Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 28 (10.7.1896)
- Date
- 1896-07-10
- Page
- Seite 329 (sequence 5)
- Language
- German
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Absterbens den Hinterbliebenen eine entsprechende Versorgung zu Theil werden lassen. 4. Eine definitive Anstellung durch die Regierung zu erhalten, erscheint bei der jetzigen Strömung aussichtslos, jedoch will der Verein die eventuell vom Verbände der jüdischen Lehrervereine im Deutschen Reiche nach dieser Richtung zu unternehmenden Schritte um des Ganzen willen nach Kräften unterstützen. 5. Der Verein erhofft eine Besserung in der materiellen Lage der jüdischen Religionslehrer .und Kultusbeamten nur von dem Gerechtigkeitsgefühle der Gemeinden und bittet deu Ausschuß des ostpreußischen Synagogen-Berbandes, eine Kommission von Gemeindevertretern zu ernennen, die mit dem Vorstande des Vereins gemeinsam die geeigneten Schritte zur Durchführung der oben aufgestellten Forderungen berathen soll. An der Debatte betheiligten sich Birnbaum-Königsberg, Dr. Kamnitzer-Allenstein, Peritz-Königsberg, Gerschlowitz-Margrabowa, Kuttner-Johannisburg, Gallandt- Lötzen, Kaufmann Rafaelsohn-Allenstein und Rechtsanwalt Sch ey-Allenstein. Letzterer versprach, die Wünsche der Lehrerschaft bei dem Berbandsausschusse wärmstens zu befürworten und deren Betätigung nach Möglichkeit zu unterstützen. — Hierauf trat eine einstündige Mittagspause ein. Um 3 Uhr begannen die Verhandlungen wieder und zwar zunächst mit Verlesung der eingelaufenen Begrüßungsschreiben resp. Telegramme. Solche waren eingetroffen vom Vorsitzenden des ostpreußischen Synagogen-Verbandes, Herrn Stadtrath Eichelbaum-Jnsterburg, vom Vorsitzenden des Verbandes der jüdischen Lehrervereine im Deutschen Reiche, Herrn Rektor Dr. Adler-Berlin, vom Ehrenmitglied des Vereins, Herrn Rabbiner Dr. Bamberger - Königsberg und von Herrn Rabbiner Dr. Munk-Königsberg. Darauf hielt Oberkantor Birnbaum-Königsberg einen Vortrag über die Geschichte des Synagogen-Gesanges in Deutschland. Man unterscheide in Deutschland zwei Riten: den deutschen und den polnischen, beide seien jedoch auf ein en Ursprung zurückzuführen und haben eine . Anzahl Melodien gemeinsam; darum fasse sie Redner auch hier m der Besprechung zusammen. Man nehme allgemein an, daß sich die ersten jüdischen Gemeinden in Deutschland aus französischen Kolonisten gebildet haben, die sich zu einer historisch nicht festzustellenden Zeit am Rheine niedergelassen. Die Geschichte des Synagogengesanges in Deutschland beginne aber eigenthümlicher Weise mit der Einwanderung eines hochangesehenen Rabbinen aus Italien, Mit R. Moses kasakeu aus Lucca, über den sich ein wahres Labyrinth von Sagen verbreitet haben müsse, da man schon im 13. Jahrhundert nichts Bestimmtes mehr über ihn wisse und ihn vielfach mit seinem Enkelsohue verwechselte. So ist es zu erklären, daß Jost ihn um 877 unter Karl dem Kahlen, Carmoly und Grätz aber ein Jahrhundert früher, unter Karl dem Großen in Deutschland einwandern lassen: Der Familie dieses R. Moses, welcher sich in Mainz niedergelassen, entstamme der erste deutsche Synagogaldichter oder Paitan, Mose ben Kalonymos, der in einem Pint ungefähr auf das Jahr 968 anspiele. Bedenke man, daß zu gleicher Zeit, im Jahre 995, die Juden von Prag bereits die Erlaubniß zur Erbauung einer Synagoge erhalten, so läßt sich mit Recht annehmen, daß schon um 950 der Grundstock des deutschen Rituals ziemlich verbreitet gewesen sein müsse. Redner kam nun auf die Bestandtheile des überlieferten Synagogengesanges zu sprechen, für den schon Karl der Große ein besonderes Interesse gezeigt, indem er über die hebräische Psalmodie Belehrung gesucht. Der Synagogengesang lasse drei Gesangsarten unterscheiden: Neginoth, Psalmodie und frei erfundene rhythmische Melodien. Die Neginoth oder Tonaccente, nach welchen die heiligen Schriften vorgetragen werden, seien zwar als sehr alt zu erachten, doch sei dabei nicht zu vergessen, daß im Alterthume mehrere Systeme von Accenten vorhanden gewesen seien. Erp 957 sei das babylonische Nikkud (Punktations - und Accentuationssystem) durch Sendboten von Jerusalem gänzlich aufgehoben und das tiberiensische zur allgemeinen Herrschaft gebracht worden. Die von den Deutschen so getreulich überlieferten Melodien zu den Neginoth stammen sicher von den Masorethen zu Liberias her, woselbst nach dem Zeugnisse des R. Chaggai sogar die Sitte eingeführt war, den traditionellen Gesang von Kinderstimmen im Chor singen zu lassen. In Deutschland werden die Neginoth noch in derselben