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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-07-10 · Heft 28 (10.7.1896) · p. Seite 332

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 28 (10.7.1896)
Date
1896-07-10
Page
Seite 332 (sequence 8)
Language
German
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Gin Wegweiser für jüdische Ueligionsiehrer.,} Bon Dr. B. Rippner. ' ir stehen an der Pforte eines prächtigen Parkes; in dessen Mitte erhebt sich ein mächtiges Schloß, nnd wir Haben natürlich kein geringes Verlangen, Park und Schloß uns' genauer anzusehen; die Pforte ist verschlosien, da gesellt sich zu uns ein Mann von höchst würdiger, vertrauenerweckender Erscheinung und beginnt in ausnehmend schönen Worten von all den Herrlichkeiten zu reden, die, wenn die Pforten sich öffnen, sich uns zeigen werden, und wir lauschen ihm gern; er sagt uns dann auch,-daß er die Schlüssel besitze, und wir trauen ihm wohl zu, daß er die Wahrheit redet; ja er erbietet sich sogar, unser Führer zu sein, und wir glauben keinen befferen lehrreicheren Wegweiser gewinnen zu können. Nun thut sich die Thür uns auf, und wir> preisen die Güte des wohlwollender Pförtners; aber kaum haben wir einige Schritte in das' Innere des Gartens gethan, dann sehen wir überall Tafeln: Zugang verboten, „Gesperrt". — Wir sehen uns nach dem ehrwürdigen Manne um, von dem wir meinen, daß er diese Hindernisse rasch beseitigen werde; aber der ist nirgends zu sehen, er hat allerdings uns aufgeschlossen, dafür müssen wir ihm dankbar sein; schon dies Verdienst ist wahrlich nicht gering; aber an dem Punkte, wo wir seiner am dringlichsten bedürfen, hat er uns ohne Lebewohl verlassen. Damit ist ungefähr der Eindruck wiedergegeben, den das neueste prächtige Buch Maybaums bei allen seinen großen Vorzügen zurückläßt; was er uns lehrt, ist trefflich, ist unübertrefflich; wir fühlen uns keineswegs ermüdet, sondern wir geben uns der freudigen Hoffnung hin, mit dem gescheidten Mann ein ganzes Stück weiter zu wandern, da plötzlich ist das Buch aus, und der Verfaffer druckt uns zwei längst bekannte Lehrpläne ab, die obendrein in ihrem innersten Wesen, in ihren Voraussetzungen und Grundsätzen keines-' wegs übereinstimmen. Eine glänzend geschriebene und klar durchdachte Einleitung in die Methodik des jüdischen Religionsunterrichtes gicbt uns Maybaum. nicht diese selbst. . Die Methodik ist doch eine andere für den Unterricht in der Volksschule als für den Unterricht in den Gymnasien; gerade die Frage, was nnd wie unterrichtet der jüdische Religionslehrer in höheren Schulen, beschäftigt uns in dieser Zeit, drängt sich mit Macht in den Vordergrund; hätten wir nur den Lehrplan erfahren, der in Berlin gegenwärtig bei dem an so vielen Gymnasien dort eingeführten Religionsunterricht jetzt Geltung hat, so wäre uns das schon ein großer Gewinn. Noch mehr, es werden uns Lehrpläne mitgetheilt, die theils sechs Stunden, theils sechs bis sieben Stunden wöchentlich für diesen Lehrgegenstand bestimmen; da werden beim sehr viele Lehrer' wehniüthig ausrufen: was fangen wir mit diesen guten Rath-' schlügen an, wenn wir nur die zwei Stunden, die uns die öffentliche Schule bietet, allenfalls noch eine dritte zur Verfügung haben, wenn' die Eltern jede größere Forderung cm die Zeit der Kinder mit dem Einwurf zurückweisen, daß ja der christliche Lehrer auch mit zwei Religionsstnnden und dem Konfirmandennnterricht auskomme; wir' sind nun einmal vor eine ähnliche Aufgabe gestellt, wie sie jener Heide an Hillel richtete, die ganze Thora den Kindern zu lehren, während sie auf einem Fuße st°hen, in einer kurzen Frist viel und i) Dr. S. Maybaum: Methodik des jüdischen Religionsunterrichts.' ' Breslau 1896. Verlag von Wilhelm Köbner. Vieles ihnen beizubringen. Hätten