Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 28 (10.7.1896)
- Date
- 1896-07-10
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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60; Lchrgang. Nr. 28. Berlin, 10. Juli 1896. Weikage zur „Allgemeinen Zeitung öes ZuöentHuws". Korrespondenzen und Nachrichten. Drutschlan-. L2 Berlin, 6. Juli. Während der gegenwärtigen Ferien erscheint es an der Zeitunsere in die Bäder reisenden Glaubensgenossen auf folgende Notiz der Tagesblätter hinzuweisen, welche das ekelerregende anti, semitische Treiben in Borkum schildert. Auf Wegen und Stegen, in den Kabinen stößt man auf antisemitische Albernheiten, häufig aber auf antisemitische Obscönitäten, die jedem gebildeten und verständigen Menschen, der dort Ruhe und Erholung sucht, den Aufenthalt verleiden. Das Gleiche wird jetzt, während Borkum schon längere Zeit wegen seines Antisemitismus berüchtigt war, auch von dem Nordseebade Juist berichtet. Zwei Damen, Israelitinnen, fragten bei der Direktion des letzteren Bades wegen dieses Umstandes an und erhielten die Antwort, daß sie, die Badeverwaltung, „als solche sicher nicht so ist", daß den Israeliten der Aufenthalt aber dort nicht angenehm gemacht würde und hnen daher nur zu rathen wäre, Juist nicht zu besuchen. Das werden sich aber nicht nur die Israeliten, sondern es wird sich das auch jeder Mensch von Bildung und Geschmack, der im Bade Erholung und Frieden sucht, gesagt sein lassen. L2 Berlin, 5. Juli. Es dürfte unsere Leser interessiren, zu erfahren, daß Li-Hung-Tschang, der kürzlich hier weilte, seinen Amtssitz in der Hafenstadt Tien-tsin hat, in welcher Stadt die ersten europäischen Juden im Jahre 1858 sich angesiedelt haben. — Seit 25 Jahren residirt Li-Hung-Tschang in dieser Stadt als Vicekönig. Obgleich die fremden Juden dort gleich den übrigen Europäern unter der Jurisdiktion ihrer betreffenden Konsuln stehen, so haben sie doch diesem Staatsmanns viel zu verdanken, da er ihnen sowohl den freien Aufenthalt in der Stadt, als auch den ungehinderten Verkehr mit der Bevölkerung gestattete.' Als Großkanzler des „Reiches der Mitte" kann er auch verhängnißvoll in die Geschicke der daselbst lebenden einheimischen Juden eingreifen, indessen existiren dieselben dort schon seit zweitausend Jahren, und keinem chinesischen Staatsmann ist es bis jetzt eingefallen, sie in der Ausübung ihrer Religion zu stören. Diese Juden haben sich übrigens schon längst den Chinesen assimilirt und tragen auch Zöpfe wie diese. Zu Hause und in der Synagoge sind sie jedoch strenggläubige Inden, obgleich sie die Bibel nicht vollständig und vom rabbinischen Schriftthum fast nichts besitzen. . ^2 Berlin, 6. Juli. Die als eine eifrige Förderin und Mitarbeiterin auf dem Gebiete der Wohlfahrtsbestrebungen bekannte Frau Agnes Blumenfeld ist am Sonnabend, den 4. d. M. gestorben. Sie stand an der Spitze zahlreicher Vereine, die ihre Thätigkeit den Nothleidenden widmen; auch in den Kinderhorten entwickelte sie eine segensreiche Wirksamkeit. Die Trauerfeier fand im Hause der Verstorbenen statt. Vorstände verschiedener Vereine, denen die Verstorbene ihre Thätigkeit gewidmet hatte, des Kaiser und Kaiserin Friedrich-Krankenhauses und des Vereins für Volkskindergärten, wohnten der Trauerfeier bei. Die Gedächtnißrede hielt Prediger Dr. Oppenheimer von der Reformgemeinde. Die Bestattung erfolgte auf dem alten Friedhof in der Schönhauser Allee. G. Berlin, 7. Juli. Das Wort des Propheten Jeremias „Sorget für das Wohl der Stadt, in deren Mitte ihr weilet", bewährt sich noch heute überall da, wo unseren Glaubensgenossen Gelegenheit gegeben wird, sich an gemeinnützigen Angelegenheiten zu beiheiligen. Als es galt, durch Zeichnung eines Garantiefonds das Zustandekommen der Berliner Gewerbe-Ausstellung zu ermöglichen, waren hervorragende Kaufleute auch aus unserer Gemeinde mit an erster Stelle thätig, sie stehen als Borstände der einzelnen Gruppen der Ausstellung, die heute allseitig als wohlgelungen und als ein Ehrendenkmal der Reichshauptstadt anerkannt ist, ebenso wie in dem geschäftsführenden Ausschuß in erster Reihe, da wo es gilt, durch Energie und Fleiß das Werk