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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-07-10 · Heft 28 (10.7.1896) · p. Seite 326

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 28 (10.7.1896)
Date
1896-07-10
Page
Seite 326 (sequence 2)
Language
German
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Kraut, und wir sind erfüllt von Wermuth. Wir haben Paffaherinnerungen gefeiert und haben manche grause Zerstörung in Israel erlebt in unseren Tagen. Die Gedenktage des 17. Tamüs und des 9. Ab, ffe haben viele Jahre hindurch für unzeitgemäß gegolten, und Denen, welche die nationalen Erinnerungen in Ehren hielten, wurde der Vorwurf nicht erspart, daß sie veraltete, verrostete Erscheinungen des geschichtlichen Lebens so behandelten, als seien die Nachwirkungen noch in der Gegenwart zu verspüren. "Wie wohl eine Landschaft, die vordem von Erdbeben heimgesucht worden ist und sodann Jahre lang der Ruhe sich erfreut hat, die Hoffnung hegt, der Krater sei erloschen, der Quell des Verderbens sei verschüttet, bis daun die Bewohner durch einen um so heftigeren Außbruch der elementaren Gewalt daran gemahnt werden, auf welch' gefährlichem vulkanischen Boden sie leben, so haben auch' die Israeliten dieses Jahrhunderts sich der trügerischen Hoffnung hingegeben, nun sei die Zeit der Verfolgung vorüber, nun sei der Krater des Hasses uub des Vorurtheils erloschen, und der Jude dürfe sicher und getrost, ohne Bangen um den kommenden Morgen, im Söiibe leben. Jerusalem ist zerstört, die nationale Selbständigkeit ist vernichtet; aber ziemt es, um ein verlorenes Bürgerrecht zu klagen, da wir ein neues gewonnen haben in allen Landen unseres Aufenthaltes unb überall für Freiheit und Recht streben dürfen? Der Tempel ist zerstört, aber sind unsere Gotteshäuser nicht Heiligthümer, in denen wir ungestört dem einzig Einen dienen dürfen, 'sind diese Gotteshäuser nicht in vielen Städten glänzende Zeugnisse unseres Opfermuthes und durch ihren prächtigen Bau und reichen Ausschmuck eine Zierde des Landes? Da schlug das Schicksal mit dröhnendem Hammer an die Pfosten so' vieler jüdischer Häuser, daß sie in ihren Grundfesten erzitterten, und es wurde uns offenbar, daß der Haß gegen Israel, der Jahrhunderte hindurch von den Erziehern und Lehrern des Volkes genährt worden isß noch weiter glüht und daß es nur eines Hauches, eines Wortes der Mächtigen bedarf, um den Funken zur weithin Verderben schleudernden Lohe zu entfachen. Noch innner sind wir die geringfügige Minderheit und stehen machtlos da, wie eine Zielscheibe für die tausend spitzen Pfeile, die wider uns gerichtet werden. Die nationalen Trauertage, sie haben noch die lebendigsten Beziehungen zu dem Israel der Gegenwart, und kaum werden wir in dieser Zeit, die von Juden bewohnte Städte zerstört, Judas Söhne von Haus und Hof verjagt, jüdische Gotteshäuser in Asche gesunken, die Thorarollen zerrissen gesehen hat, die Erinnerung an die Zerstörung Jerusalems und die Einäscherung des Tempels eine unzeitgemäße nennen. Das gegenwärtige Israel hat sich gesättigt mit bitterem Kraut wie zur Passahzeit, d. h. wir haben uns gefühlt als die Befreiten und Gleichgestellten, und wenn wir au die Bitteruiß früherer Tage dachten, so erhöhte dies nur unsere eigene Genugthuung. Wir vertiefen uns in die Geschichte der Zeiten und hören z. B. wie vor ungefähr vier Jahrhunderten am 9. Ab dreihunderttauseud Israeliten .Spanien haben verlassen müssen, das damals reich und ruhmvoll dastand, und die Israeliten durften sich preisen, daß sie zu dem Reichthum und dem Ruhme dieses Landes wesentlich mitgewirkt hatten. Damals schien dieser 9. Ab, der über die Juden Spaniens hereinbrach, wie eine Vernichtung des Lebensnervs unseres Volkes. Und wie schwer lastete dieses Verhängniß auf unserem Volke! Aber heut hat Israel den Schlag verwunden, das Land