Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 28 (10.7.1896)
- Date
- 1896-07-10
- Page
- Seite 334 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Methode ist an sich gar nicht so wichtig und des Streites werth. Die Methode ist bedingt durch den Lehrer und den Schüler; in der Heimath des Referenten lebte vor vielen Jahren ein jüdischer Lehrer, dessen Sprossen jetzt schon im dritten Geschlecht Lehrer an höheren Schulen sind; den rief einst mein Vater und erzählte ihm, er habe in der „Vossischen Zeitung" von einer neuen Unterrichtsmethode gelesen; er wollte eben anfangen, ihm diese neue Methode zu expliciren, da fiel ihm der etwas, lebhafte Mann ins WöA: „Eine neue Methode? man lernt gar Glicht und kann doch!" Der geistvolle Autor möge es verzeihen, aber ist der Schüler oder ist der Lehrer klug, so verfährt der Lehrer sokratisch, ist der Schüler oder ist der Lehrer dunun, so geht es automatisch, alias Einpauken genannt. Mit dem christlichen Katechismus hat die Frage eigentlich wenig zu thun; denn bei den Dogmen des Christeuthums nimmt Niemand an, Ulan könne sie dem Verstände ablocken. Da ist es nur eine Form, um den Unterricht zu beleben. Aber der ganze Streit scheint minder wichtig, da es zweifellos ist, jeder Lehrer wird die Frage von Fall zu Fall entscheiden. Bedenklicher ist die Begründung; Maybaum thut, als wiffe er ganz genau, was unter Offenbarung zu verstehen sei. Kein Wort aber ist dunkler als Offenbarung. Der Talmud und Maimonides lehren, Gott sei weder hinabnoch hinaufgestiegen, und es gilt, miv einmal genau hinzuseheu, was Wunderbares und Uebernatürliches übrig bleibt, wenn man den Vorgang am Sinai so auffaßt wie Maimonides an einigen Stellen. Maimonides hätte sich nicht so eifrig bemüht, die Menge von feinem Buche fernzuhalteu, wenn er nicht das volle Bewußtsein von der Gefährlichkeit, oder sagen wir von der Kühnheit seiner Ansichten gehabt hätte. „Heilslehre", „Bekennerstamnr", diese Ausdrücke M.'s sind zu pretiös; ist denn überdies „natürliche", vernunftgemäße Religion geschimpft? Ich erinnere mich, irgendwo gelesen zu haben: „sie ist eure Weisheit und eure Einsicht in den Augen der Völker", am Ende war Mose in seinen alten Tagen so ein Herold der natürlichen Religion. Der treffliche Prediger sündigt dabei gegen die einfachste Regel der Definition, nicht ein Wort durch sich selbst zu erklären, denn es heißt in dem oben angeführten Citat, wenn wir den Satz aus seinen Banden erlösen: „die Heilslehre der Offenbarung ist das Werk der Propheten, die der Gottesgeist zu Verkündern seiner Offenbarung in Israel erweckt hat." Und nun soll gar eine Lehre, ein Gedanke durch die Geschichte eines Stammes eigenartig ausgestaltet werden. Eine Lehre kann mir theurer werden, wenn, ich für sie leide oder wenn ich um ihretwillen geehrt werde; aber wie sie dadurch besser oder schlechter werden kann, ist unerfindlich; ich fürchte, Maybaum erschrickt vor seinem eigenen Gedanken, wenn er ihn aus der Sprache der unsterblichere Götter in die Sprache der Menschen übersetzt. Besonders anregend zu Lob, zu Widerspruch und wiederum zur Begeisterung und zum Nachdenken ist das Kapitel „die Religionslehre". Es ist nicht gleichgiltig, es ist kein Streit nur um die Architektonik des Religionsgebäudes, wenn wir fragen: welches sind seine Grundlehren.' Da uns die ganze Thora heilig ist, so sollte es darauf nicht viel ankommen; in der That haben sich unsere Vorfahren Anfangs um diese Frage nicht geküuunert, aber als der Geisteskampf ausbrach, als es galt, sich zil