zu fördern, von dem so Vieles abhängt und das schon jetzt vielen Tausenden sonst brach liegenden Arbeitskräften mitten in einer Periode industrieller Strebung Brod und Aussicht auf weitere Beschäftigung gewährt. Bei einer kurzen Wanderung durch das Jndustriegebäude sehen wir, wie namentlich in Gruppe II, der Bekleidungsindustrie, unsere Glaubensgenossen hervorragend vertreten sind. So ist unstreitig eines der originellsten und interessantesten Ausstellungsobjekte der ganzen Ausstellung die von Moritz Bacher, in Firma Bacher ck Leon, dem Vorsitzenden obiger Gruppe, arrangirte historische Trachten ausstellung. Der große Pavillon, in dem auf strengster wissenschaftlicher Grundlage diese Trachten von 1796 bis heute in interessanten Gruppen und mit Berücksichtigung aller Einzelheiten zu sehen sind, ist ständig mit seinen wohlgefüllten Kojen Gegenstand des eifrigen Studiums seitens kompetenter Besucher. — Es braucht nicht erst hervorgehoben zu werden, daß auch unter denen, die im Zentralverwaltungsgebäude und im offiziellen internationalen Preßbüreau der Ausstellung thätig sind, sich mehr als einer befindet, der das Band, das ihn mit der Glaubensgemeinschaft Israels verbindet, freudig bekennt. Wir haben diese Erfahrung bei einem Besuch der Ausstellung gemacht und freuen uns dessen. Neben der Post in der Wandelhalle hat Rudolf Mosse, der Verleger der offiziellen Kataloge der Ausstellung, ein Bürean errichtet, über dessen stilvolle und zweckmäßige Einrichtung jeder Besucher Genugthuung empfinden wird. In den Separatgebäuden finden wir ebenso wie bei den meisten Gruppen Namen, die hier genannt zu werden verdienen. So hat in den oberen Räumen der Haupthalle der Fischerei-Ausstellung Herr Kommerzienrath Julius Jsaac, i. F. Mann Jsaac, ein Objekt ausgestellt, das schon vom Saal aus die Aufmerksamkeit des Besuchers erregt, nämlich eine unter großen Kosten hergestellte Nachbildung eines Walfischkopfes, die 30 Centner Gewicht hat und uns an die biblische Jona-Erzählung erinnert. Der Werth beziffert sich auf etwa 40 000 Mark, da sich in dem Kopf ein echter vollständiger Bartenwuchs befindet. Das Gewicht der Barten beträgt 15 Centner, die Länge der einzelnen Barten, aus denen bekanntlich das Fischbein, die Spezialität dieser Firma, hergestellt wird, schwankt zwischen drei und zchn Fuß. Ein anderes Separatgebäude umfaßt die Gruppen 16 und 19 (Wohlfahrtseinrichtungen und Einrichtungen für Bildung und Erziehung). Wir können stolz sein auf das, was hier von Frau Lina Morgenstern im Berliner Hausfrauenverein, was wir an Plänen, Tabellen und Berichten seitens des. A u e r b a ch s ch e n W.a is.enh,auses ausgestellt sehen. In derselben Gruppe bietet sich als ein Novum die Rudolf Mossesche Erziehungs-Anstalt für verwaiste Knaben und Mädchen aller Konfessionen, ein Institut, das in diesem Blatte bereits gewürdigt worden ist. — Keinem der 40 in der Gruppe für Wohlfahrtseinrichtungen vertretenen Vereine, so dem „Verein gegen Verarmung und Bettelei", den unter dem Protektorat der Kaiserin Friedrich stehenden Ferienkolonien, dem Verein für Volkserziehung, stehen unsere Glaubensgenossen fern, in den meisten sind sie im Vorstände und mit Zuwendung bedeutender Fonds betheiligt. Dem gegenüber erscheint es auffallend, daß in dieser Gruppe kein einziger unserer jüdischen Wohlthatigkeitsvereine vertreten ist und daß gerade unsere hervorragendsten Institute, wie die Altersversorgungsanstalt und das jüdische Krankenhaus, durch Abwesenheit glänzen. Ä. Frankfurt a. O., 3. Juli. Nachdem der Rabbiner mrd Prediger unserer Gemeinde, Herr Dr. Blumenthal, am Sonnabend, den 27.. vs Mts. in der von andächtigen Besuchern gefüllten Synagoge seine Ähschiedspredigt gehalten, fand ihm zu Ehren am Montag, den 29. Juni, im Saale des Gesellschaftshauses ein Abschieds-Banket statt, an dem die angesehensten Mitglieder unserer Gemeinde, die Freunde und Verehrer des nunmehr nach Danzig übersiedelnden Rabbiners theilnahmen. Die Reihe der Toaste eröffnet« Herr Max Alexander, der in schönen und herzlichen Worten das segensreiche Wirken unseres scheidenden Seelsorgers, des bedeutenden Kanzelredners und Pädagogen pries, der sich