jedoch, das damals seine emsigsten und rührigsten Söhne ausstieß, ist zu Grunde gegangen an dem Glaubensfanatismus, dem Scheiterhaufen. O wie süß war das Gedächtniß an diese Bitterkeit! Aber sodann kam in den letzten Jahren der wirkliche Wermuth. Unsere Glaubensbrüder Hamen als Flüchtlinge zu uns; verzehrende Blitze zuckten aus dem dichten dunklen Gewölk herab auf unsere gequälten Brüder, was noch vor Jahren für undenkbar gehalten wurde, geschah vor unseren Augen; da schien das Schlimmste nicht aus dem-Bereiche der Möglichkeit. Jndeß auch Tugenden entfalteten sich in Israel, an die wir kaum noch geglaubt haben. Wie verächtlich hatte vordem der deutsche Jude, der Jude des Westens über die Genoffen geredet, die in den unkultivirten Ländern des Ostens lebend, auch die Spuren dieser Unkultur nicht verleugnen konnten. Aber im Moment der Noth war diese Menschenmäkelei vergessen und nur das Gefühl der Brüderlichkeit fand Gehör und Geltung; und das Paffahfest und der 9. Ab sie fallen auf denselben Tag, dieses Sinnbild wollen wir nicht übersehen; wie wir von der Bitterniß vergangener Zeiten in Stolz und Freuden reden, .so werden wir auch — diesen Trost schöpfen wir aus der Geschichte uuseres Volkes — von der gegenwärtigen Noth dereinst mit Genugthuuug zu dem Heranwachsenden Geschlechte sprechen und die Opferfreudigkeit preisen, die in Ost und West sich geregt hat zum Heil der Gequälten; in Staub sinken werden die Koloffe, die auf thönernen Füßen stehen, und Israel, das leidgestählte, wird dauern und seinem Gotte und der Menschheit dienen. Pit Woche» Berlin, 8. Juli. in wichtiges Ereigniß in der Geschichte des Deutschen Reiches ist der Abschluß des Bürgerlichen Gesetzbuches, das am 1. d. Mts. vom Reichstag in dritter Lesung definitiv angenommen wurde. In angestrengter, ausdauernder Arbeit hat die Volksvertretung in Ilebereinstinunung mit den Wünschen der Bundesstaaten und des Kaisers ini Jubeljahre des Deutscheil Reiches das große nationale Werk zu Stande gebracht, das ein neues Band um alle deutschen Stämme schlingt. An den Verhandlungen im Plenum haben sich alle Parteien eifrig betheiligt, alle haben nach Kräften versucht, das Gesetzbuch in ihrem Sinne zu verbessern. Nur die Antisemiten .standen abseits. Sie haben es weder in der Kommission noch im Plemnn zu erheblichen redigirten Anträgen gebracht, haben mit Obstruktion gedroht, ohne sie durchführen zu können, haben sich gelegentlich von den Berathungen fern gehalten, ohne damit den Fortschritt der Arbeiten stören zu können, haben sich hinter dem nach Lage der Sache lächerlichen Vorwand verschanzt, daß sie noch nicht Zeit gehabt hätten, sich die Sache reiflich zu überlegen, haben vorgegeben, die Interessen des Mittelstandes zu vertreten, ohne es klar machen zu können, daß die von ihnen eingebrachten Vorschläge für den Mittelstand einen wirklicher Nutzen haben-. Sie haben den guter: Willen an den Tag gelegt, möglichst zu schaden, haben aber nicht die Kraft gehabt, Schaden zu verursachen. Diese Herren, deren Führer von jeher Wechsel auf lange Sichten geliebt haben, haben inr Reichstage nur einen aus einem einzigen Paragrapherr bestehenden Gesetzentwurf beantragt, nach welchen! spätestens im Jahre 1920 eine gesetzgeberische Gesammtrevision des Bürgerlichen Gesetzbuches stattzufinden habe. Wahrscheinlich — bemerkt das Berliner Tageblatt mit beißender Ironie — gedenken die Herren Dr. Förster und Genossen dann ihre berühmten Anträge formulirt zu haben. Eine Erklärung für das Verhalten der Antisemiten - zu finden, ist nicht schwer. Das Bürgerliche Gesetzbuch knüpft an die Gesetzgebung der großen Zeit des Deutschen Reiches an, in der die Grundlage der deutschen Einheit geschaffen wurde. Die Kreise, die vor mehr als zwei Dezennien zur Theilnahme an diesen! Gesetzeswerk

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