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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-07-03 · Heft 27 (3.7.1896) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 27 (3.7.1896)
Date
1896-07-03
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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Ansprache mit den Worten: „Der Herr Jubilar hat viele Verehrer, aber zu seinen eifrigsten gehöre ich." Bis zum hohen Alter verschont von allen. herben Schicksalsschlägen — den ersten Trauerfall seit Gründung seiner Familie erlebte er vor einem halben Jahre — war sein Lebensglück so ungetrübt, wie es dem Menschen selten beschieden ist. Vor nicht ganz zwei.Jahren folgte er den Bitten seiner Kinder und zog nach Fürth, wo zwei derselben wohnen. Die königliche Regierung hatte ihm in Würdigung seiner Verdienste die Verlegung seines Rabbinatssitzes nach dorthin, gewährt. Vor einigen Monaten befiel ihn ein ernstliches Leberleiden, infolgedessen seine Kräfte nach und nach verfielen, und am 10. Juni hauchte er seine reine Seele aus. Sein Leichenbegängniß fand unter großer Betheiligung statt. Herr Rabbiner Dr. Neubürger hielt eine erhebende Grabrede. Herr Dr. Ziemlich - Nürnberg sprach Namens des baierischen Rabbinerverbandes und Herr Lehrer Obermeier- Sulzbach Namens seiner Gemeinden. Auch Herr Dr. Eckstein-Bamberg und viele Notablen aus Fürth und Nürnberg waren anwesend. Das Angedenken des Edlen lebe fort zum Segen! il. Aus Ob erhoffen, 25. Juni. Bon Zeit zu Zeit bringen orthodoxe, Blätter Zuschriften aus Oberhessen, welche es so darstellen, als ob in unserem Großherzogthum „Religiosität" nur noch dem Namen nach bestände und dem „Kultus-Verein zur Wahrung der religiösen Interessen der Provinz Oberhessen", welcher vor etwa Jahresfrist ins Leben getreten, allein das Verdienst zuzuschreiben sei, hier als rettender Engel erschienen zu sein und mit aller Energie an der Beseitigung der jetzigen, angeblich unhaltbaren religiösen Zustände gearbeitet zu haben, resp. noch zu arbeiten. Namentlich die Gießener „Religionsge feilsch aft" läßt ihre Orthodoxie und wahre Religiosität in allen Tonarten besingen. Einem jeden wirklich religiösen Juden muß jedoch das Herz im Leibe bluten ob solcher Heuchelei. Denn mit welchem Rechte nennt sich diese Vereinigung „Religionsgesellschaft"? Hat sie sich etwa wie, die Religionsgesellschasten zu Frankfurt, Mainz, Darmstadt u. s. w. aus religiösen Gründen gebildet? oder etwa nur aus finanziellen? Wer möchte die Dreistigkeit haben, das erstere zu behaupten? Und wo findet . sich ein ähnlicher Fall, daß eine Vereinigung von jüdischen Männern sich einen die wahren Beweggründe der Absonderung verhüllenden Namen beilegte, nur von dem Gedanken ausgehend, unter dieser Tarnkappe desto leichter Unterstützungen von den reichen, orthodoxen Glaubensbrüdern erlangen zu können. Es ist doch endlich au der Zeit, daß man solchen Leuten die Larve vom Gesichte reißt und dem Unfug, welchen man mit der Religion treibt, ein Ende macht. Die Gießener „Religionsgesellschaft" besteht jetzt ungefähr 8 Jahre. Als vor ca. 2 Jahren ihr erster Vorsteher starb, war sie kaum noch lebensfähig. Ein Theil ihrer bisherigen Mitglieder , war in die Hauptgemeinde eingetreten, ein anderer gestorben bezw. weggezogen, der Zugang war dagegen nur sehr gering. Man mußte daher, um sich keine Blöße zu geben, ein Mittel finden, das ermöglichte, die bisherige Scheinexistenz auch künftig führen zu können. Und das war bald gefunden! Man konstatirte plötzlich, daß unter dem Rabbinate des Herrn Dr. Levi die religiösen Interessen der Provinz Oberhessen außerordentlich stark bedroht seien, und jetzt, nachdem derselbe 65 Jahre als Rabbiner amtirt hatte, wollte man Schritte thun, um diesen unhaltbaren Zustand zu beseitigen. Die „Neligionsgesellschaft" an und für sich stand zwar unter dem sicheren Schutze ihres Protektors aus Fulda, aber der Provinz, vor allem der Landbevölkerung, mußte geholfen werden. Daß das Ganze nur ein sehr schlaues Manöver war, einzig und allein darauf gerichtet, sich noch eine Zeit lang über Wasser halten zu können, war jedem in die hiesigen Verhältnisse auch nur einigermaßen Eingeweihten längst klar. Man berief schleunigst und in aller Stille eine Versammlung nach Gießen, und die glaubenstreuesten Männer aus der Wetterau und dem Vogelsberg, sie alle kamen, um doch einmal aller Welt zu zeigen, daß trotz der angeblich großen Reform, welche Dr. Levi in den letzten 65 Jahren eingeführt haben soll, sie doch noch so viel religiöses Gefühl.besäßen, um einen ultra-orthodoxen Rabbiner ~ an dessen Stelle zu setzen. Und dieser fand sich. Man wußte damals eine künstliche Begeisterung hervorzurufen, die eines Besseren würdig gewesen wäre. Unter welch' angeblich günstigen Auspicien hat dieser Herr alsdann sein Amt in Gießen angetreten?! Man, muß nur den Bericht über die