Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 29 (17.7.1896)
- Date
- 1896-07-17
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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so eingerichtet werden, daß in denselben 300 bis 400 Köpfe, nach Geschlechtern getrennt, nebst ihrem Gepäck je drei Tage und drei Nächte untergebracht, d. h. gespeist, verpflegt und logirt werden können. Die Hamburg - Amerikanische Packetfahrt- Aktiengesellschaft, welche dort ein Grundstück an der Unterwieck besitzt und schon jetzt alle vierzehn Tage einen^Dampfer ihrer Linie nach Newyork expedirt. hat sich bereit erklärt, zu obigem Behnfe ein Grundstück, das bei den Petroleumbassins an der Parnitz gelegen und gerade für diesen Zweck sehr geeignet ist, anzukaufen. X Bromberg, 5. Juli. In Rakel beging am 1. Juli der erste Lehrer der jüdischen Schule, Herr M. Stillmann, sein fünfzigjähriges Amtsj ubiläünr. Zur Veranstaltung einer würdigen Feier hatte sich aus früheren Schülern des Herrn Stillmann ein Komitee gebildet, und gestaltete sich dieselbe zu einer glänzenden Kundgebung. Um 9 Uhr versammelten sich die jetzigen und viele frühere Schüler des Jubilars in dem hübsch geschmückten Klassenzimmer, und dann wurde Herr Stillmann aus seiner Wohnung abgeholr; die Schulkinder sangen ein, für diesen Tag von dem Lokalschulinspektor Rabbiner Dr. Perlitz gedichtetes und von dem zweiten Lehrer Peezkowski in Musik gesetztes Begrüßungslied. Ein Schulkind sprach ein Gebet, auf das ein Choral folgte. Alsdann hob Dr. Perlitz die Verdienste des Jubilars als Lehrer hervor und schloß mit herzlichen Glückwünschen für das Wohlergehen desselben und seiner Gemahlin. Dann richtete Kreisk schulinspektor Sachse einige tiefempfundene Worte an den Jubilar. Bürgermeister Riedel, als Vorsitzender des Schulvorstandes, überbrachte dessen Glückwünsche und überreichte als Ehrengabe dem Jubilar eine Geldsumme. Zwei Schulkinder gratulirten im Namen der Schule und widmeten als Geschenk zwei fünfarmige Leuchter. Lehrer Peezkowski hob die lobenswerthen Eigenschaften des Jubilars als Kollege hervop; ein Gleiches geschah auch vom Hauptlehrer Mentkowski als Vertreter des Konferenzbezirkes unter Uebergabe eines Bildes der Konserenzmitglieder. Nun folgte Herr D. Hermann als Mitglied des Komitees früherer Schüler; er verlas die von den früheren Schülern gestiftete, kostbare Adresse und übergab die von denselben gesammelte klingende Ehrengabe. Darauf betrat der Jubilar das festlich geschmückte Katheder, um in längerer Ausführung im Anschluß an Psalm 90 darzuthun, mit welchen Schwierigkeiten er in seinem Leben und in seiner Amtstätigkeit xü kämpfen hatte, und schloß mit herzlichen Danksagungen an cche Gratulanten. Mit einem Schlußgebet und Abstngung eines ChoraA endete die erhebende Feier. Auch in. der Wohnung des Jubilars fanden sich im Laufe des Tages eine große Anzahl von Gratulanten ein und wurde dort noch mancher Toast beim Glase Wein ausgebracht. Hervorgehoben sei der des Herrn Lehrers Dey-Erlau auf die jüdische Gemeinde und der des Herrn S. Bärwald auf die in der Ferne weilenden früheren Schüler. Am Abend überraschten die gegenwärtigen Schüler den Jubilar durch die Aufführung zweier kleiner Festspiele und durch den Vortrag einiger Lieder. — In Samatschin feierte der emeritirte Lehrer Spiewkowski mit seiner Gemahlin das goldene Hochzeitsjubiläum und wurde ihnen von Sr. Majestät dem Kaiser die Ehejubiläümsmedaille verliehen. Die jüdischen Vereine, zu deren Stifter auch der Jubilar gehörte, überreichten als Ehrengabe einen Silberkasten. Stadtverordnete und Magistrat fanden sich, auch'zur Beglückwünschung ein, und die Einsegnung des Jubelpaares vollzog Rabbiner Dr. Walter - Bromberg. — Der jüdischen Gemeinde in Jannowitz schenkte ein Lehrer Cohn, der es in Amerika zum Wohlstand gebracht hat und sich besuchsweise hier aufhält, 600 Mark zur Aufstellung einer Friedhofsmauer. .e. Wreschen im Juli. Bei der jüngst vorgenommenen Repräsentantenwähl von 5 Mitgliedern und einem Vertreter wurden die Herren Hugo Ehrenfried, Louis Sieburth, Samuel Schreyer, Louls Miodowski, Leo Radziejewski und Sally Gersohn gewählt. Dcis Kollegium besteht aus 11 Repräsentanten, die Herrn Hugo Ehrenfried wieder zum Vorsitzenden wählten. Bei der Vorstandswahl wurden die Herren Stadtrath Mendel Miodowski zum 1. Vorsteher und die Stadtverordneten Hermann Ziegel, Hermann Mirels zu Vorstandsmitgliedern, Kaufmann Josef Gans zum Stellvertreter gewählt. — Herr Rabbiner Dr. Lewin hat fiA die Schulkinder der