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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-07-17 · Heft 29 (17.7.1896) · p. Seite 347

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 29 (17.7.1896)
Date
1896-07-17
Page
Seite 347 (sequence 11)
Language
German
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„Er weiß, was er sagt," lautete die Erwiederung, wenn einmal Jemand ein Wort der Kritik hören ließ. Und zu wissen, was in den Selichos steht, ist in der That keine geringe Kunst, da einer der Dichter von sich selbst bekennt: „Prüf', o Gott, mein Ach und Krach, mein Schnicknack, meine stotternde sinnlose Zunge." Schließlich kannte sich Reb Rephoel so weit, daß er Künsteleien im Gesänge vermied und sich begnügte, die traditionellen Melodien zu markiren. Als er das Bußgebet rezitirte: „Wie kann ein Mensch glücklich sein, der jeden Tag dem Grabe entgegensieht", riß er die Gemeinde sogar hin. Besonders am Schluffe, nachdem er die ganze Leidensgeschichte des Menschen bis zu dem Augenblicke, wo ihn Wurm und Made verzehren, geschildert hatte, bei den Versen: Wer das hört, muß weinen wider Willen, Unter Weinen und Flehen wie ein Löwe brüllen. Darum häuf' er Gebet und Almosen, Das kann ihn von Strafen erlösen!" brüllte Reb Rephoel nicht wie ein Löwe, sondern wie eine ganze Menagerie, so daß selbst die Weiberschule auf Treu und Glaubeu mitheulte, als ob ihnen die runden Barcheß') ungebrannt wären. Soweit ging das Alles noch glatt, selbst die dreizehn Eigenschaften Gottes^) wurden der Reihe nach angefleht, sich des armen sündigen Israel anzunehmen. Dann kam der feierliche Moment. Die Lade wurde geöffnet, Reb Rephoel zog den Tallitzb) höher über den Kops und tiefer über das Gesicht herunter, wischte sich die Augen und Nase und begann eine vorgeschriebene Auswahl von Bibelversen zu singen, die Anfangs leise, später aber lauter und lauter erklingen sollen, bis man Gott in den denkbar höchsten Tönen die Vorstellung macht, daß es doch des Richters über die ganze Erde höchst unwürdig sei, nicht Gerechtigkeit zu üben* * * 4). Anfangs ging es so ziemlich, aber wie es zu der Stelle kam: „Gott ist unser Richter, Gott ist unser Gesetzgeber, Gott ist unser König, er allein kann uns helfen", da kam das Verhängnis;. Frau Rachel, die trotz des, erzählten und. anderer gelegentlicher Scharmützel eine gute, liebende Hausfrau, war, hatte aus Freude über den guten Markt und aus Stolz auf das Amt ihres Gatten, der dem lieben Gott so energische Wahrheiten sagen durfte, zu viel Fett in den Butterkuchen gethau, Reb Rephoel hatte überdies einen schwachen Magen und hätte am liebsten in so früher Morgenstunde nichts gegessen, obwohl er an dem Tage fastete, aber zum Brüllen wie ein Löwe brauchte man Kraft, und so sprach er dem Butterkuchen mehr zu, als für. ihn gut war. Das rächte sich nun. Wie Reb Rephoel im höchsten Pathos rief: „Gott ist unser Richter!" rebellirte der Butterkuchen mit einem jener Laute, die unser armes Alphabet leider nicht wiedergeben kann. „Gott ist unser König — uh," sagte der Butterkuchen, „Gott ist unser Gesetzgeber — uh," stöhnte es aus Rephoels schwer bedrücktem Innern. „Er soll uns helfen, uh, uh, uh," stöhnten die bedrängten Geister im Leibe Rephoel Kohens zum Ergötzen des ganzen Auditoriums. „Das ist der Satan," meinte die pietistische Gawriele. „Ich weiß es besser, der Kugelhopf ist es," sagte Chain; Schuster. Und so ging es weiter im bunten Wirrwarr, während Reb Rephoel sich abmühte, soviel als möglich zu weinen, aber bei besonders markanten Stellen, wie z. B.: „Rächer unschuldigen Blutes, richte unseren Streit und vergelte siebenfach unseren Spöttern weit und breit", rebellirte der überladene Magen so gewaltig, daß den Spöttern bei dem Gedanken angst und bange würde, das fromme Gebet könnte in Erfüllung gehen. .Schließlich war die letzte Leidensstation, das Kaddisch, erreicht, und Reb Rephoel konnte den Tallis zurückfchlagen und seinen Platz verlaffen. Es schien ihm, daß sogar der Row ein >) Weißbrod für Sabbath und Feiertage. 