Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 29 (17.7.1896)
- Date
- 1896-07-17
- Page
- Seite 346 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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und Herxheim er, auch schon Zusagen eiligelaufen?) — Du siehst./ also, daß-nch gerade nicht müßig gehe, wenn ich auch , nicht in raschem Briefen Freundschaftsbeweise aussende. Die Zeitansprüche aber,/ welche die hiesige Stellung macht, kannst Du Dir wahrlich nicht vor-' stellen, und würdest Du Dich einmal davon , überzeugen, so wärest, Du sicherlich nachsichtiger gegen mich. — Soeben erhalte ich vom Vorstände die Antwort Crcmieux' auf die von hier aus ergangene' Sendung zur Unterstützung der ägyptischen Schulen, und Du kannst, mir glauben, daß ich eigentlich die Sache fast allein geleitet habe. Sobald das Rundschreiben Cremieux' an mich gelangt war, sandte^ ich es dem Vorstande mit der Aufforderung zu, ein Komitee für^. die Sache zu bilden, dem ich meine Mitwirkung zusagte; der Vorstand , ernannte zwei seiner Mitglieder, die sich mit mir in Berathung setzen' sollten, und wir Drei ernannten nun 18 Personen, welche die Sammlungen zu veranstalten hatten; ich setzte 'Schreiben an die wichtigstell.' Gemeinden Schlesiens auf, die vom Vorstande abgesandt wurden und auch meistens ihre Wirkung nicht verfehlten. Ich habe also Wort gehalten, als ich Dir damals schrieb, ich würde für die Schulen,, wenn sie einmal im Gange siild und Früchte ihrer Wirksamkeit auf^ weisen können, gerne thätig sein, glaube aber heute' noch, daß die Gründung der Schulen das einzige, Gott gebe, nicht gar zu kümmerliche Resultat sei der ganzen Damaskusangelegenheit. — Nun muß' es hier auch ernst all die Errichtung einer Religionsunterrichtsanstalt, im großen Stile gehen, da wir nun endlich so ziemlich die Mitwirkung der Negierung erlangt haben, und da giebt es für mich wieder ordentlich zu thun. — Hätte ich hier nun so Einige, die mich immer lebelldig zu erhalten wüßten, so hätte dies alles doch nichts zu sagen, allein, manchmal versinke ich auch etwas, da ich mich — nimm mir den Ausdrück nicht übel, er gilt gewiffermaßen blos von den hiesigen Zllständen — unbehaglich auf einsamer Höhe fühle^ Nun aber laß mich zu dieser Deiner Reise kommen. Mein lieber, guter Freund, wäre doch Breslau nicht so weit weg — es liegt überhaupt ziemlich an der Grenze der civilisirten Welt — und könnte ich einmal die Freude haben, durch ein solches Jnlpromptu von Dir erfreut zll werden. Ich freilich bin ein mehr stationärer Mensch, und meine Reisen ergeben sich als Resultate meines Lebens von selbst, selbst die vorjährige Reise nach Wien war derart, da möchte ich nun schon lange sehr gern nach Hamburg, aber wer weiß, wann ich dazu komme Ulld ob ich mir nicht vielleicht durch diese neuen Geschichten die Bibliothek des R. Chagino verschließe und überhaupt die dortigen Genlüther von beiden Seiten abweildig mache! Du bist ein freier Privatgelehrter, wenigstens bis jetzt noch, und wären wir nur keine sieben Tagereisen von einander weg, so.kämen wir sicher einmal zusammen. Du würdest da sicher keine so herben Erfahrungen machen wie mit Anderen, Du würdest mich frisch und offen, empfänglich und Deiner mit herzlichster Liebe eingedenk finden und meine liebe Emilie — nun eben ganz als meine liebe Frau, die auch zugleich - Deine Freundin ist und Dir nur schmollt, daß Du gar nicht mehr in sie verliebt bist, ich wollte sagen, daß Du sie ganz kurz abspeisest-; aber auch ihr Schmollen ist nicht so schlimm, und so würde es Dir bei uns recht sehr wohl gefallen. Denn so