behaupten im Widerstreit der Meinungen, da wurde das Streben mächtig, die Grundpfeiler des Judenthnms zu erkennen. Auch Maybaum weist in sehr lichten Ausführungen darauf hin, daß die dreizehn Grundlehren des Maimonides nicht so sehr den positiven Gehalt des Judenthums darstellen wollen, sondern daß sie mehr einen feierlichen Protest darstellen gegen in anderen Religionen verkündete GruudlehWi. Maybaum selbst stellt vier Grundlehren auf. Wir-erlauben nus, die nicht strikt nöthwendigen Worte hier wegzulaffen,-und..erhalten: Die Lehre von Gott, von der Gottesebenbildlichkeit des Menschen, vom Verhältniß zwischen Gott und dem Menschen, vom Verhältnis; der Menschen zu einander. Die dritte Grundlehre aber, das Verhältniß zwischen Gott unb dem Menschen betreffend, ist offenbar in den beiden ersten enthalten und daher überflüssig. Die Vorzüge des Maybanm'schen Werkes sind zahlreich und blendend; es wird Den belohnen, der als Fachmann es studirt, es wird Den erquicken, der, ohne tiefer zu grübeln, der Lektüre sich hmgiebt; wir lassen uns gern von den Wogen dieser schönen Worte tragen, auch wenn wir an ein Gestade gebracht werden, das uns fremd ist. Das sind nicht die besten Bücher, die keinen Widerspruch in lins erwecken; sondern das scheint die heilsamste Lektüre, die dem Leser keine Ruhe läßt, die ihn weckt und aufregt. Vielleicht ist der Autor ein Parteimann; aber dies Buch ist sicherlich kein Parteiwerk; Erfahrung und Wissenschaft und die innigste Liebe zum Judenthum haben mitgewirkt, es zu schaffen; dem Rabbiner der Großstadt war es vergönnt,- mit hervorragenden Pädagogen die einzelnen Kapitel zu erwägen; Maybaum ist verständig genug, um von Jedem zu lernen; darum ist er am ehesten geeignet, Alle zu lehren. e-1 1—1 1----H MWMMulMMMk.iiiMMMMlMMMMM.WMMmMMMtMWMM 1—1 1- MkMMM | FEUILLETON 1 * i l «-1 1-1 i---—--»sfr-— ----- —1 SSuB 1- Andere Zeiten. Eine Erzählung aus dem jüdischen Leben der jüngsten Vergangenheit von Gotthard Deutsch. Zweites Kapitel: Der Ghetto-Patrizier. acht Tage nach diesem denkwürdigen Schabbes trug sich C&sl, ein Ereigniß zu, das die Predigt des Rabbi mit uuberlöschlicher Schrift in Mordches Gedächtnis; eingrub. Mordche ging am Sonntag die Spendegeloer einkassireu, und da führte ihn sein Geschäft auch in das Haus des reichen und gelehrten Wotthändlers Reb Rephoel Kohen. Reb Rephoel war in seinem Korutor mit den Vorbereitungen zur Reise nach Pest beschäftigt, wo er den Wollmarkt regelmäßig besuchte, und offenbar in der denkbar ungünstigsten Stimmung, er fonnte einige wichtige Papiere nicht finden, welche er Freitag Nachmittags, als er Schabbes machte, auf seinem Schreibtisch liegen gelaffen zu haben behauptete.. Nach seiner Ansicht konnte nur sein Weib Rachel die Papiere verlegt haben. Rachel schwur hoch und heilig, daß sie niemals das kleinste Zettelchen auf diesem geheiligten Platze angerührt habe, das; aber Rephoel ein „Chuschkopf"*) sei, der selbst nicht wiffe, wo er seine Sachen hiuthue. Das steigerte Rephoels Aufregung zur Fieberhitze, mit wild rollenden, weit ausgerisseueu Augen, die zitternden Fäuste krampfhaft zusammengeballt, die Zähne fest an einander gepreßt, keuchte er die Worte hervor: „Was hast Du gesagt? Sag's noch einmal!" „Daß Du ein Chuschkopf bist!" war die entschiedene Antwort. Reb Rephoel, außer sich vor Zorn und froh, einen Blitzableiter für seinen Aerger über die verlegten Papiere zu haben, ergriff das massive Schreibzeug und schleuderte cs mit aller Kraft nach seiner besseren Ehehälfte. - Die Zerstreuter Mensch.