Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 28 (10.7.1896)
- Date
- 1896-07-10
- Page
- Seite 327 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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herangezogen wurden, kannten noch nicht die Engherzigkeit der jetzigen Erbpächter des Patriotismus; in den Herzen jener Männer lebte noch die Erinnerung an die großen Tage, da auf dem blutgetränkten Felde der Ehre alle Unterschiede der Konfession und des Standes vor dem einen Alle verbindenden Gedanken zurückwichen: Söhne desselben Vaterlandes zu sein. Das natürlich -paßt den Antisemiten nicht, welche den Juden die Ehre, für Deutschlands Freiheit und Einheit gekämpft zu haben, nicht gönnen. Sie enthielten sich der Abstimmung, um vielleicht dadurch kund zu thun, daß sie das Bürgerliche Gesetzbuch, das keine Ausnahmegesetze für die Juden enthält, für kein nationales Werk halten. Indes;, alle wahren Freunde des deutschen Vaterlandes begrüßen dieses Werk, wenngleich die herrschenden Parteien ihm Manches aufgepfropst, das besser fortgeblieben wäre, als einen Fortschritt, als einen nationalen Gewinn. Wir kommen in einer der nächsten Nummern auf dieses Thema zurück. Wie mau uns aus Prag berichtet, haben sich dort aiu 29. v. Mts. an ca. 300 Vertrauensmänner der Deutschen in Böhinen versammelt und mit Stimmeneinhelligkeit beschlossen, daß die Partei fortan beim geringsten Widerstand, dem sie seitens der Regierung in nationalen und freiheitlichen Angelegenheiten begegnen würde, die rücksichtsloseste Opposition zu betreten habe. Den eigentlichen Anlaß zur Bewegung in der Partei, welche deren Verjüngung herbeiführt, soll die sogenannte Lueger-Frage geboten haben. Von dem Augenblicke, da Lueger vom Kaiser von Oesterreich empfangen wurde, eine Auszeichnung, die ihm von Seite des Königs von Ungarn niemals widerfahren wäre, erkannte man, daß die Regierung zu schwach sei, um der siegreich anstürmenden Reaktion, deren Generalagent Lueger ist, Widerstand zu leisten. Es handelt sich hier hauptsächlich darum, den immer mehr um sich greifenden reaktionären Bestrebungen mit aller Entschiedenheit entgegenzutreten. Einer Regierung gegenüber sich schwach zeigen, die es bei gewiß vorhandenem besten Willen nicht versteht, Herrn Lueger Nein zu sagen, das geht nunmehr selbst den bisher Gemäßigtsten in der Partei über das politische Ehrgefühl. Es ist nun beschlossen, daß die „Vereinigte deutsche Linke" in den künftigen Wahlkampf nicht mehr als solche, sondern als große deutsche Fortschrittspartei zu treten habe. Ueber den Antisemitismus that in dieser Versammlung der Advokat Dr. Thyll aus Reichenberg folgende bemerkenswerthe Aeußerung: Nun und nimmer kann es zugegeben werden, daß die Gleichheit aller Staatsbürger und Konfessionen, sei es vor dem Gesetz, sei es in der Ausübung desselben, in irgend einer Weise beeinträchtigt werde. Es ist mit den Grundsätzen der Freiheit und des Fortschritts unvereinbar, dies zu dulden. Ja, auch in den Reihen der eigenen Partei darf in keinerlei Form irgend eine Zurücksetzung, irgend eine auch nur scheinbare Billigung dieser Bestrebungen geduldet werden. Unmöglich dagegen ist es, das bis zum Wahnwitz sich steigernde Geschimpfe dieser Partei in gleicher Weise zu beantworten und hierin wohl gar eine Hauptaufgabe unserer Partei zu erblicken." Hoffentlich schließen sich die liberaleil Deutschen der anberen Kronländer dieser Bewegung an, um mit vereinten Kräften gegen die Mächte des Rückschritts und der Finsterniß zu kämpfen. * DaS Krönungsmanifest des Zaren Nikolaus enthielt bereits einige Andeutungen, welche auf die Möglichkeit einer Umwandelung der herrschenden Regierungsprinzipien im Siline des Liberalismus hinzudeuten schienet;. Jetzt hört man von einer Regierungsmaßnahme, welche