Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 29 (17.7.1896)
- Date
- 1896-07-17
- Page
- Seite 348 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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der Liiteratur nicht nur Sachen, Gedanken, sondern auch Menschen kennen lernen oder das Charakterbild bedeutender Persönlichkeiten, die wir kennen gelernt haben, erneuen und festhalten; dies Alles bietet uns für Perles das Buch, das von der Gattin aus dem Nachlaß gegeben wird? Der^ Fachmann wird natürlich den Wunsch haben, daß es bei' dieser kleinen' Probe nicht sein Bewenden haben möge; aber die Eigenart des Mannes tritt auch aus diesen neunundzwanzig Reden mild und klar hervor. Perles war kein blendender, aber ein gediegener Prediger; oft ' unterjocht uns ein Redner, so lange wir ihn hören; wir sind bewältigt, wir sind die Sklaven seines Genies, wir müssen uns ihm unterwerfen; aber wenn wir uns nun den Eindruck später zergliedern, so geht Vieles verloren; ja, es passirt uns, daß wir uns ärgern, wie Nichtigkeiten pathetisch und mit scheinbar tiefen Herzenstönen vorgetragen, uns so ergreifen konnten. Wir sind dessen gewiß: dieser nachträgliche JngrinM daß wir uns von einem Poseur haben täuschen lassen, ja nur, daß wir durch Aeußerlichkeiten uns haben blenden lassen, hat nie einen Zuhörer von Perles erfaßt. . Und dabei diese schlichte, volksthümliche Ausdrucksweise. Mancher Prediger, der zuweilen eine Rede hält, die ihn irgendwie befriedigt, von der er glaubt, daß die Gedanken den Nachdenklichen anregen werden, daß die Sprache dem Gebildeten als eine würdige und edle gelten werde; wird dennoch den Vorwurf nicht los: Dies Alles ist nur für eiM kleinen Kreis geschulter Leute von klarem Geist und gutem Geschmack, die Menge, die doch am dringendsten der Erregung und Erhebung bedarf, geht leer aus. Dieser Vorwurf traf, nach dieser Probe zu schließen, bei Perleo nur sehr selten zu. Perles ist an dieser gefährlichen Klippe nicht gescheiter^. Perles hat dem Streben nach religiöser Freiheit und Aufklärung weit sein Herz geöffnet. So lesen wir in einer am Jomkippur gehaltenen Rede: „In früheren Jahrhunderten, als der harte Druck der Zeiten auf Israel lastete, als unseren Vorfahren jede Lebensäußerüng aus Schritt und Tritt verkümmert wurde, da lastete auch aus der Synagoge die Noth der Zeit, sie mußte sich dem Tageslicht entziehen, es machte sich das gepreßte Herz im stillen Aufschrei Luft, da brachen die verhaltenen Empfindungen in gewaltsamen, ungeregelten Lauten hervor; das ganze Leben der Gemeinde, das äußerlich gefesselt war, fand hUr seinen Brennpunkt; hier wurde das überstandene Unglück bejammert hier dem drohenden Unglück ängstlich entgegengesehen. Die ganze Haltung, die in diesen Synagogen herrschte, kann unmöglich in die Synagogen unserer Zeit hineingerragen werden. Wir leben in einer freieren, besseren Zeit, unsere Gotteshäuser ragen unbeanstandet hoch in" die Lüfte empor, wi.r Söhne eines freien Jahrhunderts haben auch-aus den Quellen moderner Bildung getrunken, und da können, da wollen wir auch im Gotteshause nicht länger das Mittelalter dulden. Die Pflege der Gotteshäuser, die Veredelung der gottesdienstlichen Formen ist eine Forderung, der wir uns nicht ungestraft entziehen können. Oder können wir es mit ruhigem Gewissen ruhig mit ansehey, daß durch die Mißachtung dieser Forderung das Gotteshaus verödet, daß das junge, in neuen Anschauungen großgezogene Geschlecht aus demselben gewaltsam verdrängt wird und damit seine Zusammengehörigkeit mit der Gemeinde Israels, jede Theilnahme an den Interessen des Judenthums einbüßt." : e Frau Dr. Perles hat diesem Bande, der für sich selbst gesprochen hätte, ein Geleitwort mitgegeben, das uns bekundetdaß diese Frau auf der gleichen geistigen und sittlichen Höhe mit ihrem herrlichen Manne steht. Die geistvolle und tiefempfindende Frau bietet uns in diesem Aufsatz eine ganze Homiletik vom Standpunkte des Zuhörers. Diese Frau, die ihren Mann liebt und verehrt, vergöttert ihn nicht; sie erkennt an, daß seine Rede anfangs die Fessel der Schule, der homileti-, schen Regel getragen hat, und sich erst langsam nnd allmälig von ihr befreit hat. Diese Vorrede bezeugt es wieder einmal, welch' sonniges Glück in dieser Ehe geleuchtet hat, sie bekundet, daß dieses Glück auch jetzt noch nicht erloschen ist. Was die edle Frau sagt, und was He weise verschweigt und nur andeutet, ist