Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 29 (17.7.1896)
- Date
- 1896-07-17
- Page
- Seite 345 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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nicht, daß er, trotz der imieren Angst vor diesem Unmenschen, ihn kurz vorher zum Unglück seines Kindes aus dem Gefängniß befreit hat. Sein Vertrauen zu den Menschen, sein Glaube an die bessere Natur des Menschen ist mächtiger gewesen als alle Vorstellungen, die Selbsterhaltungstrieb, Vernunft und Freunde ihm entgegen hielten. Er kannte nur das eine Motto seines Lebens: „Da bin ich, Ewiger, ein schwer geprüfter Mann-, Dein geringer Knecht, aber was ich dazu vermag, damit Dein Name auf Erden durch Erfüllung Deines Willens geheiligt werde, das geschieht!" Die Erzählung „Leib Weihnachtskuchen und sein Kind" ist eine bedeutsame Apologie gegen die Anklagen, welche man gegen die galizischen Juden erhebt. Auf welch niedrigem Bildungsniveau sie auch stehen, die sittliche Kraft ihrer Religion, an der sie mit jener bekannten Zähigkeit ihres Stammes festhälten, erhebt sie himmelhoch über die galizischen Bauern, die in dem Branntwein und in der sogenannten „Liebe" den höchsten Genuß des Lebens finden. Leib Weihnachtsknchen dagegen lebt stets in Gott. Gottes Namen zu verherrlichen, ist die Triebfeder seines armseligen Daseins. Er murrt nicht gegen sein Geschick, er trägt alle Schickungen mit innerer Würde, er spendet Gutes für Böses, Trost für Unglück, und selbst der durch seinen Feind herbeigeführte Tod seiner Lieben erfüllt sein jüdisches Herz nicht mit Haß und Groll; er ist eine gottinnige Natur und spricht vielmehr bis zum letzten Athemzuge: Gott hat es gegeben, Gott hat es genommen, der Name Gottes sei gepriesen! Abraham Geigers Briefe an I. Wrenbanrg. (1833—42) Herausgegeben von Prof. Dr. Ludwig Geiger. XXIII. Breslau, 9. Februar 1842. —Ich halte diesen Winter wiederum Vorlesungen über' jüdische Geschichte, die mich sehr interessiren. auch allerdings an dem Tage, an dem ich sie halte, in Anspruch nehmen; gestern war der Tag, sie sind Abends von 8 bis 9, und von Mittag an widme ich mich denselben. Ich habe diesmal mit der Zerstörung des zweites! Tempels, bis wohin ich das vorige Mal gekommen, angefangen und habe gestern Abend das Andenken Ebn Esras an besten Todestag gefeiert. — Wie gesagt, machen mir diese Vorlesungen sehr viele Freude; die einzelnen Studien über Zeiten, Männer und Schriften, welche ich gelegentlich machte, fügen sich da zu einem Ganzen, und mir selbst wird dadurch der Einblick in den Gesammtverlauf klarer. Diesen Winter werde ich mit den Vorlesungen auch nicht zu Ende kommen und noch einen Winter dazu verwenden müssen, was aber nichts zu sagen hat, da der Gegenstand, je weiter er herunterkommt, um so lebendiger wird und um so größeres Interesse gewinnt. In der That ist auch die Theilnahme sehr groß; das Publikum, zahlreich versammelt, folgt mit gespannter Aufmerksamkeit, und ich darf hoffen, durch diese Vorträge zugleich praktisch wöhlthätig zu wirken. Denn gerade in der Geschichte zeigt sich die Entstehung so manchen Mißbrauchs, den helleren Epochen gegenüber tritt die Entartung der späteren Zeit lim so schärfer hervor. So habe ich neulich, als ich die Mitte des 10. Jahrhunderts in Italien und da Elasar-Ha-Kalir besprach, Veranlassung genommen, in Kurzem eine vollständige Geschichte ' des Gottesdienstes in zwei Stunden zu geben, ging bis auf unsere Zeit herab, nahm die Tempelangelegenheit mit hinzu und sprach scharfe Worte über die Entartung unseres gegenwärtigen Gottesdienstes, die nicht in den Wind geredet sind. Nun muß ich aber doch die Erwähnung des Tempelstreits nicht unbenutzt vorübergehen lassen. Der Gegenstand gewinnt ein lebhaftes Interesse, und die Zeit