Volksschule, Knaben- und Töchterschule, am Sabbath Nachmittag einen Jugendgottesdienst eingerichtet, bei welchem die Knaben abwechselnd den Gottesdienst vetrichten und unter Leitung des ersten Lehrers Herrn Cohn die Chorgesänge vortragen. Die Gottesdienste, bei welchen der Herr Rabbiner eine Ansprache an die Kinder richtete, erfreuen sich eines regen Zuspruches seitens der Jugend und ihrer Eltern und finden in der Gemeinde das lebhafteste Interesse und freudige Anerkennung. : Kp. Aus der Provinz Posen, im Juli. In Posen ist jüngst der Kaufmann und Stadtverordnete Samuel Brodnitz im Alter von 70 Jahren gestorben. Derselbe war viele Jahre Mitglied des Repräsentanten - Kollegiums und Vorstandes der dortigen Synagogengemeinde. — Die Stadtvertretung in Jnowrazlaw hat auf Antrag des dortigen Synagogen - Gemeindevorstandes beschlossen, den schlechten Weg zum israelitischen Friedhof daselbst zu pflastern; es ist damit eine Ausgabe von mehreren Tausend Mark verbunden. — Die königliche Negierung zu Posen hat eine Verfügung erlassen, nach welcher der jüdischen Gemeinde in Kostschin aufgegeben wird, demnächst einen eigenen Friedhof einzurichten. Bisher wurden die verstorbenen Mitglieder in die benachbarten Städte geschafft. Da die-Gemeinde sehr klein und leistungsunfähig ist, hat sie sich mittelst Ausrufes an andere Gemeinden um Spenden zur Beschaffen seines Gottesackers gewandt. £ Sagan, 12. Juli. In einer gemeinschaftlichen Sitzung des Magistrats und der Stadtverordneten wurde der neugewählte Bürgermeister der Stadt, Herr Simon, bisher Bürgermeister in Fraustadt, durch den Königl. Landrath Herrn v. Reefe und Obischau in sein Amt eingeführt. Der Herr Landrath hob hervor, dyß dem Herrn Simon der Ruf eines arbeitsfreudigen und arbeitskräftigen Bürgermeisters vorangehe, begrüßte ihn als Bürger der Stadt als seine Aufsichtsbehörde und als Kollegen in der Leitung eines größeren Gemeinwesens und überreichte ihm die Bestätigungsurkunde, ihn mit Handschlag auf seinen früher geleisteten Diensteid verpflichtend. Namens, der Stadtverordneten-Versammlung begrüßte ihn Herr Stadtverordneten-Vorsteher König, seitens des Magistrats Herr Beigeordneter Domänenrath Krausnick, beide die Versicherung abgebend, daß sie ihm das größte Vertrauen und ^die Bereitschaft treuer Mitarbeit entgegenbrächten. Herr Bürgermeister Simon dankte für all die Ehren- und Vertrauensbeweise undbetonte, er sei ein Freund des offenen freien Wesens, ein Feind jeden Scheines und jeder Phrase; zu den verschiedenen politischen Parteibestrebungen werde er sich möglichst objektiv verhalten und stets nur das Beste zum Wohle der Stadt im Auge haben. Er werde für seine Person auch bemüht sein, den konfessionellen Frieden in Mer Hinsicht zu wahren, sowohl den evangelischen als katholischen wie auch den jüdischen und andersgläubigen Einwohnern der Stadt gegenüber. Wie die Konfession im Reiche kein Trennungsgrund sein sollte, so solle es auch im Kommunalleben sein, sonst kämen wir in mittelalterliche Zustände. Das Blümchen Antisemitismus solle hier keinen Boden finden und sich nicht zu einer übermüthigen Wucherpflanze entwickeln können. Er werde sich bemühen, ein wahrer Bürger und Vater der Stadt zu sein und bittet um die Unterstützung der Bürgerschaft und seiner Mitarbeiter. Damit leerte er sein Glas unter brausendem Beifall auf das Wohl und fernere Gedeihen der Stadt Sagan. Oesterreich-Ungarn. LI Wien, 12. Juli. Bei den Floridsdorfer Gemeinderathswahlen des dritten Wahlkörpers haben durch die maßlose Agitation der vereinigten Antisemiten, wie vorauszusehen war, diese den Sieg über die liberalen Kandidaten davongetragen. — Dagegen geht's über die Grazer Antisemiten her, da ihr Führer, der Grazer Lueger, wie er sich zu nennen lieble, in der Veruntreuungs-Angelegenheit, die ihn vor die Schranken, des Gerichtes brachte, keine schöne Rolle spielte — Diese Woche wurde •. hier abermals der Kassirer und Schriftführer eines katholischen Vereines (Christliche Familie), der antisemitische Agitator Anton Stöger, wegen Unterschlagung von Bereinsgeldern dem Landesgerichte angezeigt. — In Troppan wurde dem Abgeordneten Professor Demel, der den antisemitischen Schreiern im Reichsrathe so wirksam entgegentrat, ein glänzendes Vertrauensvotum ertheilt. — Auf grauenhafte Weise wurde in Gmunden, wo er zum Sommerausenthalte weilte, der hiesige 77 jährige Privatier Markus Ost er setz er ermordet. Die Theilnahme für den unglücklichen Greis und die trauernden Angehörigen ist eine allgemeine. Der Mörder, ein 20jähriger