Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 28 (10.7.1896)
- Date
- 1896-07-10
- Page
- Seite 333 (sequence 9)
- Language
- German
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33J Auch für die Pflege des Hebräischen wird sich ein Kompromiß Herstellen lasten. Draußen wogen heftige Kämpfe, die Einen wollen das Hebräische bannen, die Anderen schwärmen für die Sprache Zions und Jerusalems; in der Schule wird der Grundsatz gelten, daß, so lange man in der Synagoge hebräisch betet, es in der Schule gelernt werden muß. Zuviel wird's schon nicht werden. Dafür sorgen andere Lebensmächte; und wer tiefer vertraut werden will mit der heiligen Sprache, der könnte auf den Privatunterricht gewiesen werden, dem sich dann der öffentliche Religionslehrer wohl kaum versagen wird. Aber für die Schule wird eine Einigung über ein mäßiges Pensum hebräischen Wissens leicht sich erzielen lassen. Maybaum hatte offenbar die Absicht, nicht nur eni Lehrbuch, sondern auch ein Lesebuch zu schreiben, weil es ja nach der Stellung des jüdischen Lehrers, nach der Macht der Laien, der Gemeinde über die Schule, und' vor allem nach dem Uebergewicht des Hauses gerade in religiösen Dingen nicht genug ist, den Lehrer zu leiten und zu begeistern, sondern richtige religions-pädagogische Ansichten in die Gemeinde zu tragen. So erklären wir uns die warme, wortreiche Darstellung in einigen Kapiteln. Maybaum redet mit Lebhaftigkeit für die Pflicht der Gemeinde, den Religionsunterricht zu ordnen, ihn der Willkür der Einzelnen zu entziehen und weiß sehr wohl, daß er damit gegen seine besten Freunde zielt. Das ist jedenfalls ein beredtes Zeugniß des Muthes und der Redlichkeit des beredten Mannes, der so viel angefeiudet wird, zu dessen Schwächen aber feiges Zurückweichen nicht zu gehören scheint. Unrichtig aber ist es, wenn Maybaum schreibt „Heber das 15. bis 16. Jahr wird man wohl weder bei Knaben noch bei Mädchen hinausgehen können." Das ist gerade bei einem freisinnigen Theologen, der denkende Bekenner seines Glaubens begehrt und heranbilden will, eine merkwürdige Beschränkung; und sodann, der Verfasser weiß es sehr gut, wie in unseren Gemeinden die besser gebildeten, die studirteu Herreil vorbildlich sind, wie sehr es sonach darauf ankonuut, die religiöse Bildung auf die Höhe ihrer sonstigen Bildung zu bringen. In den Jahren der Kindheit läßt sich das Gedächtuiß, der Wille unb bis zu einem gewissen Grade das Gemüth der Religion dienstbar machen; aber hat denn ein Kind tiefere Urtheilskraft und eigene Gedanken? Die gegenwärtige staatliche Leitung des Unterrichts verlangt selbst von den Schülern höherer Klassen bei den Schulaufsätzen nur Reproduktion und klaren, korrekten Stil, weil die Fähigkeit zum Selbstdenken sich erst spät entwickelt; darum kann der Lehrer an höheren Schulen erst seine reiferen Schüler zu gemüthswarmen, gedankenklaren Bekennern des Glaubens erwecken. Darum wären für das Volk religiöse' Fortbildungsschulen, wo Lehrer und Schüler in zwanglosem Gespräch ihre Ansichten, ihre Zweifel zu Tage bringen, ein so großer Segen. Es giebt analoge Einrichtungen in anderen Kreisen. Wir würden uns gegen die Begrenzung des religiousschulpflichtigen Alters, wie sie in dem oben angeführten Satze Maybaums ausgesprochen wird, nicht so lebhaft wenden,- wenn sie nicht vielfach praktisch ausgeführt worden wäre. Es giebt Gemeinden, die auch an höheren Schulen den religiösen Unterricht bis zur Barmizwa, allenfalls bis zum Schluß des volksschulpflichtigen Alters führen und dann die Sache für erledigt erklären. Das ist eine große Uebereilung. Denn erst jetzt kann der Unterricht recht fruchtbar werden, können wir den Jüngling führen auf die Höhen und in die Tiefen, kann alle Schönheit und Hoheit, alle Kraft und Wahrheit unseres Schriftthums offenbart werden, und die Jünglinge werdenden jüdischen Geist und das jüdische Herz hinaus auf die Hochschule