2) nach dem Talmud mit Bezug auf Exod. 34, 6 -7. 3) Gebetmantel. 4) s. Gen. 18, H5. Lächeln verbeiße, aber wie Reb Rephoel durch die dichtgefüllten Reihen hindurchging, um sich zum Gebete die Hände zu waschen,') tönten ihm so viele und lebhafte „Schekoiachs"2) entgegen, daß über deren eigentliche Natur gar kein Zweifel obwalten konnte, selbst die kleinen Hungen schüttelten seine Hände. Salmele Hoschman's rief ihm, als er schon vorüber war, mit seiner näselnden Stimme nach : „Schekoiach". Noffe Freffer, dem ein solcher Kugelhopfschmaus eine Kleinigkeit gewesen wäre, rief drei-, viermal mit seinem Bierbaß: „Schekoiach". Nur Mordche machte sich in einem Winkel mit einigen Gaffenjungeu zu schaffen, die er mit polternder Stimme beschuldigte, den Ständer mit Kerzentropfen verunreinigt zu haben und ärger wie Schweden, ja wie Schintessen3) zu sein. So konnte er Reb Rephoel in scheinbar unabsichtlicher Weise den Rücken kehren und ihm die Verlegenheit des Schekoiach ersparen. Ja, Mordche ist der Aergste nicht! Je mehr die heilige Zeit heranrückte, destomehr fuhr Reb Rephoel fort, Gunstbeweise auf Mordche's Haupt zu häufen. Am Neujahrsabend, als Mordche ihm ein glückliches Jahr wünschte, reichte Reb Rephoel dem Wächter die Hand und sagte mit feierlicher Stimme: „Zu einen; glücklichen Jahr sollst Du eingeschrieben und eiugesiegelt werden," während er sonst sich begnügt hatte, diesen Wunsch mit einem kurzen „Gan; le-mar"4) zu beantworten. Mordche hatte nicht viel Zeit, über diese auffallende Handlung uachzudenken, da er seinen christlichen Substituten beim Auslöschen der Lichter überwachen mußte, .dann eilte er nach Hause, um nach der arbeitsschweren Woche auch einmal wie ein Mensch sich zu Tische setzen und dann ordentlich a'usschlafen zu können. . Doch war ihm das Wohlwollen nicht entgangen, mit welchem Reb Rephoel ihn behandelt hatte, besonders da es der gelehrte Wollhäudler an weiteren Gunstbeweisen nicht fehlen ließ. (Fortsetzung folgt.) Fitterarische MittheUungen. ---- Predigten von Dr. Joseph Perles, Rabbiner in München, aus dem Nachlaß herausgegeben von Dr. Felix Perles. München, Ackermann. 202 S. Eine Liebesspende, wie sie einst die Gattin unseres unvergessenen Frankl auf dessen frisches Grab gelegt hat, weiht jetzt Frau Dr. Perles ihrem Manne, indem sie im Verein mit ihrem Sohne einen Band Predigten aus dem Nachlaß veröffentlicht. Die Gabe kommt, obgleich nun Perles schon einige Jahre im Grabe ruht, nicht zu spät. Auch in der Gemeinde München hat Werner, der als ein gewaltiger Redner die Gemüther wie im Sturme mit sich fortreißt, die Erinnerung an Perles und an dessen so ganz anders geartete milde, weiche Beredtsamkeit nicht verdrängt, nicht verdrängen wollen. Es ist geradezu eine Pflicht, die die Frau und der Sohn, der in die Spuren des Vaterstritt und sich gleichfalls der Theologie widmet, erfüllen, wenn sie von diesen Schätzen religiöser Weisheit einige Perlen in die Oeffentlichkeit tragen. : Die Gemeinde, die ihn geliebt, die den Prediger nicht nur, wie es bei uns im kalten Norden besten Falls geschieht, bewundert, sondern ihn verehrt und nach seiner Lehre sich gerichtet hat, hat ein Recht darauf, ein Buch in die Hand zu bekommen, aus welchem der Geist des dahingeschiedenen Meisters zu ihr redet, das die Erinnerung an erhaltene wichtige Eindrücke weckt und wach erhält. Aber auch weitere Kreise gewinnen aus der Predigt weit mehr als aus gelehrten Aufsätzen ein Bild der Persönlichkeit; wir wollen aus i) Da die Selichoth vor Tagesanbruch gebetet werden und das regelmäßige Gebet erst nach Tagesanbruch beginnen darf, muß man vor dem letzteren noch einmal die Hände waschen. 2) 58^00. 3) Dämonen. 4) Gleichfalls.

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