Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 29 (17.7.1896)
- Date
- 1896-07-17
- Page
- Seite 344 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Franzos' neueste Erzählung. Von Albert Katz. / ine Publikation von Karl Emil Franzos bedarf kaum noch einer besonderen Empfehlung. Der Name Franzos ist zur Genüge bekannt, und Alle, die Sinn und Verständniß für die schöne Litteratur haben, wissen den künstlerischen Werth der Franzos'schen Schriften zu würdigen. Seine Erzählungen, besonders seine unterm Titel „Die Juden von Barnow" kürzlich in fünfter Auflage erschienenen Ghetto-Novellen, die, nebenbei bemerkt, in fünfzehn Sprachen -übersetzt sind, sind Bilder des wirklichen Lebens; ihr Grundbau ist Wahrheit und ihr Inhalt: Kulturgeschichte in poetisches Gewand gehüllt. Wenn wir es aber trotzdem unternehmen, die Aufmerksamkeit unserer Leser auf seine jetzt in Buchform uns vorliegende Erzählung: „Leib Weihnachtskuchen und sein Kind") zu lenken, so geschieht es aus dem Grunde, weil wir diese Erzählung für die beste und interessanteste aller bis jetzt erschienenen Ghetto-Novellen halten. Dazu gesellt sich noch der Umstand, daß der Autor bei der Abfassung' dieser Erzählung in noch weit Höherem Maße als bei.seinen früheren Ghetto-Novellen darauf bedacht war, daß er für westeuropäische' Leser schreibt, welche noch immer nicht an das bekannte Dichterwort denken: „Wer den Dichter will verstehen. Muß in Dichters Lande gehen". Das Einzige, was so Mancher an dieser Erzählung aussetzenkönnte, wäre vielleicht der eigenthümliche Titel. Allein abgesehen davon, daß der Titel noch lange nicht den Inhalt des Buches ausmacht, so glauben wir behaupten zu dürfen, daß Franzos, der seine- Dichtungen aus einem Leben schöpft, das er aufs Genaueste kennt, den Namen Leib Weihnachtskuchen ebenso wie den ganzen Stoffl dieser Erzählung der reinen Wirklichkeit entnommen hat. Die Bilder,;, welche Franzos in dieser Erzählung uns vorführt, sprechen über die', soziale und kulturelle Lage der Juden in Galizien eine sehr beredte, Sprache. - Beim Lesen dieses Buches gewinnt man den Eindruck, daß es, dem Autor diesmal weniger darum zu thun war „auf Düsteres, hinzuweisen und es, soweit seine Stimme reicht, lichten zu helfen", als vielmehr darum, die Aufmerksamkeit der gebildeten Welt, ins-- besondere der mit Glücksgütern gesegneten westeuropäischen Glaubensgenossen, auf die unter den galizischen Juden herrschende große Armuth zu lenken. Leib Weihnachtskuchen ist eine Personifikation der armen galizischen Juden, die sich, um einige Kreuzer zu verdienen, dengrößten Strapazen unterziehen und die fürchterlichsten DemüthigungeM über sich ergehen lassen. Leib Weihnachtskuchen ist blutarm, obwohler Schankwirth ist und geistig viel höher steht als die Bauern des - Dorfes, die ihn „jüdisches Huudsblut" nennen und an den Wangen-'- löckchen zerren. Allein die Armuth ist doch nicht im Stande, ihn? zu einer unredlichen Handlung zu verleiten, und die beleidigenden; Aeußerungen und Schmähungen der Bauern sind nicht stark genug, ihn zu bewegen, Gleiches mit Gleichem zu vergelten. Denn er ist" fromm und gesetzeskundig, ein Talmudjude im vollsten Sinne des-, Wortes, der stets an die Mahnung der Alten denkt : „Besser ist,,. Beschämter als Beschämender zu sein; man höre die Beleidigung^ und antworte nicht." i Und eben darum, weil er es ist, weil er bei jedem zu nnternehmenden Schritt das Gewissen befragt, wie Er, Gott, darüber^ ') Concordia, Deutsche Verlags-Anstalt. Berlin 1896. denkt, ist er tolerant und nachsichtig gegen Andersgläubige, -nimmt