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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-07-10 · Heft 28 (10.7.1896) · p. Seite 335

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 28 (10.7.1896)
Date
1896-07-10
Page
Seite 335 (sequence 11)
Language
German
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335 Schreckensrufe „Schina Jisroel, o mir nicht, weh geschrieen, erbringt mich nm, jüdische Kinder helft's" und noch viele andere, die in rascher Folge und in kreischendem Diskant Frau Rachels Mund entflohen, mußten in jedem Zuhörer den Gedanken erwecken, daß Frau Rachel schwer verletzt sei. Selbst Mordche, der an die exzessive Art der Gefühlsäußerungen im Ghetto gewohnt war, eilte zu Hilfe. Da erst gewahrte ihn Reb Rephoel, der in seiner Aufregung den Eintritt des Wächters nicht bemerkt hatte und jetzt ruhig auf seinem Platze stand, theils infolge der natürlichen Reaktion nach dem Austoben seiner Leidenschaften, theils auch, weil er wohl wußte, daß Rachels Geschrei nur ein Racheakt war, denn er hatte gar nicht nach ihr gezielt; er hatte nur demonstriren wollen, daß er so wild sei, um eine Maaste*) thun zu können. „Was wollt Ihr?" herrschte er Mordche an, denn nun hatte er einen neuen Blitzableiter für seinen Zorn, und überdies verdroß es ihn mehr, als er gestehen wollte, daß ihn der „Wächter", der Niedrigste in der Beamtenhierarchie der Khille und folglich der letzte Mann in der Gesellschaft, in einer solchen beschämenden Situation getroffen hatte. „Was wollt Ihr?" rief Rephoel noch einmal, als Mordche nicht sofort antwortete, da seine Augen immer noch auf Rachel gerichtet waren, welcher die Magd höchst überflüssigerweise Wasser ins Gesicht spritzte und eine Citrone unter die Nase hielt „Was wollt Ihr? Geschwind! Ich habe keine Zeit." „Ich komme, die Schenodargelder^) einzukassiren." „Was?" schrie Reb Rephoel, „Geld wollt Ihr haben, Ihr Blutsauger, ausziehen möchtet Ihr einem das letzte Hemd; ich soll nach Pest fahren und weiß nicht, wo mir der Kopf steht vor Sorgen, ich weiß nicht, ob ich etwas verdienen werde oder nicht, ich weiß nicht, ob ich nicht zurückkomme als Bettler, Gott soll schützen und behüten, und Ihr geht hier herum, eßt und trinkt und lebt wie Kohols Becher, und Unsereiner soll sich den sorgenvollen Kopf zerbrechen für Euch! Ich zahle nichts." „Wißt Ihr Reb Rephoel, wenn ich zum Vorsteher sage: Ihr habt mir zweimal Chaj Pagum,3) die ihr geschnodert^ habt, nicht zahlen wollen, wird er mirs nicht glauben wollen. Ich werde lieber sagen, ich habe Euch nicht getroffen und Euer Weib hat gesagt, Ihr seid schlecht aufgelegt; ichlsoll lieber uac^) dem Pester Markt kommen". Diese Anspielung war zu viel für das gereizte Gemüth Reb Rephoels: „Heraus Du Azuß Ponim"°) schrie er, „ich brech' Dir die Glieder und Händ' und Füß' und Leib und Leben, wenn Du noch einmal Deinen Fuß über meine Schwelle setzest." Für Mordche war es nun Zeit, zu gehen, obwohl nicht zu befürchten stand, das Rephoel seine martialische Drohung ausführen werde. Mordche ging nnd dachte bei sich: „Es sind doch erst acht Tage, seit der'Rabbi beim Schiur gesagt hat: Man soll sich hüten, sein Weib zu kränken, weil, wo ein Weib weint, kann Gottes Strafe nicht ausbleiben, und daß im Buche Mordechai geschrieben steht: Wer ein Weib oder ein Kind oder Jemanden, den man in der Gewalt hat, mißhandelt, Übertritt ein göttliches Gebot, geradeso, wie man möchte Chasir8) essen. Und ich habe auch gehört, wie der Rebbe einmal gesagt hat: Es steht geschrieben: Wer aus Zorn etwas zerbricht, ist wie ein Götzendiener. Ist das nicht merkwürdig mit dem Reb Rephoel? Er versäumt, keinen Schiur mrd wie oft gehe ich vorüber um zwölf Uhr in der Nacht und sehe ihn über der Gemoro sitzen; ja, einmal bin ich bei seinem Fenster vorübergegangen und Hab' gerufen: Meine lieben Leute laßt euch sagen, der Hammer i) Einen Verzweiflungsakt. 