Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 29 (17.7.1896)
- Date
- 1896-07-17
- Page
- Seite 342 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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In den Augen der Völker fand jedoch Israel nur selten eine richtige Beurtheilung; schon seine Sitten und Gebräuche erschienen ihnen räthselhaft, besonders fochten die beiden Töchterreligionen eine weitere Berechtigung der Mutterreligion an. Das Traurigste dabei war der Angriff auf den Stamm selber, dem man eingestandenermaßen so viel zu verdanken hatte. „Es ist unwiderleglich wahr," sagt einer der edelsten Dichter unseres deutschen Vaterlandes, „daß wir der mosaischen Religion einen großen Theil der Ausklärung danken, deren wir uns heutigen Tages erfreuen. Die Unwürdigkeit und Verworfenheit der Nation kann das erhabene Verdienst ihres Gesetzgebers nicht vertilgen und ebenso wenig den großen Einfluß vernichten, den diese Nation mit Recht in der Weltgeschichte behauptet. Als ein unreines und gemeines Gefäß, worin aber etwas sehr Kostbares aufbewahrt worden, müssen wir sie schätzen, wir müssen in ihr den Kanal verehren, den, so. unrein er auch war, die Vorsicht erwählte, um das edelste der Güter, die Wahrheit, zuzuführen, den sie aber auch zerbrach, sobald er geleistet hatte, was er sollte." Wir erwiedern: nicht von Hause aus war Israel ein unreines und gemeines Gefäß, nicht so unwürdig und verworfen — wir dürfen nur auf die Stammväter blicken. Die jahrhundertlange Sklaverei hatte allerdings seinen unheilvollen Einfluß auf dasselbe geübt, und wir vernahmen, wie nach einem Jahrtausend noch Jeremia es anklagen mußte. Unseres Dichters Verurtheilung stimmt mit dem Propheten überein, aber, diese Verurtheilung kann sich nur auf das erste Staatsleben beziehen. Anders war es im zweiten Staatsleben, und als dieses aufhörte, war nicht der Kanal zerbrochen, sondern, wie ihm sein großer Lehrer Jochanan ben Sakkai voranging, entfaltete Israel ein neues Leben, das nicht in eigenen nationalen Schranken sich bewegte, sondern im Hinblick auf die Menschheit sich vollzog. „Am Tage der Tempelzerftörung ward in Israel eine welterlösende Macht geboren." Da rechtfertigt es die bildlichen Bezeichnungen, die auf dasselbe angewandt wurden: es blüht der Lilie gleich, in der Farbe der Unschuld; es gleicht einem belaubten Oelbaum, schön an Frucht und Gestalt; es gleicht dem Weinberg des Herrn Zebaoth; der Rebe, die selbst auf sandigem Boden die herrlichste Frucht zeitigt, es gleicht der Palme, aufstrebend zum Vater im Himmel; es gleicht aber auch hinsichtlich seines Geschickes der Taube, dem Sinnbild der Liebe und Treue. Wie die Taube verfolgt wird, ohne selbst zu verfolgen, so legte Israel auf Tausende von Schlachtbänken das Haupt nieder, ohne Murren, ohne Klagen; wie aber auch die Taube den Nachstellungen am häufigsten entgeht, indem sie, ermüdet, sich nicht niederläßt, sondern nur einen Flügel einzieht und mit dem anderen weiterfliegt, so ermüdete Israel nicht bei allen Verfolgungen, es zog weiter seine Bahn, es rastet nicht, bis es endlich den Frieden gewonnen. Die zutreffendste Bezeichnung für unseren Stamm bleibt aber der Name „Gotteskämpfer" und „Knecht Gottes". Kämpfen sollte er gegen die Macht der Finsteruiß, arbeiten sollte er für das Reich Gottes. Kampf und Arbeit lassennicht immer in freundlichem Gewand erscheinen, der Kämpfer und Arbeiter erlangt oft ein entstelltes Aussehen, darob sich Viele entsetzen. Seitdem man die Schmach des Mittelalters abzuwaschen begonnen, ist eine fortwährende Läuterung immer weiterer Kreise wahrzunehmen. Daß der Kanal, den die Vorsicht' erwählte, das edelste aller Güter, die