für Jeden, auch für den gereisten und erfahrenen Prediger lehrreich.' Nur eine Bemerkung sei uns gestattet: Es giebt viele Wege, die zum Heiligthum, zu den Höhen des Erfolgs in einem heiligen Berufe führen. Gerade auf dem Gebiete der Predigt darf der Individualität ihr Recht nicht verkümmert werden^; jede Homiletik ist eine Krücke; sie ist gut für den, dessen eigene Füpe schwach sind. Mit einer Anlehnung an Voltaire dürfen wir sagen: Jedes Genie ist gut, nur nicht das langweilige und innerlich unwahre. — Max Ring: Gedichte. Berlin 1896. Hugo Steinitz. An seinem Lebensabend hat der rühmlichst bekannte Autor, der auf dem Gebiete des geschichtlichen und Zeitromans so Hervorragendes geschaffen, die lyrischen Gedichte seiner Jugend noch einmal gesammelt. .. Sie zeigen ein individuelles Dichtergepräge, eine originelle Begabung, die in Empfindung und Gedanken den Geist der Zeit zu treffen und das Herz der Menschen zu bewegen vermam In unserer Zeit der Skepsis, der Zerrissenheit und Blasirtheit wirkt diese reine Lyrik der Empfindung, die aus einem frischen Quell des Gemüthes hervorgegangen, wahrhaft mohlthuend. Von besonderem Interesse für uns sind die Gedichte, in denen Max Ring, der sein Judenthum nie, wie so viele andere Schriftsteller, verleugnet hat, Stoffe aus unserer Geschichte besingt. Seine Wanderungen durch den Orient sind geradezu ein poetisches Glaubensbekenntniß, sein Gedicht „Auf dem Judenkirchhof" athmet seinen „Judenschmerz" aus, der seit Byron eine Provinz im Reiche des Weltschmerzes geworden ist. Sein Gedicht „Reiner Tod" ist eine wahre Elegie auf das Martyrium der jüdischen Geschichte, sein Widmungsgedicht an .Ubraham Geiger, zu dessen Jubiläumstage, ist der warme Ausdruck seiner lebhaften Begeisterung für die Ideale des modernen Judenthums. Wir werden, wenn der Raum es uns gestattet, einige dieser, schönen Gedichte zum Abdruck bringen. Möge es dem greisen Dichter noch lange beschieden sein, sich an den schönen Früchten seiner Muse in ungetrübter Kraft zu erfreuen. — Die Buchhandlung von M. Poppelauer (I. Sänger) hier. Neue Friedrichsstraße <31, hat wieder einen Katalog hebräischer Werke (Nr. 3) herausgegeben, der sehr reichhaltig ist und . viele seltene, wichtige Werke zu verhältnißmäßig billigen Preisen aufzählt. Bücherfreunde werden auf diesen Katalog besonders aufmerksam gemacht. gpvedjXaaL Geehrter Herr Redakteur! Jn dem „Die Lehrbuchfrage" betitelten Artikel der „Allgemeinen Zeitung des Judenthums" voriger Woche weist Herr Dr. Leimdörfer u. a. auf folgenden Passus hin, der sich in der von Professor Junge besorgten Ausgabe des „Leitfaden zur Geschichte des deutschen Volkes" von Dr. David Müller, Berlin 1893, Seite 8, befindet: „Zur Zeit des Augustus ward in dem verachteten Volke-der Juden Jesus Christus geboren, den Gott selbst der Welt zum Heiland gesandt hatte. Die Juden hatten seine Sendung nicht verstanden und den Gottessohn gekreuzigt." Der als hervorragender Schulmann bekannte Professor Junge ist , Direktor des hiesigen Realgymnasiums, an dem auch jüdischer Religionsunterricht ertheilt wird. Schon seit Jahren ist mir derselbe als entschiedener Gegner der antisemitischen Bestrebungen bekannt, und daher „ nahm ich Veranlassung, denselben auf die angezogene Stelle hinzuweisen. Nachdem er in sein Handexemplar Einsicht genommen und die Richtigkeit des Citats festgestellt hatte, bemerkte Professor Junge, daß selbstverständlich das Epitheton „verachteten" auf die damalige Zeit des Augustus sich bezöge und daß das ein historisches Faktum sei, wie ctuä), daß die Juden damals noch ein Volk bildeten. Er würde auch von einem „Christenpöbel" zur Zeit Neros sprechen. Um jedoch Mißverständnissen vorzubeugen, wolle er gern in der neunten Auflage des Leitfadens, deren Bearbeitung ihm jetzt obliege, zwischen „dem" und „verachteten" das Wort „damals" einstigen. Schließlich betonte der Herr Direktor mir gegenüber, daß ich doch aus Erfahrung wisse, daß er „mit aller Entschiedenheit" Front gegen antisemitische Bestrebungen mache, was ich allerdings nur bestätigen konnte. Nun noch ein kurzes Wort! Es scheint mir doch sehr gewagt, auf Grund eines einzigen Satzes, wie des obigen, ein ganzes Lehrbuch sozusagen auf den Index zu setzen. Wir müssen uns hüten, einseitig,, durch die Parteibrille blickend, zu urtheilen. Hochachtungsvoll Magdeburg, 5. Juli Dr. M. Spanier. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.