traditionellen Weise gesungen, wie sie Böschenstein 1618 für Reuchlin zum erstenmale in Musiknoten niedergeschrieben habe. Zwar haben die andern Riten andere Melodien zu den Neginoth, aber die Deutschen scheinen ursprünglicher zu sein, wie schon Aschen die deutschen Traditionen über die andern Riten stellte. Mit Bezug auf die Psalmodie sängen die Deutschen neben „gregorianischen Tönen" (Modi) auch in der noch älteren Weise des „ambrosianischen Gesanges". Man finde in den Sammlungen der christlichen Kirche ambrosianische Melodien, die mit Synagogen- Melodien identisch seien, dieser Umstand erkläre sich vielleicht daraus, daß der gelehrte Mönch und Mustkschriftsteller Notker Labeo an der von Karl dem Großen begründeten Musikschule zu St. Gallen sich von einem Juden aus Jerusalem über die Alterthümer des Tempels unterrichten ließ, was auf die musikalischen Traditionen dieser alten Musikschule von Einfluß gewesen sein dürfte. Ein getreues Bild eines ambrosianischen Gesanges gebe die häufig auch bei anderen Texten wiederkehrende Melodie zu n^DiV während die Tonweise des täglichen eine gregorianische Psalmodie darstelle. Als Erkennungszeichen für gregorianische Psalmweisen in der Synagoge könne man im Allgemeinen gelten lassen wenn der musikalische Schluß des Psalms dem Anfänge entspricht, wie dies beim der Fall fei, indem der Schluß JT'ttn üb)V W nnjto ganz der Melodie des Verses bis entspricht. Viele ursprünglich antiphonisch getheilt gewesene Melodien seien im Laufe der Jahrhunderte dem Vorbeter allein überlassen worden. Als Ueberbleibsel einer derartigen alten Antiphonie sei die Melodie zu libDfcttP bei Einleitung des Tischgebetes zu betrachten, die sich bei manchen mit E^p endigenden Verhikeln als Einzelgesang erhalten habe, der dann von der Gemeinde wiederholt werde, wie z. B. bei ■p‘7 N21Ü28 ^>8 vom ersten Neujahrsmußaf angefangen wird mit der zweiten Zeile. Folgendes Bild dürste die Identität beider Melodien veranschaulichen: 121L221 /TbtPö 71*0 Ahm libnw ‘naa tfrrp /pn "pab pw ,pn p&u? nsarTa« ..... Als Typus der freierfundenen rhythmischen Melodien bezeichnet Redner einige „Pismon-Melodien". Unter den 30 Pismonim, die er historisch erklärt, hebt er besonders drei hervor, die merkwürdiger Weise einen Verfasser und dieselbe Melodie haben, während die andern übertragene, zumeist böhmische Volksmelodien aufweisen. Die Melodie des Salomon b. Jehuda ha Bawli (980) zu seinem Pismon "n laaN, sei als die älteste unter den Original-Pismonmelodien zu erachten. Das dem Texte nach älteste Pismon von Jose b. Jose (vor dem neunten Jahrhundert) werde nach der ^^"Melodie von Neujahr gesungen, stelle aber eine Psalmodie dar. Zur Entwickelungsgeschichte des modernen Syuagogengesanges übergehend, bemerkt Redner, daß nach der Schlacht bei Leuthen 1757 in der Synagoge zu Berlin zum erstenmale ein (von M. Mendelssohn gedichtetes) deutsches Lied zum Vortrage gebracht worden. Mit dem Anfänge des 19. Jahrhunderts, einer Zeit, in der man auch über die Emanzipation der Juden nachzusinnen begonnen und politische und kirchliche Freiheitsbestrebungen allgemeine Verbreitung gefunden, habe der Synagogengesang in Deutschland einen Aufschwung genommen, der in Sulzer und Lewandowski den höchsten Gipfel erreicht hat, jener, der unvergleichliche, gottbegnadete Sänger und erster Wegweiser auf dem Gebiete der Tonkunst, dieser, der mächtige, vielseitige Tonschöpfer, der Heros unter den Synagogen-Komponisten, der seine ganze Produktionskraft vornehmlich in den Dienst der Synagoge gestellt. Den letzten Punkt der Tagesordnung bildete eine Lehrprobe (des Kantor Karo-Allenstein über die Einführung in die Liturgie, die .dem Vorsitzenden der Verbands-Schulinspektion Herrn Dr. Rülf Veranlassung gab, das hierbei sich kundgethane Lehrgeschick des Kollegen Karo, wie die Gewecktheit und das religiöse Wissen der Allensteiner Religionsschüler anerkennend zu rühmen. Nach einigen Anfragen und Mittheilungen aus der Mitte der Versammlung, das Schul- und Gemeindeleben betreffend, schloß der Vorsitzende gegen fünf Uhr die arbeitsreiche Konferenz mit Worten des Dankes an die Vertreter der diversen Korporationen, wie an die Lehrer selbst für ihre rege Antheilnahme an den Verhandlungen. Um acht Uhr Abends folgten die Konferenz-Teilnehmer einer Einladung des Vorstandes der Allensteiner Gemeinde zu meinem gemeinsamen Festessen nach dem „Deutschen Hause". Toaste und iFestlieder halfen die Gemütlichkeit auf den Höhepunkt führen. Es war ,-ein Fest, würdig der intelligenten Allensteiner Gemeinde, würdig auch der-Gelegenheit, der es galt.