Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 28 (10.7.1896)
- Date
- 1896-07-10
- Page
- Seite 330 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Die jüdische Krankenpflege. Rückblick und Ausschau von Dr. med. Hermann Schlesinger in Frankfurt a. M. o wenig die Israeliten sonst den Vergleich mit den Bekennern anderer Konfessionen zu scheuen haben in dem, was fco» ihrer Seite für Wohlthätigkeits- und Wohlfahrtseinrichtungen geleistet wird, in einem Punkte standen und stehen sie dem Christenthum entschieden nach, nämlich in der Krankenpflege. Es ist hier nicht angebracht, die Gründe für diese auffällige Thatsache eingehend zu erörtern, aber wer die Geschichte des Judenthums kennt, weiß, daß darum vernünftigerweise kein Vorwurf gegen dasselbe erhoben werden kann. In den finstern, trüben Zeiten blutiger Verfolgung, in den engen Gassen des Ghetto vermochte unmöglich diese Tochter der Charitas zur Entwickelung zu gelangen, für deren Wachsthum und Gedeihen vollste Freiheit der Bewegung ein unbedingtes Erforderniß ist. Doch als die beengenden Schranken gefallen waren, erwuchs auch den Juden die Pflicht, durch die That zu zeigen, daß sie im edlen Wetteifer in den Werken der Barmherzigkeit hinter Niemand Zurückbleiben wollten, daß sie dafür nicht allein mit klingender Münze, sondern auch mit Hingabe der eigenen Person einzutreten geneigt waren. Die Gerechtigkeit erheischt es, anzuerkennen, daß man sich von solchen Erwägungen leiten ließ, als man mehrfach versuchte, jüdische Mädchen und Frauen rite zu Krankenpflegerinnen herauzubilden. Leider mit fast vollständigem Mißerfolge! Es ist nicht zu verwundern, daß hiernach Entmnthigung Platz griff und daß man die Sache wieder ruhen ließ. Um so höheres Lob verdient es, daß sich trotzdem Männer fanden, die sich den Glauben an einen Erfolg nicht rauben ließen und zielbewußt das Werk von Neuem in Angriff nahmen. So wurde denn in Frankfurt a. M. im Frühjahr 1889, zunächst im engeren Kreise, wiederum die Ausbildung von jüdischen Krankenpflegerinnen mit voller Energie betrieben» Vor allen Dingen galt es, eine geeignete Unterrichtsstätte ausfindig zu machen. Es gelang, den Vorstand sowie die Aerzte des israelitischen Gemeinde-Krankenhauses für das Unternehmen günstig zu stimmen, und so öffneten sich die Pforten dieser Anstalt am 1. Juli 1889 für die erste Schülerin, man darf also diesen Tag als den Geburtstag der organisirten jüdischen Krankenpflege in Deutschland bezeichnen. Der Anfang war ausgesprochen von Glück gekrönt, indem gleich die ersten Schülerinnen sich so vorzüglich qualisizirten, daß sie nach wenigen Monaten bereits ihre Lehrzeit beeubet hatten und als fertige Krankenschwestern in die Praxis gesandt werden konnten, in der sie sich sehr bald die Gunst des Publikums in vollem Maße zu erringen wußten. Hernach blieben freilich die Kinderkrankheiten nicht aus. Manche Schülerin mußte, ohne daß sie ihr Ziel erreicht hatte, wieder entlassen werden, es zeigte sich eben, daß nicht jedes Mädchen, welches sich berufen glaubt, auch in Wirklichkeit berufen ist. Die Männer, die das Unternehmen leiteten, verstanden es, die richtige Lehre aus dieser Erfahrung zu ziehen. Sie waren von der Einsicht durchdrungen, daß es nicht so sehr auf das „Quantum" als auf das „Quäle" ankonimt, daß die Kandidatin unbedingt gewisse Vorbedingungen in physischer, wie psychischer Hinsicht erfüllen muß, wenn sie dem schweren Berufe, der so hohe Anforderungen an die körperliche und geistige Leistungsfähigkeit stellt, nach jeder Richtung hin gewachsen sein soll. Gerade dadurch, daß man aus den gemachten Mißgriffen lernte, wurde der schwere, wenn auch verzeihliche Fehler früherer Zeiten vermieden,, daß der ganze Gedanke als unausführbar überhaupt verworfen wurde, und so schritt das Unternehmen zwar langsam, aber doch stetig fort. Bereits nach