schlimm ist Breslau nicht, wie ich es Dir manchmal varstelle, im Gegentheil ist unser Leben hier auch in geselliger Beziehung ein vorzüglich angenehmes, aus meinen Arbeiten siehst Du, wie kühn und freisinnig ich anftreteu darf und wie gesichert meine Stellung ist. *) Das Buch, zu dem Geiger sich nicht berufen fühlte, ist niemals erschienen. Auch ähnlichen Veröffentlichungen gegenüber, die von anderen Seiten unternommen wurden, verhielt er sich ziemlich theilnahmlos. - 3S- «——-I I—-I «---1 1-1 I-' 1 * * i) 1 FEUILLETON | | —1 t—-t 1-—-^-:-—-1 -1 t——» Andere Zeiten. Eine Erzählung aus dem jüdischen Leben der jüngsten Vergangenheit von.Gotthard Deutsch. Drittes Kapitel. Eine Dilettanten - Produktion. ^x^er Pester Wollmarkt faub Dienstag am 17. Elnl statt, und ßSy am darauf folgenden Sonntag war der erste. Tag Selichos, (3p* der die religiöse Hochsaison einleitete. Reb Rephoel mußte ihn auf der Reise in dem Städtchen feiern, wo er sich über den Sabbath aufhielt, und kam erst am Mittwoch zurück, trotz der auf der Reise erlittenen Entbehrungen froh und glückstrahlend, benii der Markt war ausnehmend gut gewesen, weil in Polen Revolution ausgebrochen war unb daher die polnischen Gutsbesitzer lind Wollhüudler nicht auf dem Markte erschienen waren. Auch einen Eßrogi) hatte Reb Rephoel von einem Triester Geschäftsfreunde zum Geschenk erhalten, ein Prachtstück; der Hohepriester im Tempel zu Jerusalem konnte keinen schöneren gehabt hohen. So. war er freudiger als je an die Erfüllung seiner Ehrenpflicht gegangen, am Tage vor dem Neujahrstage die Selichos vorzubeten. Das war ein besonders feierlicher Gottesdienst unb mußte um vier Uhr Morgens beginnen. Mordche hatte gemessenen Auftrag, den Vorbeter' eine Stunde früher zu wecken. Natürlich war Reb Rephoel schon' anf beit Beinen, denn er hatte die ganze Nacht mit den Engeln gerungen, die seine schönsten Melodien, seine einschmeichelndsten ' Lobpreisungen und seine zerknirschtesten Sündenbekenntnisse unterwegs abfangeu wollten, damit sie nicht zu Metalron, dem himmlischen Ceremonienmeister, gelangen sollten, der sie als Hutdigllngsdepescheu -'vor den Thron der Herrlichkeit zu bringen hatte. Während aber Reb Rephoel jedes andere Jahr, wenn Mordche an den Fensterladen klopfte, sich damit begnügte zu rufen: „Schon gut. mich .braucht Niemand zu wecken," kam er diesmal zur Thür und sagte: „Komm herein, Mordche, ich Hab' einen ungarischen Wachholderbranntwein mitgebracht. So etwas thut einem wohl an einem kalten Morgen." Mordche ließ sich so etwas nie zweimal sagen und that kräftig Bescheid. Zu seinem noch größeren Erstaunen drückte ihm Reb Rephoel einen neuen silbernen Zwanzigers in die Hand, weil ec an das Wecken nicht so vergessen hatte, wie Rephoel au das versprochene Leib-und Leben-Zerbrechen. „Ach, wird die Channe einen vergnügten Jonleff) haben, wenn er ihr den silbernen Zwanziger schenkt. Wieder gut, daß er ihr nicht erzählte, wie ihn Reb Rephoel behandelt hat. Sie würde gewiß gesagt haben, ich nehm's nicht, ich werd' ihm's in Poiiin^) hereinwerfen. Weiber sind übertrieben. Nicht umsonst haben unser? Weisen gesagt: „Je weniger man mit ihnen red't, desto besser." Reb Rephoel hatte diesmal einen schlechten Tag. Er erfreute sich überhaupt keiner guten Stimme, aber doch entgingen in der Regel seine gesanglichen Leistungen dem Spotte. Die einen unter den Zuhörern fürchteten ihn, weil sie von ihm abhängig waren, und die anderen achteten ihn wegen seiner Gelehrsamkeit. i) Citrusfrucht, verwendet am Laubhüttenfeste. 2) Zwanzig Kreuzer Konventionsmünze — 70 Pfennig. Feiertag. Gesicht.