wir sieben.Stunden und dazu den moralischen Rückhalt, daß die Kinder den Respekt vor der Religionsstunde von Hause mitbringen, dann könnten wir am Ende ganz allein fertig werden. . ■ Darin hat Maybaum Recht,' daß, trotz der Verschiedenheit der religiösen Ansichten innerhalb der jüdischen Gemeinschaft, doch viel leichter eine Methodik als eine Liturgik gegeben werden kann, die möglichst weite Kreise befriedigt. Denn die Leistung wird z. B. im Hebräischen soweit hinter der Forderung zurückbleiben, daß der Unterschied zwischen Freisinnigen und Konservativen eigentlich nur in dem geringeren oder größeren Maße des Bedauerns bestehen wird über das, was nicht erreicht wird. Der Fall wird wohl in Deutschland nicht häufig sein, daß ein jüdisches Kind auch nach dem Urtheil eines radikalen Theologen zu viel Hebräisch lernt, es sei denn, daß Jemand Unkenntnis; im Hebräischen für einen Vorzug und einen Gewinn betrachtet. So ist denn das Buch, das Maybaum der „geneigten Beurteilung seiner lieben Fachgenossen unterbreitet", so geartet, daß selbst Lehrer, die dem freisinnigen Manne nicht gerade geneigt sind und ihn nicht besonders lieb haben, daraus etwas Rechtes lernen können. Wie weise ist die Mahnung, die kritische Forschung über Bibel und biblische Persönlichkeiten nicht in die Schule hineinzutragen! Es giebt ja Lehrer, und dieser Typus ist in der jungen Lehrerwelt besonders zahlreich, die nach dem derben Schiller'schen Gleichniß ein „kurzes Gedärm" haben, die, was sie auf der Universität gelernt und selbst kaum verdaut haben, sogleich wieder in der Schule los werden wollen. Wie lächerlich wäre uns der superkluge Thor, der, wenn er uns ein Märchen erzählt, fort und fort die naseweise Bemerkung dazwischen schöbe, daß er das alles selbst nicht glaubt. Der, ästhetische Genuß und der sittliche Effekt, den Märchen und Fabel spenden, wäre in Frage gestellt bei solchem Beginnen. Faust lebt und wirkt imb bildet, wie der Dichter ihn geschaffen hat; so erziehen uns die Erzväter, wie sie die Bibel uns schildert, und wären sie auch jene Erzspitzbuben gewesen, als welche sie uns Bernstein einmal verzeichnet hat. Dadurch aber, daß man die Bibelkritik von der Schwelle der Religionsschule weist, ist ein gemeinsamer Boden geschaffen für alle religiösen Parteien. Das ist um so wichtiger, als neuerdings von dem Gemeindebunde Anstrengungen gemacht werden, den Religionsunterricht der Juden unter staatliche Oberaufsicht zu stellen. Wir können dem Staate nicht gut zumuthen und er würde sich auch kaum die Zumuthnng gefallen lassen, ein liberales und ein konservatives Judenthum bei seinen Maßnahmen zu berücksichtigen; soll nicht ein Wirrsal und eine Gewissensnoth entstehen, so ist ein Kompromiß nothwendig; wie schön, daß uns eine weise Pädagogik ganz unabhängig von praktischen religiös-politischen Rücksichten dieselbe Methode empfiehlt, die auch von der Klugheit und der Friedensliebe geboten wird. Freilich macht sich auch hier der Umstand geltend, daß das schöne Buch Maybaums aus den Erfahrungen der Volksschule, aus dem Verkehr mit Männern, die ihre pädagogischen Lorbeeren in der Volksschule errungen haben, als da sind: Kirschstein, Apolant, Marcnse, Cohn,' entstanden ist. Soll auch den Primanern eines Gymnasiums gar nichts von Bibelkritik gesagt werdend Als wenn diese auf den Religionslehrer-warteten, um von diesen feuergefährlichen Sachen etwas zu erfahren! Ganz zu umgehen werden Mit-' theilungen aus dem Gebiete der wissenschaftlichen Bibelforschung auf dieser höheren Stufe nicht sein. Aber es wird die dringende Pflicht des Lehrers sein, möglichst objektiv zu berichten, um die religiösen Anschauungen, die die Schüler aus dem Elternhause mitbringen, nicht zu verletzen.

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