2) Die Gelder, welche von den zur Thora gerufenen Männern gespendet werden. ») Achtzehn Groschen- >) Gespendet. 5) Unverschämter Mensch. 6) Schweinefleisch. hat zwei geschlagen; da ist Reb Rephoel zum Fenster gekommen und hat gefragt, ob ich schicker*) bin, es kann gar nicht sein, daß schon so spät ist. So vertieft war er ins Lernen. So ein Zaddip) wie er, der, wenn er acht Tage unterwegs ist, lieber von vertrocknetem Brod lebt, als daß er möchte im Wirths- Haus eine Tasse Kaffee trinken oder ein Stückchen Brod effen, was von Christen gebacken ist? Merkwürdig, merkwürdig? Ein Mann läßt ein Sefer Thora °) schreiben von einem Sofer^) aus Erez Jisroel/) dem er ein ganzes Jahr Kost und Quartier giebt und noch dazu gut zahlt, obwohl auch unser Reb Chaim Wolf ein ganz ehrlicher Jüd' ist und sehr schön schreiben kann — ich wollte, Gott möchte mir das Glück geben, daß ich fönnte von ihm ein Sefer schreiben lassen — und jetzt macht derselbe Mensch wegen zweimal Chaj Pagum so einen Lärm? Merkwürdig! Reb Rephoel glaubt doch an die Gemoro, und er mochte sich lieber in Stücke hacken lasten, ehe er vor einem Zetem^) den Hut herunternehmen möchte, und seinem Weib wirft er ein Tintenfaß nach, daß es in Stücke geht. Hungers würde er lieber sterben, ehe er einen Bisten von der „andern Sache" in den Mund nehmen wollte, und mir hängt er Reden an, die ich nicht meinem ärgsten Feinde geben wollte. Wenn aber der Verwalter vom Grafen Ulrichstein ihm alle möglichen Grobheiten sagte oder ein Bauer ihn ärgern würde, von dem er ein Säckchen Wolle kaufen kann, möchte er nicht sagen, er will ihm Leib und Leben zerbrechen. Mir aber, einem Juden und einen: Baalboos *) sagt er das. Warum? Weil ich ein armer Mensch bin, und wenn Reb Rephoel bei Kohol aufbegehrt, nimmt man mir ben Bisten Brod weg. Steht aber nicht geschrieben im Buche Mordechai, daß wenn man grob ist gegen einen armen Menschen, ist es, wie wenn man hätte Chasir gegessen? Gilt, er hat auch Mordche geheißen, der Zaddik, der das gesagt hat. Wenn ich auch nicht lernen kann und habe nicht das Vermögen, ein Sefer Thora schreiben zu lassen, und este Brod bei Christen und trinke Kaffee — nicht mit Milch, Gott soll behüten — bin ich doch nicht der Aergste." Als Mordche nach Beendigung seines schweren Rundganges, auf dem er wenig Geld, aber viel böse Reden bekommen hatte, in sein Haus zurückgekommen war, hatte seine Channe viel zu klagen. Awromele hatte sich mit anbereti Gassenjungen gebalgt und zerristene Kleider nach Hause gebracht, Taubele hatte die Milch abrahmen wollen unb dabei den Topf heruntergeworfen und zerbrochen, und Vögele hatte einen Strähn Strickwolle, den sie zum Knäuel wickeln sollte, so verfitzt, das mau ihn zu gar nichts brauchen konnte. Channe, die den drei Mistethätern mit der Rückkunft des Vaters gedroht hatte, weil sie ihr nicht den nöthigeu Respekt entgegenbrachten, rieth zur sofortigen Hinrichtung, allerdings mit einer leisen Hoffnung, daß diesem Wunsche nicht entsprochen werden würde, aber Mordche sagte: „Nein Channeleben, man darf kein Kind todtschlagen oder mißhandeln; das steht in einem großen Sefer, wo der Rebbe Schabbes vor acht Tagen daraus vorgeleseu hat und hat gesagt: Wer das thut, ist, wie man möchte choliloh°) Trephe3) effen." „Komm her Awromele, ich thue Dir nichts? Sieh' mal an, mein Jüngelleben, ich bin nicht Reb Rephoel Kohen, ich kann Dir nicht alle Woche neue Hosen kaufen, von den zwei Gulden Lohn, die ich bekomme. Ich möchte ja gerne, ich habe Dich gerade so lieb wie Reb Rephoel seinen Maxl hat, aber ich habe das Vermögen nicht dazu. Du mußt mehr Obacht geben auf Deine Sachen. Willst Du?" ') Betrunken. i) 2) Frommer Mann. 8j Thorarolle. 4) Thora-Schreiber. °) Palästina. °) Kreuz. ^Familienvater. 8) Gott behüte. 3) Verbotene Speisen.

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