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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-07-17 · Heft 29 (17.7.1896) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 29 (17.7.1896)
Date
1896-07-17
Page
[Seite] (sequence 13)
Language
German
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so. Jahrgang. Nr. 29 «ertm. 17. Juli 1896. Weit«ge zur „AlLgerneinen Zeitung öes IuöentHurns". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. - LL Berlin, 14. Juli. Einer der Edelsten und Besten unserer Gemeinde, der Geheime Sanitätsrath Dr. Moritz Kirstein, ist gestern im Alter von 66 Jahren nach kurzer Krankheit gestorben. Der Verblichene war in weiten Kreisen unserer Bürgerschaft seines biederen, echt menschenfreundlichen Charakters wegen hoch geschätzt. Als Arzt war er ebenso sehr der vertraute Freund und Rathgeber in den Familien, wie der Helfer in^ der Noth' soweit Hilfe möglich war. Dr. Moritz Kirstein war ein wackerer Mensch, ein braver Bürger, ein überzeugungstreuer Anhänger des Fortschritts auf allen Gebieten, auch auf dem religiösen. In diesem Sinne wirkte er seit zehn Jahren als Repräsentant unserer Gemeinde, seit 1892 als Kurator der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums und seit der Errichtung der Lindenstraße-Synagoge als Vorsteher derselben. Sein reges Interesse für alle humanitären und wissenschaftlichen Bestrebungen in unserer Gemeinde sichert ihm ein dauerndes, ehrenvolles Andenken in der Geschichte der Berliner Judenheit, Ueber das Leichenbegängnis das am Donnerstag stattfindet, werden wir in der nächsten Nummer berichten. 8. Berlin, 6. Juli. Schon zu wiederholten Malen haben wir auf statistische Daten hingewiesen, die die Theorie unterstützen, daß die Befolgung unserer Speisegesetze auf die Gesundheit des Volkes einen mächtigen Einfluß ausübt. Kürzlich ist wieder in London eine Broschüre erschienen: „Jewish Law and Sanitary Science" von I. Snowman, M. R. C. 8., L. R. C. P., ein Separatabdruck aus der hochangesehenen Zeitschrift „The Medical Magazine". Der Verfasser führt darin ausdaß man zwar keinem einzigen Gesetz an sich allein eine tiefgreifende . hygienische Wirkung zusprechen könne, daß aber der ganze Komplex von Vorschriften unbedingt dazn beigetragen habe, dem jüdischen Volke einen Schutz gegen "gewisse Krankheiten und damit ein längeres Durchschnittsleben zu schaffen. Zur Begründung dienen folgende Zahlen: In New-Iork leben 1389 000 Personen, die nach dem Geburtsland der Mütter sich klassifiziren lassen: in in in in in russ.u.p^l. farbig Amerika Deutschland Irland England Italien Juden 2500 336000 400000 400000 55000 54000 120000 Die Todesrate für Pers. üb. 16 Jahr */61885-875 1890 pro 100 .... . 23,6 16 17 28 20,8 12,3. 62 Die Todesrate für Schwindsucht unter 1O0OOO Pers. 774 205 329 646 . 98 Die Todesrate für Lungenentzündung unt.lOOOOO Pers. 390 273 214 344 269 456 170 Ebenso lauten die Zahlen aus Manchester. Hier wohnen die armen Juden in den zwei' Vierteln Red Bank und Strangeways zusammen und meist in sehr ungünstiger materieller Lage. Trotzdem ist hier die Todesrate nur 18,6 pro 1000, während die anderen Stadtviertel eine Todesrate von 25,1 bis 40 pro 1000 aufweisen. Auch die Sterbeziffer der Kinder unter. 15 Jahren war in den jüdischen Quartieren niedriger als in den anderen. Endlich finden wir noch folgende Zahlen aus London in der interessanten Broschüre: Die Schwindsucht verursacht 16 pCt. aller Todesfälle unter dem männlichen Geschlecht in London, bei den Juden aber nur 7 pCt.; 11*1 % pCt. unter dem weiblichen Geschlecht gegen 3 pCt. bei Juden. Wir können darauf verzichten, noch weitere Details anzuführen, die vorhandenen geben bereits eine vollständige Uebersicht und lassen die These völlig gerechtfertigt erscheinen, daß das System unserer hygienischen Gesetze, vollständig befolgt, dem jüdischen Volke wie dem einzelnen Juden ein längeres Leben sichert. P. Berlin, 15. Juli. Herr A. Littauer, der Kastellan der Neuen Synagoge, feiert am 17. Juli seinen 80. Geburtstag und begeht gleichzeitig das Jubiläum seiner 30 jährigen ehrenvollen Wirksamkeit als Beamter der Berliner Hauptgemeinde. Herr Littauer, der am 17. Juli 1816 zu Heilsberg geboren ist, ging als junger Mann nach früherer Sitte auf die Wanderschaft nach Oesterreich, der Schweiz und Dänemark und kam im Jahre 1849 nach Berlin, wo er in den 1850 von Professor Lewandowski begründeten Synagogenchor eintrat. Nachdem die Synagoge Gr. Hamburgerstr. 