er sich väterlich des von allen Bauern des Dorfes wegen feinen Häßlichkeit und seines Geizes verspotteten und gehaßten Janko Wygoda an undUäßt selbst dann nicht von ihm/ als dieser, der christliche Bauer, ihm, dem frommen Juden, eröffnet, daß er seine einzige Tochter Miriam liebe und ihm die drohenden Worte zürnst : „Ich dulde nicht, daß ein Anderer sie besitze. Eher tödt' ich sie, mich; Euch alle . . . laß das." . Leib versucht natürlich, den Janko von der Unmöglichkeit einer ehelichen Verbindung zwischen ihm und Miriam zu überzeugen; aber als Janko darauf erwiedert: „Du hast ja recht, es mag schlecht, mag dumm sein... Aber ich duld's doch nicht! . . . Es giebt ein Unglück, Leibko, höre, ein Unglück," da zeigt der kleine, gebrechliche Leib seine hohe geistige Ueberlegenheit und antwortet ihm: „Warum nicht? Du bist stärker als ich! Auch stärker als sie . . . Aber bis es geschieht, vertrauich auf Dich und denke besser von Dir, als .. Du selber!" Der Appell des Juden an das bessere „Ich" des Bauern verfehlt auch nicht seine Wirkung. Janko schlägt die Hände vors Gesicht und ruft schluchzend : „Leibko, wenn 5l)u wüßtest" . . . . Und Leib erwiedert: „Ich weiß, daß Du ein Mensch bist, kein Thier . . . Und das ist mir genug . . . Leb wohl, Janko!" Jndeß wie muthig und standhaft er dem Janko auch entgegen getreten war, es überkommt ihn doch schließlich ein gewisses Grauen vor diesem Menschen; er hört und fühlt nichts anderes, als den heisern, dumpfen Klang seiner Worte: „Ich duld's nicht . . . es giebt ein Unglück." Mendele Schadchen ist nun für ihn noch die einzige Rettung, und er dankt im Innern seiner Frau Chane, welche, ohne von der Werbung des Janko zu wissen, nur weil sie die Zitkunft ihres Kindes sichern wollte, ihn auf den Heiratsvermittler Mendele aufmerksam gemacht hat. Wie sehr sein Herz auch dabei blutet, wie unendlich schwer es ihm auch wird, sein sechzehnjähriges Kind zu verheirathen, er sieht doch ein, daß es so schnell als , möglich geschehen müsse. Nur dadurch glaubt er der seinem Kinde drohenden Gefahr vorzubeugen, den Janko vor einer übereilten, gräßlichen That zu schützen. Mendele Schadchen machte das Unmögliche möglich: es findet eine Verlobung zwischen der sechzehnjährigen Miriam und dem siebzigjährigen David Münzer statt, die natürlich, um. den Janko nicht zu reizen, ein Geheimniß der Eltern bleiben muß. Allein die „Schabbes Goje" Kasia erhält Wind davon und theilt es der Miriam und auch dem Janko mit. Jene ist überrascht, dieser rasend. Es entspinnt sich ein Dialog zwischen ihm und Miriams Mutter, der damit endigt, daß Letztere vor Aufregung und Schrecken einen Blutsturz bekommt uud ihre Seele aushäucht. Die letzten Worte, welche sie ihren um sie klagenden Kinde: „Mutter, ich will Dir immer gehorsam sein" zuruft, lauten: „Bleib' ein ehrlich jüdisch Kind!" Miriam hält ihr der Mutter gegebenes Versprechen heilig. Kaum sind die Trauertage vorüber, findet die Trauung zwischen ihr und David Münzer statt. Allein als die Neuvermählten nach dem Hochzeitsmahle einen Kahn bestiegen hatten, der ssie, da eine Überschwemmung die Schiff- - brücke über den Dniester zerstört hatte, in ihr jenseits der breiten, dunkeln Fluth gelegenes Haus tragen sollte, gewahren sie plötzlich, daß nichtder Knecht David Münzers, Michälko, sondern Janko Wygoda die Ruder führt, der mit den Worten: „Miriam! Ein Grab!" den Kahn umschlägt und sich mit ihnen in den Wellen ein Grab bereitet. Jndeß auch diese gräßliche That. des Janko Wygoda bringt Leib Weihnachtskuchen nicht aus seinem Gleichgewicht. Er bereut