Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 28 (10.7.1896)
- Date
- 1896-07-10
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3228148-3228177--52935-3258586- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. KerNn, 10. Juli 1896. 60. Jahrgang. Nr 28. Begründet von . / Rabbiner Dr. Ludwig PhiUppson-Äonn. Verlags-Expedition: Berlin, Jerufalemerstr. 48/49 Alle Zujendungen fllr Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements- Preis: Durch Buchhandel, Postoder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl. 3 M. Nedactenr: Gustav Karpeles. Inhalt. Leitartikel: Die drei Trauerwocheik. — Die Woche — Konferenz des Vereins jüdischer Neligiouslchrer in Ostpreußen. — Die jüdische Krankenpflege. Von Dr. Hermann Schlesinger. — Ein Wegweiser für jüdische Religionslehrer. Von Dr. B. Nippner-i Feuilleton: Andere Zeiten. Eine Erzählung von Gottbard Deutsch. (Fortsetzung.) — Litterarifche Mittheilunger». — Sprechsaal. Der Gemeindebote.. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin. Frankfurt a. O., Aus dcr Provinz Posen. Tarnowitz O.-S.. ^ötn a. Nh.. Varmen. Hannover. Mainz, Straßburg. Wien. Budapest. London, New-Aork. — Bon Nah und Fern. — Miscellen. Uie drei Trauerwochen. Berlin, 7. Juli. ie nationalen Erinnerungen, denen die drei Wochen vom 17. Tamus bis zum 9. Ab in Israel gewidmet sind, sind ebenso glorreich als trauervoll. Kein Volk auf Erden hat mit größerem Heldenmuth seine Selbständigkeit vertheidigt, als das israelitische; nicht immer ist es die siegreiche Sache, welche den Beifall der Edlen gewinnt, nicht immer ist der Erfolg ein Gottesürtheil über die Gerechtigkeit der Streitenden; oft genug scheint uns. der Besiegte der verehrungswürdigere Held zu feill, nub wie rein und menschlichschön muß solch' eine Persönlichkeit oder solch' ein. Volk vor uns dastehen, wenn sie auch ohne die Aureole des Erfolgs und des Sieges, wenn sie auch im Büßergewand des Unterliegenden unsere Bewunderung.zu erwecken vermögen. Was mußte geschehen, um diesem Heldenvolk der Juden den Mannesmuth zu brechen; wie viel Lasten sind auf diesen Nacken gelegt worden, bis er sich beugte und krümmte; wie viel Qual und Scham kam über diese stolzen Herzen, bis sie inatt mid lüüde wurden und ihren Adel vergaßen. Wahrlich, nicht nur wir, die spätgeborenen Sprossen jener Tapferen, die in Jerusalem dereinst erst' dem babylonischen, sodann Jahrhunderte später dem römischen Weltreich getrotzt haben, schauen mit Berehrmig ans unsere Ahnen, sondern Jeder, der die Geschichte der Vergangenen Zeiten nicht nur mit dem Verstände, sondern auch mit dem Gemüthe liest, Jeder, dem vom- Vorrtttheil das Auge nicht verblendet und das Herz nicht verhärtet ist, horcht theilnahmsvoll auf die Berichte, wie eine kleine Schaar ihren Glauben und ihre Heimath gegen Weltreiche vertheidigt hat. Wie bitter diese Erinnerungen auch für uns sind, sie thuen uns dennoch wohl, wie ja so manche bittere Frucht dem Gaumen einen Wohlgeschmack bereitet, denn sie erzählen uns nicht nur vom Leib, sondern auch von der Kraft unserer Ahnen, nicht nur von ihrer Noth, sondern von ihrem Muthe, sie erzählen von ihrer begeisterten Hingebung an die-hohen Güter der Erkenntniß, des Rechts und der Tugend. .. Unsere Weisen haben darüber ein tiefsinniges Wort ausgesprochen. Es'heißt in den Klageliedern des Jeremias: Er hat mich gesättigt mit bitterem Kraut, er hat mich gefüllt mit Wermuth; und zu chiesem Verse fügen sie hinzu: Er hat mich gesättigt mit bitterem Kraute in der ersten Nacht des Pastah, wo bitteres Kraut auf den Tisch des Israeliten kommen muß, und er hat mich gefüllt mit Wermuth in der Nacht des 9. Al^ jener Unglücksnacht, in der zu den verschiedensten Zeiten Trauer und Noth über Israel herein-, gebrochen ist. Was wollen die Alten damit sagen, wenn sie die Nacht des Passah und die des 9. Ab zusammenstellen? Es giebt zwei Arten von bitteren Empfindungen, die unsere Seele durch- --Mosten hat. Einmal ist es die Erinnerung an überwundene Noth, ein anderes Mal das Gefühl des gegenwärtigen Elends. Wenn sich die Israeliten am Passahabend um den geweihten Tisch vereinten, dann stiegen alle die Schreckensbilder der Knechtschaft, die sie in Aegypten erduldet hatten, vor ihre Seele, all' die Bitterniß, die sie Ms dem Leidenskelch hatten schlürfen müssen, wurde lebendig; aber störte oder hob diese Erinnerung die Freudigkeit der Seele? O, wie so mancher bittere Geschmack dem Gaumen mehr wohl als die süßeste Kost, so war diese Bitterkei^des Pafsahfestes ein Labsal, eine Erfrischung für Israel; denn was ist dem Gemüthe eine stolzere Freude als das Bewußtsein: Dü hast dem Schicksal Trotz geboten, -Du hast Dich der Gefahr kühn entgegengestellt, und weil Du für eine gerechte Sache gerungen hast, hast Du gesiegt und Dich widerstandskräftig erwiesen, und all die Bitterkeit des Kampfes ist nur eine Erinnerung. Das ist die höchste Lust, die Freiheit, für die wir geblutet, der Besitz, um den wir gerungen haben, das Glück, welches .der Preis unserer Arbeit ist. Es giebt nicht Süßeres als die .Bitterniß des Passahfestes.;! Aber in Wahrheit bitteres Weh kam , über Israel in der Nacht des. 9. Ab; bis ans die Hefe; mußten sie ihn leeren, den Mermnthstrank, und schwer ahndeten die Feinde, daß Israels treue Söhne es gewagt hatten, den Fürsten der Welt in den Weg zn Kreten, nicht um eine Weltstellung zu gewinnen, nicht um Völker Unters Jöch zu beugen, sondern um Haus und Altar, um ihre ßHeiligthümer. zu schützen gegen frevlen Angriff. ’V Jndeß die Asien weisen darauf hin, daß in jedem Jahre der erste Tag des Passah und der 9. Ab auf denselben Tag der Woche fällt, und sie sagen, dieses Zusammentreffen hat für die Klagenden '-eine sinnbildliche, tröstliche Deutung: Wie das Leid in Aegypten Euch zur erhebenden Erinnerung desAPassah geworden ist, so wird auch 'das herbe Weh des 9. Ab überwunden und seine Bitterniß wird 'Euch zum Quell der Fröhlichkeit durch die Erwägung werden, daß "selbst so schwere Schläge den Stamm nicht brechen konnten, daß die ^unverwüstliche. Lebenskraft des Volkes selbst diese Wunde heilt. Auch an uns hat sich der Vers des Jeremias in der sinnreichen ^Deutung der Weisen erfüllt: Wir wurden gesättigt vom bitteren jh , - '