvergeßlichen Eindruck gemacht. Der Allmächtige erhalle ihn noch lange im Besitze seiner Kraft und seiner geistigen Fähigkeiten. Ich persönlich empfinde für die israelitische Konfession große Hochachtung, nicht nur weil ihre heiligen Bücher auch unsere heiligen Bücher sind, sondern weil ihre Angehörigen Gott in so hohem Maße ehren, daß sie, obgleich sie eine Vorstellung von ihm haben und ihn auffassen, soweit es der menschlichen Vernunft möglich ist, aus Ehrfurcht seinen Namen niemals aussprechen. Nachdem es meine Ueberzeugung ist, daß auch im Staatsleben die Achtung der lebensfähigen Kräfte, sei es auf dem Gebiete der Wissenschaft oder des Handels und der Industrie, außerordentlich wichtig ist, halte ich es für rvünschenswerth, daß sich auch in unserer Stadt die Kräfte vereinigen, und daß insbesondere die gebildeten und befähigten Individuen einander gegenseitig unterstützen. Damit allein wird der Fortschritt gesichert. Seien Sie überzeugt, daß mir Ihr Glückwunsch große Freude bereitet, und daß ich die beredten Worte Ihres ehrwürdigen Sprechers, welche auf mich so große Wirkung übten, niemals vergessen werde." , $ Lemberg, 28. Juni. Der jüngst erschienene Jahresbericht des „Vereins der landwirthschaftlichen Verbände" enthüllt dem 'aufmerksamen Leser die ungeheure Verheerung, welche dieser Verein unter den ärmeren Schichten der jüdischen Bevölkerung angerichtet hat. Derselbe hat sich bei seiner vor etwa anderthalb Dezennien erfolgten Begründung die Aufgabe gestellt, die materielle Lage der Landbevölkerung dadurch zu heben, daß, zu einem rationellen Betrieb des Ackerbaues angeleitet, ihr die Beschaffung von landwirthschaftlichen Maschinen, von Samen zum Anbau und dergl. erleichtert wird. Ader bei uns zu Lande kann nun einmal keine Aktion im größeren Stile eingeleitet werden, ohne daß sie eine gegen die Juden gekehrte Spitze erhält, und so wurde denn später das Programm dahin erweitert, daß der Verein sich auch als handeltreibende Körperschaft konstituirte, um beim Verkauf der landwirthschaftlichen Produkte zu vermitteln und durch Gründung von „christlichen" Läden der Bauernbevölkerung „billige Beschaffung ihrer Bedürfnisse" zu ermöglichen. Der zweite Theil des Programms war offenbar darauf berechnet, die Juden aus dem Kleinhandel zu verdrängen, und hatte zugleich den Vortheil, daß die Aktion dadurch den Charakter eines Kampfes gegen die Juden gewann und so die wachsende Unzufriedenheit der Bauernbevölkerung vom Adel abgelenkt wurde und eine Richtung gegen die Juden erhielt. Nach fünfjähriger „Rettung" der Bauern haben sich im verflossenen Jahre die Früchte gezeigt: Massenauswanderung der ländlichen Bevölkerung aus allen Theilen Galiziens nach Brasilien und im Lande eine bedrohliche Gährung, welche sich in der stets wachsenden radikalen Volkspartei ausdrückt, die die beiden sonst feindlichen Stämme zu einer mächtigen Bauernpartei zusammengeschweißt hat, mit einer ausgesprochen feindlichen Richtung gegen Adel und Geistlichkeit. Anfangs glaubte man, dieser Bewegung Herr werden zu können, nun aber steht man ihr rathlos gegenüber. Offenbar hat die „Rettung" der Bauern durch Aufreibung der Juden wenig genützt. Innerhalb des Vereins wurde ein „Handelsbund" gegründet, welcher natürlich nicht auf eigenen Füßen stehen konnte und daher noch immer mit großen Mitteln aus der Landeskaffe erhalten werden muß. Die Hebung des Bauernstandes durch Anleitung zum Kleinhandel ist gänzlich mißlungen, aber die Vernichtung von zahllosen jüdischen Existenzen ist vorzüglich gelungen. In Westgalizien allein besitzt der Verein nicht weniger als 300 „christliche" Handlungen, in ganz Galizien sind ihrer 700. Dieselben weisen allesammt ein Defizit auf und können nur durch kräftige Unterstützung aufrecht erhalten werden. Aber zahllos sind die 'Opfer, welche dieser unbarmherzige Vernichtungskrieg unter den Juden gefordert hat, und trotzdem geschieht von Seiten unserer Glaubensgenossen nichts, um dem drohenden Verderben entgegenzutreten. Türkei. B. St. Konstantinopel, 8. Juli. Der Unter-Sekretär der-Allianz von Paris, Sylvain Benedict, weilt seit einiger Zeit in der Türkei und hat im Auftrag der Allianz eine Reihe der von ihr gegründeten Schulen inspizirt. In Konstantinopel besuchte er auch die vom Präsidenten der Allianz, S. H. Goldschmidt, persönlich geschaffene deutschisraelitische Schule. Soeben kehrte er dann von einem mehrtägigen Aufenthalt in Brussa zurück. Bon Konstantinopel begab sich der Sekretär der Allianz nach Philippopel, Tatar-Bazardschik und Sofia, von wo er noch nach Jamboli, Varna, Burgas, Schumla und Ruschtschuk reisen will, wo die Allianz überall je mehrere Schulen besitzt. — Da wir von Bulgarien sprechen, gestatten Sie mir, einen jüngst in Sofia stattgehabten Zwischenfall zu erwähnen, der Ihnen vielleicht nicht bekannt geworden ist. Die Juden von Sofia wollten eine Synagoge umbauen, die in der Nähe einer bulgarischen Kirche anstandslos seit langen Jahren sich befindet. Die bulgarische Geistlichkeit erhob jetzt plötzlich Einspruch gegen das Fortbestehen der Nachbarschaft des jüdischen Gotteshauses und ließ die begonnenen Arbeiten gewaltsam unterbrechen. Ist darin ein Zeichen der Zeit zu erblicken? Etwa das Wiedererwachen russischen Geistes, russischer Intoleranz in dem bisher so liberalen Bulgarien? — In Konstantinopel hat vor einigen Monaten — im März — ein großer Brand den meist von spaniolischen Juden bewohnten Stadttheil Dubek-Balata zerstört und zahlreiche Bewohner obdachlos und c^rm gemacht. Indessen hat sich reiche Hilfe schnell eingestellt. Bisher sind 75 803 Piaster — nämlich 15 958 Franken — an die Armen vertheilt worden. Bemerkenswerth ist, daß das meiste Geld zu diesem Zweck aus dem Ausland kam, was am besten beweist, daß das Gefühl der Zusammengehörigkeit trotz aller Lockerungsversuche bei den Juden

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