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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-07-17 · Heft 29 (17.7.1896) · p. Seite 341

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 29 (17.7.1896)
Date
1896-07-17
Page
Seite 341 (sequence 5)
Language
German
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Die götzendienerischen Nachfolger Josias beschleunigten den Verfall des Reiches.- Jeremia wendet sich gegen diese Könige, wie auch gegen die Priester und. falschen Propheten, um das Vertrauen auf die Götzen zu-vernichten, um die trügerischen Hoffnungen auf Aegypten zu zerstören, das dem Volke stets zum- Fallstrick geworden war. „Haben wir denn keinen Balsam in unserer eigenen Mitte, ist denn kein Arzt unter uns selber? Verflucht der Mensch, der nur auf Menschen vertraut, der. Sterbliche zu seiner Stütze macht und das Herz vom Ewigen abwendet!" „Mein Volk vertauscht seine Herrlichkeit mit Dingen, die nichts frommen. Staunet darob, ihr Himmel, schaudert, entsetzt euch! Denn zwiefach Unheil that mein Volk: mich verließen sie, die Quelle lebendigen Wassers, und bauten sich Brunnen, die kein Wasser bieten. Ach, so viele Städte, so viele Götter zählst du, o Juda!" Welche Wirkung erzielte Jeremia? Als eine seiner Reden vor den König gebracht und vorgelesen wurde, nahm dieser Blatt nach Blatt, so oft er eines ruhig angehört hatte- und warf es ins Feuer. Was Jeremia in prophetischer Voraussicht verkündet, traf ein. Aegypten wurde von dem jungen, aufstrebenden babylonischen Reiche unterworfen, und Nebukadnezar kam auch nach Judäa. Er führte die Edlen des Volkes, die Krieger und Handwerker, wie alle Schätze des Tempels und des Palastes nach Babylon. Und als Zidkia, den Nebukadnezar eingesetzt hatte, von diesem wieder abfiel und sich mit Aegypten verbündete, da strafte Nebukadnezar den Treubruch, indem er die Edlen Judäas hinrichten, Zidkia blenden und in Ketten legen ließ, nachdem, dieser den Tod seiner Söhne ansehen mußte. Die Mauern Jerusalems wurden zerstört, der Tempel, die Paläste, die vornehmen Häuser verbrannt, die noch übrig gebliebenen Tempelschätze wurden nach Babel gebracht. Inmitten des armen Landvolkes, das Nebukadnezar zurückgelaffen hatte, stimmte Jeremia auf den Trümmern Jerusalenis seine schmerzdurchwühlten Klagelieder an. War damit sein Beruf erfüllt? Durchaus nicht. Er hatte ja nicht'blös zu vernichten und zu zerstören, sondern auch zu bauen und zu pflanzen. Die staatliche Unabhängigkeit war geschwunden, aber Israel war nicht vernichtet. „Siehe, Tage kommen, spricht der Herr, da schließe ich mit dem Hause Israel und Juda einen neuen Bund: ich lege meine Lehre in ihr Inneres, und auf ihr Herz schreib ich sie, ich werde ihnen zum Gotte sein und sie mir zum Volke. Wenn die Sterne vor mir schwinden soll auch Israel anfhören, vor mir ein Volk zu sein; Frieden und nicht Unglück, eine Zukunft und eine Hoffnung soll Israel erblühen" — in dieser Arbeit des Volkes, durch Rückkehr zu Gott das Heil herbeizuführen, in dieser Arbeit will es der Prophet unterstützen, er will das Werthvolle vom Schlechten scheiden, Edles aus Gemeinem ziehen, dieses fortschaffen, jenes begründen. Er blieb bei seinen unglücklichen Brüdern, um deren Loos zu theilen, sie zu beleben und zu stärken; er folgte nicht der Aufforderung, nach Babel zu gehen, wo ihm die größte Auszeichnung in Aussicht gestellt wurde. Doch war es ihm eine Beruhigung, das Volk in Babylon zu wissen, in der Ueberzeugung, daß es dort zur Selbstbesinnung und zur Läuterung gelangen werde. Darum schrieb er auch an das nach Babel geführte Volk: „Bauet Häuser und bewohnet sie, leget Gärten an und genießet ihre Früchte. Suchet das Wohl des Staates, dahin ich euch gewiesen; betet für ihn zu Gott, sein Wohl sei euer Wohl." Jeremia weilte nun unter dem armen Volke, über welches Gedalia als