1858 geschlossen worden war, siedelte Herr Littauer nach der alten Synagoge über, wo er bis zum 12. Juli 1866 thätig war. Als Kastellan der Neuen Synagoge hat der Jubilar, der noch recht rüstig ist, vielerlei erlebt; er hat den herrlichen Bau in der Oranienburgerstraße vielen bedeutenden und hohen Persönlichkeiten zeigen können, und er verweilt gern bei den Erinnerungen an Kaiser Wilhelm I. und die Kaiserin Augusta, die zweimal anläßlich eines Wohlthätigkeitskonzertes in der Synagoge waren; am 25. April 1869 fand ein Konzert zum Besten der schwer bedrängten Juden Rußlands und am 30. Dezember 1879 eiy solches zum Besten der nothleidenden Oberschlesier statt. Das Gedächtniß des 80 jährigen Jubilars, dem wir ein weiteres gedeihliches Wirken in seinem Beruf wünschen, ist ein selten frisches, er hat viele hervorragende Kanzelredner gehört und gedenkt der feierlichen Trauerakte, die für die verstorbenen Abgeordneten Dr. Raphael Kosch, Eduard Lasker und Ludwig Löwe, sowie für den in der Blüthe seiner Jahre verstorbenen Rabbiner Dr. P. Frankl in der Neuen Synagoge stattgefunden haben. Pom. ersten Tage an, da dieses Gotteshaus den Andächtigen seine Pforten öffnete, bis heute, hat Herr Ä. Littauer dort mit Pflichttreue seines Amtes gewaltet. G. Berlin, 10. Juli. Der akademische Verein für jüdische Geschichte und Litteratur versendet einen schön ausgestatteten Semesterbericht, dem die Gedächtnißreöe beigefügt ist, welche . Herr Dozent Dr. Martin Schreiner am 7. Januar 1896 zur Erinnerung an das verstorbene Ehrenmitglied des Vereins, Dr. Joel Müller, bei der vom Verein veranstalteten Trauerfeier gehalten hat. Im Sommersemester 1895 hatte der jetzt Entschlafene noch im Verein über „Die Verordnungen des' Rabbi Verschon" gesprochen. Im verflossenen Wintersemester 1895/96 haben folgende Herren den Verein, der jetzt seine Sitzungen Linienstraße 96 abhält, durch Vorträge erfreut. Es sprachen: Herr carid. phil. Warschauer „Ueber einige religiöse Institutionen", Herr stuä. phil. Sachs über „die Lebensschicksale Spinoza's", Herr Dr. Hochseld über „Mythus, Sage und Geschichte", Herr stuä. phil. Cohen über „Rabbi Meier in seinem Leben und Wirken" und Herr Kandidat Warschauer über „religiöse Institutionen", II. Theil. Am 18. Februar feierte der Verein unter großer Theilnahme sein XIII. Stiftungsfest, bei dem das Ehrenmitglied Herr Professor Dr. Philippson den Verein ermuthigte, inseinem Streben rüstig fortzufahren. Das Verzeichniß der alten Herren umfaßt jetzt 39 Mitglieder. Die Zahl der aktiven Mitglieder beträgt 13. 7 * Berlin, 13. Juli. Die Auswanderung aus Rußland nach Amerika, namentlich von russischen Juden, wurde, so schreibt man dem „Berliner Tageblatt" aus Stettin, bisher zwar auf Stettin dirigirtz.indeß geschah der Weitertransport auf der Eisenbahn über Berlin nach Hamburg oder Bremen, um mit dortigen Schiffen über See zu gehen. Um,diese Transporte zu vereinfachen, soll auf Veranlassung des Ministers des Innern künftig die Auswanderung aus Rußland nach Amerika über Stettin mit direkten Dampfern der Hamburg-Amerikanischen Packetfahrt- Aktiengesellschaft bewirkt werden. Zur Organisirung dieser Expedition ist kürzlich ein Kommissar des vorgenannten Ministers in Stettin anwesend gewesen, welcher mit dem Regierungspräsidenten konferirt und die erforderlichen Maßnahmen bereits festgestellt hat. Danach ist die Hamburg- Amerikanische Packetfahrt - Aktiengesellschaft, welcher der Transport über den Ozean zufallen würde, veranlaßt worden, hier Baracken zu. bauen, woselbst die Auswanderer eine Unterkunft finden. Die Baracken sollen

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