Wahrheit, zuzuführen, daß dieser Kanal nicht zerbrochen wurde, beweist eben die . in geläuterter Gestalt sich verjüngende Gemeinde Israels, die . durch kulturelle und wohlthätige Institutionen, durch die Pflege des Lehrhauses und der Wissenschaft des Judenthnms ein - frisch pnlsirendes Lehen bekundet. Wem das Gefäß bisher nicht gefallen mochte, wird doch wenigstens zugestehen müssen, daß es ein dauerhaftes, unzerstörbares gewesen. Und weiter: Auch das . Gefäß hat eine andere Form erhalten, wiewohl es eine prunkende Außenseite verschmäht. Wir.wissen, daß Wein, Oel und Milch in irdenen Gefäßen sich am besten hält, gleich der Weisheit/ bei der Bescheidenheit. Das Verachtete ist darum noch nicht verächtlich, sagt der freieste und unbefangenste unserer Dichter. Und nun eine Parabel aus alter Zeit. Ein junger Mann -zog in die Fremde, um Menschenkenntniß zu sammeln. Da gab ihm sein Oheim einen Rath mit auf den Weg: Siehe zu, welche Waare am wenigsten beachtet wird, diese kaufe, eines Tages wird sie in: Werthe steigen. Als nach Jahren der Jüngling von seiner Reise zurückkehrte, fragte ihn der Oheim, ob er seinen Rath befolgt habe? Allerdings. Ich sollte, fuhr der Jüngling fort, auf das am wenigsten Geachtete merken. Unter allen Nationen fand ich keine, die so wenig geachtet wird wie Israel, es muß der Tag kommen, an dem es im Werthe steigt, an dem es in seinem Werthe erkannt wird. Ich habe seine Sache zu der meinigen gemacht. Wohl hatten wir viel auszuroden und einzureißen, zu vernichten und zu zerstören, aber andererseits auch zu bauen und zu pflanzen; aus dem Vergänglichen haben wir das Ewigbleibende hergestellt, von den Schlacken haben wir das Edelmetall befreit, daß es in unserer Mitte in einfacher Fassung erstrahle. Und so stehen wir unter den Völkern der Erde nicht mehr als die zerstreuten Glieder Judäas da, sondern als „Zeugen Gottes", als Glieder jenes-Gottesreiches, das alle Menschen umschlingen soll, jenes Reiches der Wahrheit, des Rechtes und des Friedens. Möge dieses Reich von Tag zu Tage immer mehr sich ausbreiten! - w Von Rabbiner Dr. Aschkanaze in Straßburg. f n der Reichstagssitzung vom 26. v. Mts. ist über diesen Paragraphen während 6V2 Stunden debattirt worden unter Be- . theiligung hervorragender Redner, unter denen vom Bundesrathstisch der Justizininister Schönstedt, von den'Reichstagsmitgliedern Lenzmann, Stadthagen, Gröber, Dr. Osann und Munckel ganz besonders sich hervorthaten. Es handelt sich hier weniger um eine Rechtsfrage, als meines Erachtens vielmehr um eine Gefühlssache, und zwar lim ein sittliches Gefühl, ob nämlich unheilbare Geistesumnachtung als Ehescheidungsgrund auzusehen sei. Es ist daher von Interesse, zu erfahren, daß die ethische Seite dieses Gegenstandes in dem aus Unkeuntniß oder aus sonstigen unlauteren und unberechtigten Motiven geschmähten Talmud und in dem darauf basirenden Ritualkodex Schulchan Aruch ganz im Sinne unseres erleuchteten Jahrhunderts theoretisch und praktisch zum Ausdruck gebracht wird. In der Mischnasentenz im Traktat Jebamoth p. 112 II. heißt es: Ist die Frau geisteskrank geworden, dann ist eine Scheidung unstatthaft. Ist der Mann schwachsinnig oder geisteskrank, dann kann nimmer eine Scheidung stattfinden. Nach diesem mischnäischen Prinzip ist Schwachsinn dein: Manne oder geistige Umnachtung bei einem der beiden Gatten nicht nur kein Grund zur Scheidung, sondern ein Hinderniß,: so daß in diesem Falle auch dann keine Scheidung vorgenommen werden darf, wenn auch ein sonstiger Grund dazu vorhanden wäre. Wir sehen also hier augenscheinlich die Ansicht der Majorität des deutschen Reichstages vertreten, die 8 1552 des Bürgerlichen Gesetzbuches.