nehmen und wissen, „was sie dem Epiköres zu antworten haben". Dis Erziehung der gebildeten Jugend ist um so wichtiger, weil aus ihr später die Leiter unserer Gemeinden, überhaupt die vorbildlichen Persönlichkeiten hervorgehen, nach denen in unserem.demokratischen Zeitalter unsere Zeitgenossen mehr, als sie zugeben, sich richten. Aber auch für die einfachen Volkskreise wird kaum der Satz Maybaums gelten: „In diesem Alter müssen sie bereits zu vollkommen gerüsteten, durch Erkenntniß und Uebung gefestigten Glaubensgenossen erzogen sein, um in den Fährnissen des Lebens sich als treu und zuverlässig zu bewähren." Ein schöner Satz, aber es ist von einem fünfzehnjährigen Burschen 511 viel verlangt, daß er schon „vollkommen gerüstet" sein soll; weit nützlicher, als ihn so hoch zu loben und zu erheben, ist es, seiner Schwäche zu Hilfe 311 kommen, und in eine Methodik des jüdischen Religionsunterrichts gehört auch ein Kapitel über die religiösen Fortbildungsschnlen und die dort zu befolgende, nicht allzu leichte Methode. Das Buch Maybaums ist noch weitmehr als seine Homiletik voll von religionsgeschichtlichen und religionsphilosophischen Gedanken, die scheinbar weit abliegen von dem eigentlichen Gegenstand, aber sie gehören dennoch dazu, denn der Lehrer ist wie ein Hand werker, wenn er nichts weiter versteht, als zu drillen. Der Lehrer muß deu,Stoff geistig, nicht nur gedächtnißmäßig durcharbeitet haben, er braucht, ja er soll nicht alles, was er weiß uub sinnt, der Jugend melden, aber mit dem erstaunlichen Ahnungsvermögen, das der Jugend eigen ist, merkt sie dennoch, ob er auf einer höheren Warte steht, als sie selbst, und mißt danach ihren Respekt, welcher, allen Schultyrannen zum Trotz, eines der mächtigsten Mittel der Disziplin ist. Die Sprache Maybaums erreicht oft den Schwung einer begeisterten Predigt. Natürlich kann der Verfaffer, wenn er die einsamen Wege des religiösen Gedankens einschlägt, nicht erwarten, daß der Leser ihn ohne Weiteres zustimmend begleitet. Maybalun betont weit schärfer die Sittenlehre des Judenthums, als beffen Metaphysik, den Monotheismus; aber ist es wohl recht, zu sagen, „die Bedeutung des israelitischen Volksgeistes bestehe nicht so sehr in der Erkenntniß des einzig einen Gottes, als vielmehr darin, daß ihm Gott zum Heiligen Israels geworden ist, der eifervoll darüber wachet, daß Recht und Gerechtigkeit,. Liebe und Barmherzigkeit überall auf Erden bethätigt werden?" Da sind wir ja bald bei einem jüdischen Nationalgott angelangt. Allerdings, so energisch es auszusprechen, daß Gott. einzig ist, war vielleicht Anfangs wesentlich Opposition gegen das Heidenthum, denn es liegt ja eigentlich gar kein Grund vor, mehr als einen Gott zu statuiren; aber dieser Monotheismus hängt mit der Ethik zusammeil wie der Stamm mit der Frucht. Weder in der Theorie, noch in der Praxis, weder als System, noch als Gesellschaft sind die Versuche der Gegenwart, die Ethik von der Metaphysik zu enianzipiren, geglückt. Maybaum verwirft die sokratische Methode mit mehr Heftigkeit, als uöthig ist, denn von irgend etwas Gegebenen! niuß ja jeder Lehrer ausgehen, um neue Wahrheit herauszulocken; er sagt: „Die Heilslehre der Offenbarung ist keine sogenannte natürliche Religion von allgemein religiösem und sittlichem Lehrgehalt; selbst wenn wir sie nicht in dem Sinne als Offenbarungslehre begreifen, daß sie ohne die direkte Mittheilung Gottes vom Menschen nicht erfunden werden könnte; wenn wir sie auch als das Werk der Propheten ansehen, die der Gottesgeist zu Verkündern seiner Offenbarung erweckt hat, so ist sie doch durch die Geschichte des Bekennerstammes so eigenartig ausgestaltet, daß sie in dieser ihrer Prägung auf dem Wege der Ablockung in dem Schüler nicht reproduzirt werden kann." Später wird gar durch eine kühne Deutung die Belehrung durch Vortrag fast als eine Art Halacha, gleichsam als ein finaitisches Gebot verkündet.