Installation 'des neuen Rabbiners Nachlesen, und man wird ungläubig das Haupt schütteln, wenn man nun hört und steht, daß alles, alles geblieben, wie es gewesen, und daß eine große Ernüchterung schon nach so kurzer Zeit zu konstatiren ist. Biele Anhänger, welche sich zu einem festen jährlichen Beitrage auf drei Jahre verpflichtet haben, sagen es offen und unumwunden, daß sie bittere Reue darüber empfinden. Was nun die Pastorale Thätigkeit des neuen Rabbiners betrifft, so sind die Mitglieder der „Religionsgesellschaft" trotz der häufigen, ziemlich unverblümten Philippikas ihres Rabbiners noch genau so religiös oder unreljgiös, wie zuvor. Die meisten derselben betreiben am Sabbath iihre Geschäfte. Nichtsdestoweniger hat nun die „Religionsgesellschast" in Verbindung mit dem oben erwähnten „Kultus-Verein" eine Agitation in aller Stille eingeleitet, welche bezweckt, daß bei der demnächstigen Besetzung des Rabbinats ihrem oder einem anderen orthodoxen Rabbiner die Stelle des Herrn Dr. Levi ganz oder doch wenigstens theilweise übertragen werden soll. Die Folge würde die sein, daß wir höchstwahrscheinlich, wenn dieser Gedanke Verwirklichung fände, in Oberhessen zwei Rabbinen haben würden, einen freisinnigen und einen orthodoxen, so daß wir im Ganzen, Herrn Dr. Levi, welcher mit vollem Gehalte penstonirt ist, eingerechnet, drei Rabbinen mit insgesammt circa 10 000 Mark Gehalt zn besolden haben würden. Welch' eine Mehrbelastung der Landjudenschaft das bedeutet, erhellt schön daraus, daß dieselbe bis. jetzt für das Gehalt des Herrn Dr. Levi noch. nicht 3000 Mark aufgebracht hat. Man spricht immer davon, daß das Rabbinat für Oberhessen 108 Gemeinden umfasse. Will man denn auf die Lehrer gar keine Rücksicht nehmen? Haben wir nicht in unserer Provinz eine ganze Reihe tüchtiger Lehrer, welche den Rabbiner bei allen Kasualfällen nach jeder Richtung hin würdig zu vertreten in der Lage und befähigt sind? Wenn man diese Herren unberücksichtigt lassen will, so genügen für ein solch' großes Rabbinat auch schließlich zwei Rabbinen nicht, dann engagiere man gleich ein halbes Dutzend. Wir aber sind der Ansicht und hoffen zuversichtlich im Interesse des Friedens, daß die Regierung bei eingehender Prüfung der Sachlage und aller in Betracht kommenden Fragen keine Neuorganisation in unserer Provinz schaffen und es bei. dem bisherigen Zustande belassen wird. Oesterreich-Ungarn. □ Wien, 1. Juli. Die drei bemerkenswerthesten Amtshandlungen des antisemitischen Gemeinde- und Stadtrathes in der abgelaufenen Woche waren geeignet, selbst in den Reihen der Ihren peinliches Unbehagen zu erwecken; so ereifert sich Schönerer in seinem Blättchen über die goldene Salvator - Medaille, die die Wiener Antisemiten dem ehemaligen Gemeinderath Pfister verliehen, der durch eine Denunziation seinerzeit eine traurige Berühmtheit erlangt hat; außerdem wurde dem deutsch-österreichischen Lehrerbunde der Festsaal des Rathhauses für eine Vollversammlung, sowie die Subvention zur Abhaltung eines Lehrertages verweigert und schließlich dem Wiener Volksbildungsverein die bisherige Subvention um ein Beträchtliches verringert. Das Volk braucht nichts zu wissen — um so besser für Jene. —In München, wohin er sich zu kurzem Aufenthalt begeben hatte, starb am 13. d. Mts. der in Kuttenplän in Böhmen ansässige Ernst GrafBerchem-Haimhausen. Derselbe war ein großer Philanthrop, ein warmer Freund der Schule und eifriger Förderer gemeinnütziger Vereine und humanitärer Anstalten. Den politischen und konfessionellen Tagesfragen fernstehend, lebte er nur der Ausübung humanitärer Akte. In markanter Weise kam diese Gesinnung in seinem Testamente zum Ausdrucke, in welchem er unter anderen reichdotirten Wohlthätigkeitsakten auch eine mit zehntausend Gulden dotirte Rabbinatsstiftung kreirte. Die Leiche des verblichenen Grafen würde von München nach Kuttenplan überführt, wo dieselbe unter der Theilnahme der Bevölkerung der ganzen Umgebung in der Familiengruft beigesetzt wurde.. — Hofschauspieler Sonnenthal wurde in längerer Audienz vom Kaiser empfangen; der Kaiser sagte, wie sehr es ihn freute, dem berühmten Künstler neuerdings seine vollste Anerkennung auszudrücken. Noch einem zweiten jüdischen Künstler wurde in diesen Tagen die hohe Ehre zu Theil; der Kaiser besuchte an zwei nacheinander folgenden Tagen das Atelier des Malers Leopold Horowitz und saß dem Künstler zu einem Porträt, welches den Monarchen als Chef des ihm von der Königin von England verliehenen ersten Dragoner-Regiments darstellt, das Porträt ist als Geschenk für das englische Dragoner- Regiment bestimmt. — Der Bethausverein Brigittenau plant den Bau einer großen Synagoge, da die Lokalitäten, in denen bisher der Gottesdienst abgehalten wurde, sich als zu klein für die große Zahl der Betenden erweisen. — Dem Bei-

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