auch auf eine Abwendung von der bisherigen Haltung bezüglich der Behandlung der Juden hinzudeuten scheint/ Die „Petersburgskija Wjedomosti" , wollen wissen, daß der -Minister des Innern bis zum Erlaß einer neuen Verordnung den auswärtigen Israeliten ohne Unterschied des Berufs den Eintritt in das russische Reich vom 15./27. Juni ab gestattet habe. Hoffentlich bestätigt sich diese Mittheilung des offiziösen Wolfschen Telegraphen- Büreaus. Selbst bei den Stipulationeil des deutsch-russischeil Handelsvertrages, die eine vollständige Freizügigkeit für die Handeltreibenden gewährleisten sollten,, hatte sich die russische Regierung bezüglich der auswärtigen Israeliten Ausnahmebestimmungen Vorbehalten, es gelang den Vertretern der deutschen Regierung, die durch Petitionen, u. A. von der Kaufmaiinschast zu Königsberg, auf die Unmöglichkeit etiles geordneten Haildels ilach Rußland ohne die stäildigen und altgewohnten jüdischen Vernlittler hingewiesen wurden, ii icht, die Negierung Alexanders III. in dieser Angelegenheit zu dem geringsten Zugeständiiiß zu bewegen. Mögen auch bei der jetzigeil Ankülldignilg einer Umänderung der harten Bestimmungen bezüglich des Eintritts auswärtigen Israeliten in das russische Reich verschiedene Rücksichten mitgewirkt haben, wie die auf die von der russischen Regierung mit großen Kosten hergestellte große Allsstelluug in Nischni Nowgorod uild ben bevorstehenden internationalen Aerzte-Kongrcß in Moskau, bei der die jüdischen Aerzte im Interesse der Wiffenschast nicht zu entbehreil waren, so ist selbst der geringste Hoffnungsstrahl auf eine Besserung des Looses unserer Brüder in Rußland mit Freude zu begrüßen. . Nicht minder erfreulich ist die Nachricht des „Warszawski Duiewnik", daß demnächst eine Revision der die Juden betreffeilden Gesetze stattfinden wird. Es soll zu diesem Zwecke neben dem Staatsrath eine aus Regieruiigsbeamten, Kausteuten und Gelehrten zusammengesetzte besondere Konimissioil gebildet iverden, die höchstwahrscheinlich schon künftigen Oktober in Aktion treten lvird. Möge die Zeit koulnien, in der das „Kromie Jewreew" (Ausgenommen die Juden) aus dem offiziellen Gesetzbilch des Zareilreiches gäiizlich verschwilldet. * Wie wir schon mitgetheilt haben, fand in Paris bei Gelegenheit der Zareiikrönnng ein Gottesdienst in der Hauptsynagoge statt. Null erhielt Rabbiller Zadoc Kahn von dem derzeitigen Geschäftsträger Rußlands in Paris, Herrn v. Giers, folgendes Dankschreibeil: „Wir haben erfahren, daß aus Veranlassung einiger russischer Juden Sie in der Synagoge in der Nue de la Victoire bei Gelegenheit der Krönung Ihrer Majestäten des Kaisers Nikolaus II. und der Kaiserin Alexandra Feodorowna einen Gottesdienst veranstaltet haben. Während dieser Feier hielten Sie eine Predigt über das frohe Ereigniß, das Rußland zu gleicher Zeit in Freude versetzte. Ich erfülle eine angenehme Pflicht, indem ich Ihnen den Dank der kaiserlichen Botschaft ausspreche, sowohl für Ihre Bemühungen, die in Paris lebenden russischen Juden im Gebet mit ihren Landsleuten zu Haus zu vereinigen, als auch für die Gefühle, deren beredter Dolmetscher Siebei dieser Gelegenheit waren. Gez. L. M. de Giers." Konferenz des Vereins jüdischer Ueligionslehrer in Ostpreußen. m 24. und 25. v. Mts. hielt der „Freie Verein jüdischer Religionslehrer Ostpreußens" seine Jahresversammlung in Allenstein ab. Es waren dazu von auswärts 35 Lehrer erschienen, zu denen sich noch eine Anzahl Gäste eingefunden hatten. Den ersten Tag der Versammlung bildete die General - Versammlung, die im „Deutschen Hause" tagte. Gegenstand derselben bildete zunächst der -Bericht des Vorsitzenden über die Thätigkeit des Vereins im vergangenen .Jahre. Die bedeutsamste Thätigkeit entwickelte der Verein .im ver-