Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 29 (17.7.1896)
- Date
- 1896-07-17
- Page
- Seite 340 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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den Eindruck hervor, daß mehrere Delegirte mit der Absicht nach Berlin gekommen seien, um die geplante Vereinigung zu verhindern und den Zusammenschluß zu Hintertreiben. Einstimmig wurde darauf der Beitritt zum Lehrerbunde beschlossen und Eppstein-Hoppstädten zum Delegirte« und der Unterzeichnete zu seinem Stellvertreter gewählt. Zugleich wurde der Delegirte beauftragt, dahin zu wirken: 1. daß der Vorstand des Lehrerbundes sich aus den Vorsitzenden der Einzelverbände zusammenfetze, 2. daß der Beitrag der Einzelmitglieder auf 1 Mark erhöht und 3. eine Lehrerzeitung gegründet werde. . Auf Antrag wurde beschlossen, gegen säumige Mitglieder in geeigneter Weise vorzugehen. Nach dem gemeinschaftlichen Abendessen wurde in freier Besprechung die Versammlung bis zu später Stunde fortgesetzt. 2. Tag. Herr Rabbiner Dr. Cohn - Bonn sandte telegraphischen Gruß. Kollege Lißner-St. Johann entschuldigte per Draht seine Abwesenheit. Die Verlagsbuchhandlung von Wilh. Jaeobsohn in Breslau hatte eine Auswahl von Werken ihres Verlages zur Ansicht und Vertheilung übersandt. — Vormittags 8 Uhr begann die Arbeit des 2. Tages. Nachdem Ort, Zeit und Arbeitsplan der nächstjährigen Versammlung festgesetzt war, beschäftigte die Angelegenheit der Mitglieder Dr. Singer- Coblenz—Ransenberg-Neuwied die Versammlung in längerer, lebhafter Erörterung. Die Versammlung war einstimmig der Ansicht, daß die Coblenzer Kollegen in dieser Frage durchaus korrekt gehandelt haben, und nahm gleichzeitig im Hinblick auf die Stellungnahme der Gemeinde- Unterstützungskommission des D. I. G. B. in dieser Angelegenheit den Antrag an, daß der Lehrerbund baldmöglichst einen Ehrenrath ins Leben rufen soll, der als einzig berechtigte Instanz zur Entscheidung in Streitfragen zwischen Mitgliedern von Lehrervereinen zu betrachten ist. In freier Rede behandelte Eppstein-Hoppstädten das Verbandsthema: „Welche gesetzlichen Schritte sind nöthig, resp. welche Grundlagen sind zu schaffen/ um dauernde Anstellung und Pensionirung der Lehrer und Versorgung ihrer Hinterbliebenen herbeizuführen?" Er führte aus: 1. Es ist gewiß nicht uninteressant, zu erfahren, aus welchen Ursachen heraus sich die Verhältnisse, die wir beklagen, entwickelt haben. 2. Für unseren Zweck genügt es, ihr Vorhandensein zu konstatiren. 3. Beim Forschen nach den nothwendigen gesetzlichen Schritten kommt man immer und immer wieder auf das erste Hinderniß: Das fehlende Korporationsrecht der Gemeinden. 4. Es wäre unbillig, gerade die Herrschsucht der Vorstände und Gemeinden gegenüber ihren Beamten für den Uebelstand verantwortlich zu machen. a) Der Vorstand kann seine Gemeinde nicht auf die Dauer verpflichten, so lange er der Steuerzahler nicht sicher ist. d) Der Vorstand kann seiner Pflicht, die Gemeinde zur Beschaffung des Religionsunterrichtes anzuhalten, nicht Nachkommen, so lange die Gemeinde nicht korporativ ist. 5. Aber auch wenn Korporation vorhanden, bleibt die eine Schwierigkeit: Die stetige.Abnahme der kleineren Gemeinden. 6. Diese kann nur gehoben werden, wenn die größeren Gemeinden, welche , die Steuerkräfte der kleinen Gemeinden in sich aufnehmen, ihre moralische Verpflichtung anerkennen, dafür eine Leistung zu übernehmen. 7. Es scheint mir würdig, ehe man an die Zwangsgewalt des Staates appellirt, den Versuch zu machen, ob nicht freie Bereinigung zum Ziele führt. 8. Zu allererst muß der Unterbau hergestellt werden: Die Gemeinden müssen Korporationsrechte haben. 9. In eine energische Agitation nach dieser Richtung hin eintreten; die Vorsteher dafür gewinnen, was um so leichter zu erreichen sein dürfte, als ihre gegenwärtige Amtsgewalt sehr problematisch. 