Landpfleger eingesetzt war. Gegen diesen, erhob sich jeboch ^ine Verschwörung, man tödtete ihn und die jüdischen und babylonischen Krieger. Die Uebriggebliebenen fürchteten. den Zorn Nebukadnezars und flüchteten nach Aegypten; auch Jeremia- und dessen Jünger Baruch mußten ihnen dahin folgen. So sehen wir jetzt Jeremia in dem Lande, vor-dem er jederzeit gewarnt hatte. Wie sehr sein Eifer gegen Aegypten begründet war, bestätigten ihm seine persönlichen Erfahrungen. Die in den Städten Aegyptens wohnenden Judäer lagen dem Götzendienste ob, während die nach Babel geführten sich zum Ewigen zurückfanden. ' Es war ihm in Aegypten nicht gelungen, Edles aus Gemeinem zu ziehen, er soll vielmehr, wie eine Sage mittheilt, von seinen Lands-" teilten gesteinigt worden sein. Wenn Andere wieder berichteten, er wäre nach Babylon ausgewandert oder nach Judäa znruckgekehrt, so würde aus solchen Sagen nur folgen, daß in Aegypten kein Boden war für die Worte eines Gottesmannes. Wichtiger sind jene Sagen, wonach er den nach Babel Verbannten die Mitnahme des Altarfeuers anbefohlen, wonach er selbst das Stiftzelt, die heilige Lade, den Räucheraltar auf dem Berge Nebo, wo Mose verstarb, vergraben, wie auch die heiligen Schriften verborgen hätte. Entsprachen vielleicht diese Vorkehrungen jener Hoffnung, die nach 70 Jahren den Tempel wieder auferbaut wähnte? Die Hoffnung ging in der That in Erfüllung. Als man aber den zweiten Tempel einweihte, da fand man nicht die Bundestafeln, die Jeremia vergraben haben sollte, und man legte in das Allerheiligste einen einfachen Stein, Satijah genannt, der keinerlei Inschrift trug und der nur an die Bundestafeln erinnern konnte. Nicht Steine mehr bewahrten die Worte der Lehre, es war die Verheißung erfüllt: »Ich lege meine Lehre in ihr Inneres, und auf ihr Herz schreib' ich-sie." -’.v Der zweite Tempel bestand über fünf Jahrhunderte. Ein langer Zeitraum war dem Volke zum zweiten Mal beschieden, in welchem es sich endlich als ein Gottesvolk erwies; ein Gott zugewendetes Staatsleben blühte, es traten in diesen Zeiten Gestalten auf, wie Esra uud Nehemia, Männer wie die Makkabäer; es wirkten Geister wie Hillel und Samai. Erst das welterobernde Rom hatte auch Judäa den Untergang bereitet und dessen Söhne nach allen Welttheilen zerstreut. - Auf den Trümmern des zweiten Tempels klagte kein Jeremiaes war jener Zeitpunkt gekommen, da man Israel nicht mehr an Jerusalem und den Tempel gebunden dachte. Eine Persönlichkeit tritt in den Vordergrund, die für die Folgezeit von bestimmender Bedeutung wurde; es ist R. Jochanan b. Sakkai. Dieser errichtete in Jabne ein Lehrhaus und gab.dadurch die Weisung, daß der Geist des Judenthums allerorten gepflegt werden könne. Der Opfertempel als Nationalheiligthlim durfte nur auf palästinensischem Boden stehen, aber das Lehrhaus bot überall der Gemeinde einen religiös-geistigen Mittelpunkt. Bei der Nachricht von dem Falle des Tempels bchab sich Jochanan zu der Ruinenstätte, und als seine Jünger laut in Thränen ausbrachen, tröstete er sie mit den denkwürdigen Worten: „Der Altar ist nicht mehr, aber ein Altar ist uns geblieben, es ist der Altar des Herzens, und sein Opferdienst heißt Wohlthätigkeit!" So ckam es, daß fortan neben den Lieberswerken die Beschäftigung mit der Lehre als ' die eigentliche Lebensäußerung des Judenthums angesehen wurde; man betrachtete endlich die Zerstreuung als ein göttliches Gnadenzeichen für die Erhaltung Israels. Wenn es an dem einen Orte bedrückt werde, entfalte es sich zu gedeihlicher Wirksamkeit an einem anderen Orte. Sein Dasein unter den Völkern konnte nicht verfehlen, das; diese ihre religiösen Anschauungen mit' denen Israels verglichen. „Gott führte Israel in die Länder, dami t seine Lehre das Gottesreich vorbereite." ' M m m

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