kurzer Zeit erfolgte von kompetenter Seite eine höchst erfreuliche, offizielle Anerkennung, indem am 1. Juli 1890 dieselbe Schwester, die ein Jahr zuvor als erste Schülerin eingetreten war, als Oberin im israelitischen Gemeinde-Krankenhause in Frankfurt a. M. angestellt wurde, in welcher Eigenschaft ihr sowohl die gesummte Krankenpflege als auch der Haushalt untersteht. Es sei hier gleich vorweg bemerkt, daß später das israelitische Siechenhaus in Frankfurt a. M., sowie das israelitische Krankenasyl in Köln mit leitenden- Schwestern bezw. Oberinnen versorgt worden sind. An allen diesen Anstalten haben sich die Schwestern im wahren Sinne des Wortes als ein Segen erwiesen, so daß die Verwaltungen bereits heute mit der jüdischen Oberin als einem integrirenden Bestandtheile ihrer Institute rechnen. Die Verbindung mit Köln bedeutete übrigens auch insofern einen wesentlichen Fortschritt für das Unternehmen, als daselbst nun schon seit Jahren Schülerinnen mit bestem Erfolge ausgebildet werden. Im Frühjahr 1893 war die jüdische Krankenpflege nach Ansicht ihrer bisherigen Leiter soweit ausgereift, daß man sich für berechtigt hielt, damit vor ein größeres Publikum hinzutreten. Es wurde daher ein Aufruf an die Mitglieder der jüdischen Gemeinde in Frankfurt n. M. erlassen, und bald hatte sich ein blühender Verein, der „Verein für jüdische Krankenpflegerinnen", konstituirt. Jetzt erst war es möglich, den idealen Zielen, die man von vornherein ins Auge gefaßt hatte, gerecht zu werden. Bisher hatten die Schwestern — der Noth gehorchend, nicht dem eigenen Triebe — für ihre eigene Tasche arbeiten müssen, nunmehr war man in der Lage, sie der materiellen Sorge für die Gegenwart, wie die Zukuitft zu entheben, und so konnten sie sich ohne jeden Nebengedanken ihrem Berufe widmen. Es dürfte sich erübrigen, an dieser Stelle eingehend über die Entwickelungsgeschichte des Frankfurter und des bald hernach gegründeten Berliner Vereins, der nicht minder segensreich wirkt, zu berichten, umsomehr, da ja die jüdische Presse, und insbesondere diese Zeitschrift, das Publikum stets auf dem Laufenden erhalten hat. Hervorgehoben zu werden verdient wohl, daß in Frankfurt eine der Schwestern seit mehreren Jahren auf ihren eigenen Wunsch als Armeuschwester in Thätigkeit ist. Selbstverständlich pflegt sie arme Kranke ohne Unterschied der Konfession; es wird damit gewiß nur die Pflicht der Dankbarkeit erfüllt, indem ein freilich blos geringer Theil der Schuld entrichtet wird dafür, daß von christlicher Seite jüdischen Kranken, arm wie reich, stets tvillig Beistand geleistet worden ist. Soweit der Rückblick über das, was in sieben Jahren auf dem Gebiete der jüdischen Krankenpflege geschehen ist. Glänzende Resultate, die mit großen Zahlen prunken, sind allerdings nicht nachzuwcisen, sie waren wohl auch kaum zu erwarten, vielmehr ist das Ganze noch immer als im Anfangsstadinm stehend zu betrachten. Aber eins darf doch als dauernder Gewinn bezeichnet werden, nämlich der unwiderleglich geführte Nachweis, daß die jüdischen Mädchen durchaus alt die Eigenschaften des Charakters und des Gemüthes besitzen, die eine gute Krankenschwester haben muß. Eben dieses war aber gerade von jüdischer Seite aufs Entschiedenste in Abrede gestellt worden, gerade hier hieß, es — offenbar auf Grund jener vorhin erwähnten Mißerfolge —, sie seien zu bequem und zu anspruchsvoll und nicht geneigt, sich den Anordnungen der Aerzte zu fügen. Um so bestechender wird Manchem ein anderer Einwand erscheinen: „Wozu ist es nöthig," so werden Viele fragen, „Vereine für jüdische Krankenpflegerinnen zll gründen und so unsererseits die Zerklüftung nach Glaubensbekenntnissen zu fördern auf einem Gebiete, das vom Gottes und Rechts wegen doch alle Menschen gemeinsam beackern sollte»? Wozu ist das nöthig, da es doch interkonfessionelle Kranken-