Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 28 (10.7.1896)
- Date
- 1896-07-10
- Page
- Seite 331 (sequence 7)
- Language
- German
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pflegevereiue giebt, in welche statutengemäß jüdische Mädchen ohne Weiteres eintreten können?" Dagegen ließe sich einfach nichts erwiedern, wenn die genannten Vereinigungen in Wahrheit vom Geiste der Toleranz, oder vielmehr völliger Gleichberechtigung, beseelt wären, in Wirklichkeit aber erinnern sie einigermaßen an den gekannten Vers: „Rindfleisch und Plummen sind ein schön Gericht, Doch, meine Herren, ick krieg't man nicht." So lange noch jüdische Gesichter nicht gern gesehen werden, so lange noch in unserer vom Antisemitismus durch und durch verseuchten Zeit das jüdische Mädchen in einem derartigen Verein das Risiko auf sich nimmt, die Rolle des Aschenbrödels zu spielen, während sie nie darauf rechnen darf, für gute oder gar hervorragende Leistungen die gebührende Anerkennung zu finden, so lange haben die Vereine fürjüdische Krankenpflegerinnen volle Existenzberechtigung, umsomehr, da ja nur ihr Subjekt, nicht aber ihr Objekt ein konfessionelles ist. Ja, man darf behaupten, - daß, wie nun einmal die Verhältnisse liegen, fast nur durch diese Vereine jüdischen Mädchen Gelegenheit gegeben wird, sich auf dem Gebiete der Krankenpflege zu bethütigen. Damit erwerben sich Jene fraglos ein großes -Verdienst um die Förderung des Ansehens des Judenthums, indessen kommt doch noch ein. anderes nicht zu unterschätzendes Moment hinzu. Genau wie ihre christlichen Mitbürger kämpfen Tausende und Abertausende jüdischer Familienväter den harten Kanipf ums Dasein und haben dabei der Noth der Zeit ihren Tribut zu zollen. Mit Mühe nur gelingt es ihnen, sich und die ihrigen knapp durchzuschlagen, zur Erwerbung eines Vermögens oder zur Mitgabe einer Aussteuer an die Töchter reicht es nicht hin. So sind denn zahlreiche israelitische Mädchen — und es sind körperlich und geistig nicht die schlechtesten — gezwungen, sich auf eigene Füße zu stellen und sich ihr täglich Brod im Schweiße ihres Angesichtes zu erarbeiten Indem man ihnen einen hochachtbaren,, angesehenen Stand zugängig macht, der volle Befriedigung zu gewähren vermag, wird eine wahrhaft edle, soziale Mission erfüllt. In praktischer Hinsicht ist dabei noch in Betracht zu ziehen, daß die Krankenpflege insofern vielleicht einzig dasteht, als weder augerkblicklich, noch in absehbarer Zeit von Konkurrenz die Rede sein kann, bekanntlich ist noch nicht einmal in den großen Verkehrscentren der Bedarf vollständig gedeckt, geschweige denn in kleineren Städten oder gar auf dem Lande, wo fast noch gänzlicher Mangel herrscht. Das sollten sich die Eltern, welche eine Erwerbsquelle für ihre Töchter suchen, gesagt sein lassen. Mädchen von idealer Gesinnung, die eine gute Schulbildung erhalten haben, dürften sich in dem Berufe der Krankenpflegerin ungleich glücklicher fühlen als in den sonstigen Stellungen, die ihnen heutzutage offen stehen. Unabhängig von etwaigen Launen und oftmals ungerechtfertigten Ansprüchen ihrer Arbeitgeber, in dem Bewußtsein, daß Wien eine zwar bescheidene, aber auskömmliche und unter allen Umstünden für ihre Lebenszeit sichere Existenz gewährleistet ist, wird ihnen Gelegenheit geboten, sich ganz und gar dem schönen und für das Weib gleichsam besonders geschaffenen Dienste hinzugeben. mit linder.Hand die Leiden und Qualen ihrer Mitmenschen zu mildern, den Verzweifelten durch Zuspruch aufzurichten, Trost im Unglück zu spenden. Dabei dürfen -- sie auf den herzlichsten Dank Derer rechnen, denen sie Beistand geleistet haben, sowie auf die Anerkennung ihres Vorstandes, deffcn