10. Die Vorstände der größeren Gemeinden muß man veranlasseneine Besprechung aller Vorsteher resp. Notabeln herbeizuführen, um Einzelkorporationen und kleinere oder größere Bezirksverbände zu erstreben. .Die sich an den interessanten Bortrag knüpfende lebhafte Debatte — in welcher, besonders der vom Rabbiner Dr. Baßfreund-Trier ausgeführte Plan der Gründung sogenannter Filialgemeinden, als Glieder von Großgemeinden, Anklang fand — ergab die Resolution: „Die Versammlung erblickt in der Korporation der Gemeinden die erste Grundlage zur dauernden Anstellung und Pensionirung jüdischer Kultusbeamten und beauftragt ihren Vorstand, zu diesem Zweck mit den Vorständen der Synagogengemeinden in Verbindung zu treten." Der zweite Vortrag: „Ausbildung des^ Lehrers als Kantor" wutde bis zur nächsten Jahresversammlung verschoben. . Nach Annahme des Antrages: „Es soll dem Vorstande überlassen bleiben, Ort nnd Zeit der Versammlung nöthigenfalls zu verlegen", schloß der Vorsitzende die Versammlung, nachdem er dem Herrn Ober- Rabbiner Dr. Baßfreund-Trier den Dank, des Vereins ausgesprochen für die Mühewaltung, welcher er sich im Interesse der Versammlung unterzogen hatte, unter dem Ausdrucke des Dankes gegen den Vorstand der Gemeinde Trier, mit einem Hoch auf den Kaiser. Der Schriftführer dankte unter lebhaftem Beifall dem Vorsitzenden. Die nächste Versammlung findet in Neuwied am 8. und 9. Juni 1897 statt. Für dieselbe sind wichtige Vorträge angemeldet: 1. Wie ist das Lesebedürfniß des jüdischen Publikums zu wecken, zu erhalten und nutzbringend zu befriedigen? (Stamm-Dierdorf.) 2. Jüdische Lehrerzeitung. (Nußbaum-Trier.) 3. Der Lehrer in der Gemeinde-Vertretung. (Ransenberg-Neuwied.) 4. Die Ausbildung als Kantor. (Nußbaum-Trier und Wolff- Luxemburg.) Möchten die in Trier gepflogenen Verhandlungen den jüdischen Schulen und ihren Lehrern zum Heile gereichen! Jul. Ransenberg-Neuwied. Jeremia und Iochanan den Salckai. Zum S. Ab. Bon Dr. M. Levin. enn wir uns ein anschauliches Bild von jener Zeit der? schaffen wollen, da der Tempel auf Zion zum ersten Mal ' in Flammen aufging, so stellen wir uns ,den Propheten Jeremia vor, wie er auf den Trümmern Jerusalems seine, herzzerreißenden Klagelieder anstimmt ob der vereinsamten Stadt, die einst eine Fürstin war unter den Ländern. Den ganzen Jammer, der das Volk betroffen, spiegelt uns der Prophet Jeremia wider, der wie Keiner das Elend empfunden und getragen hat. Und doch sollte er dem Jammer nicht unterliegen, war er doch zum Lehrer des Volkes berufen. „Wenn du Edles aus Gemeinem ziehest, wirst du wie mein Mund sein!" das war der Gottesruf, der an ihn erging. Das Werthvolle vom Schlechten zu sondern, das Rechte vom Verworfenen, das Edle vom Gemeinen, dieses fortzuschaffen und jenes zu begründen, auszuroden und einzureißen, zu vernichten und zu zerstören, aber auch zu bauen und zu pflanzen, das ward seine Aufgabe. Es war eine schwere Aufgabe, denn das Volk war „ein Geschlecht der Verkehrtheit" geblieben. Ein Jahrtausend war vergangen, seitdem das Volk am Sinai sich Gott geweihet hatte, und noch immer fand das Gottesgesetz keinen festen Boden. In der Richterzeit, in der ersten Königszeit, wie nach dev Theilung des Reiches beobachten wir einen steten Kampf des Gottesgesetzes mit dem Heidenthum. Persönlichkeiten wie Josua, Deborah, Gideon, Samuel erzielten nur einen vorübergehenden Erfolg. Und wenn auch David als der Gesalbte Gottes galt, als ein Mann nach dem Herzen Gottes, so hatte doch schon wieder sein Sohn Salomo, der dem Ewigen einen Tempel erbaute, seinen heidnischen Frauen zu Liebe auch den Göttern Altäre errichtet. Vergebens treten im Reiche Israel Elia und Elisa auf, vergebens eifern im Reiche Juda gewaltige Propheten wie Jesaia, Hosea, Joel, Amos, Micha — vereinzelt stehen gottesfürchtige Könige da, wie Josaphat, Hiskia, Josia. Mit dem letzteren war der „Glanz Judäas" dahin.