ist gekommen, wo der Nimbus von dem Haupte des eitlen Klugen weggenommen wird. Daß Bernays in dieses Wespennest stechen werde, hätte ich nicht gedacht und eher vermuthet, daß er wohl mit seinen geheimen Künsten und Muken zu untergraben bemüht sei, als so in die Oeffentlichkeit zu treten; allein die Strafe jener Klugheit bleibt nie aus. — Die Sache berührt mich aber, wie Du aus dem ersten Aufsatze meines Heftes ersehen haben wirst, weit tiefer, und während ich in meinem in der A. Z: d. I. abgedruckten Gutachten den Gegenstand blos drüber hin behandelte, will ich in einein besonderen Schriftchen — das Du vielleicht schon vorläufig als unter der Presse befindlich angezeigt gesehen haben magst — denselben umfassender und gründlicher behandeln. Denn allerdings bin ich mit jenet* Halbheit nicht zufrieden, und es ist den Leitern des Tempels nicht zu verzeihen, daß sie im Laufe von 23 Jahren es zu weiter nichts gebracht, als zu einer ziveiten Auflage ihres Gebetbuches, welche dieselbe Halbheit an sich trägt wie die erste, aber bei ihrer freien Stellung, ja umgekehrt bei der Nothwendigkeit, welche in ihrer sich von der Gesammtheit abtrennenden Stellung lag, fast nichts gethan haben zum gediegenen Fortschritte der Ideen, aus denen doch im Grunde die gottesdienstliche Verbesserung blos hervorging, so daß, wenn wir auf die Resultate ihrer Arbeiten beschränkt wären, der Streit in der That auf demselben Standpunkte verharrte wie damals. In der That gehen sie noch heutzutage um den heißen Brei herum, wollen immer nicht mit der Sprache heraus, suchen die Differenz zu einer verschwindenden zu machen, während ■ sie; nur darin ihren Werth hat, daß sie, dem nur nicht genug zur Durchführung gelangten Prinzipe nach, von großer Bedeutung ist. Zum Glücke haben Rapoport und Zunz den Gottesdienst beleuchtet, zum Glücke hat meine Zeitschrift Bausteine zu. einer freisinnigen Theologie hingestellt; daraus wissen die Herren weiter nichts zu machen, als winzige Veränderungen einzelner Worte, ist das nicht eine Schmach, ein Mißbrauch mit der Stellung, die sie nicht zum Heile des Ganzen gehörig anzuwenden wissen? Das werde ich nun, zwar glimpflich, in dieser Brochüre sagen; diese ist jetzt im Drucke, obgleich sie noch nicht vollständig niedergeschrieben ist, 3 Bogen sind bereits gedruckt, und zwei werden wohl noch dazu kommen, und Du siehst hier wieder eine neue Arbeit, in der ich stecke. — Dazu kommt aber noch eine andere, zu der ich gewissermaßen gezwungen werde. Schon lange werde ich von verschiedenen Seiten gedrängt, ein Buch wie die „Stunden der Andacht" von jüdischem Standpunkt aus in Verbindung mit Anderen herauszugeben; nachdem ich mehrfach abschlägige Antworten gegeben, da ich zu schriftlichen erbaulichen Arbeiten mich nicht recht geschickt fühle, habe ich'mich doch endlich dazu bewegen lassen, die Redaktion zu übernehmen, wobei ich allerdings nicht von selbstverfaßten Arbeiten loskomme — wenn sich Mehrere zur Mitwirkung verstehn. Die Aufforderungen sind nun durch die hiesige Leukartsche Buchhandlung an mehrere von mir bezeichnete Männer abgegangen und von einigen, von Philippson 4 J) Der Hamburger Tempelstreit, d. h. der Kampf des „Chacham" Bernays in Hamburg gegen die daselbst schon seit Jahrzehnten gebildete Gemeinde mit deutschem Kultus und Gebetbuch. Auch über diese Angelegenheit wurden rabbinische Gutachten von allen hervorragenderen jüdischen Geistlichen. Deutschlands eingeholt. — Der Aufsatz, auf den G. hinweist, führt den Titel: „Ist der Streit in der Synagoge ein Zeichen von ihrem Verfalle oder ihrem neuerwachten Leben." Zeitschrift Bd. V, S. 139—152. Geiger schrieb noch eine besondere Schrift über den Hamburger Tempelstreit 1842, die in den Nachgelassenen Schriften V, S. 113 -192 wieder abgedruckt ist.