Glieder, wenn sie auch strenge Erfüllung aller der Pflegerin-obliegenden Pflichten verlangen, doch nach jeder Richtung hin auf die Förderung ihres geistigen und leiblichen Wohles bedacht sind. Möchten namentlich die Rabbiner und Lehrer, Jeder in seinem |'. Bezirke, dahin wirken, daß sich möglichst zahlreich geeignete Kräfte zur Krankenpflege meldeil! Wie wird sich nun die Zukunft der jüdische!: Krankenpflege gestalten? Gewiß kann man über diesen Pmlkt verschiedener Ansicht sein, und es wäre anmaßend, wenn Jemand behaupten wollte, nur die seinige sei die einzig richtige. Gleichwohl scheint es im Interesse der Sache zu liegen, sich einmal darüber vor der Oeffentlichkeit zu äußern, vielleicht daß dadurch ein Austausch der Meinungen hervorgernfen wird, der schließlich zur Klärung und damit zu einem Fortschritt führt. Bisher hat die Entwickelung einen entschieden pariikularistischen Anstrich gehabt, indem Frankfurt wie Berlin, jedes für sich, vorgegaugen ist. Unleugbar hat das durchaus seine Berechtigung, denn man kann cs den betreffenden Gemeinden nicht verdenken, daß sie, welche bereitwillig alle Opfer gebracht haben, auch die Früchte der ausgestreuten Saat zu ernten wünschen. Allein so ganz strikte ist. an diesem Prinzip doch nicht festgehalten worden. Abgesehen davon, daß die Schwestern sich ans allen Theilen Deutschlands und sogar aus dem Auslande rekrutiren, haben beide Städte bereits schon nach auswärts ihre Thätigkeit entwickelt, so Frankfurt, wie oben erwähnt, in Köln, und Berlin in Hamburg, wo gleichfalls ein Verein für jüdische Krankenpflegerinnen gegründet worden ist. Diese Thatsachen in Zusammenhang mit dem Umstande, daß viele größere Gemeinden längst bestrebt sind, die Niederlassung jüdischer -Schwestern in ihrer Mitte zu ermöglichen, weisen mit Entschiedenheit darauf hin, daß die jüdische Krankenpflege universell, daß sie zur Herzenssache aller deutschen Juden werden muß. Zur Erreichung .Lieses schönen Zieles sollten sich in jeder Gemeinde Vereine fürjüdische Krankenpflegerinnen bilden, die wiederum zu einem großen Verbände zusammentreten müßten. Wenn sich dieser Gedanke verwirklichen, wenn jeder Einzelne in Wort und That für das Werk Propaganda machen würde, so ist an einem Erfolg nicht zu zweifeln. Vor allen Dingen würde das Verständniß für die in Rede stehenden Bestrebungen immer mehr in alle Kreise der jüdischen Bevölkerung eindringen und damit zugleich das Haupthinderniß für ein intensiveres Fortschreiten beseitigt werden, nämlich die Schwierigkeit, geeignete Kräfte zur Ausbildung zu gewinnen. Ferner würde es gelingen, daß alle größeren israelitischen Hospitäler zll Unterrichtsstätten für die Schülerinnen würden, wie -das in anerkennenswerthester Weise von den Gemeinde-Krankenhäusern in Frankfurt und Berlin geschehen ist, auf die Dauer könnte gewiß feine Verwaltung sich dem Drucke der öffentlichen Meinung widersetzen. Endlich aber würde, freilich erst im Laufe der Jahre, — darüber "darf man sich einer Täuschung nicht hingeben — der Wunsch in /-Erfüllung gehen, daß in jeder größeren Gemeinde eine oder mehrere "Schwestern ihres Amtes walteten. - Mag man nun auch das hier Dargelegte als Zukunftsmusik betrachten, was es ja in Wirklichkeit zunächst und für absehbare -''Zeit noch ist, so darf darauf doch mit Recht erwiedert werden, daß der Schritt von dem Nichts vor sieben Jahren bis auf den heutigen Stand wohl kaum größer ist, als derjenige, der jetzt gemacht werden muß, um dahin zu gelangen. Wie sich aber auch immer die jüdische Krankenflege gestalten mag, so viel steht fest: Die jüdische Schwester wird nicht mehr von der Bildflüche verschwinden, sie wird fortdauern zum Heile und Wohle der Menschheit. I