Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 27 (3.7.1896)
- Date
- 1896-07-03
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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ßerliiw 3. Zuli 1896. *o..**m « 27. Aev Gemeindelrole. Weilage zur „Allgemeinen Zeitung öes IuöentHurns". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. n. Berlin, 30. Juni. Zu einer höchst lebhaften Sitzung gestaltete .sich am Sonntag die letzte Zusammenkunft der Repräsentanten vor den Ferien. Die knapp bemessene Tagesordnung hatte eine bedeutsame Erweiterung durch drei Interpellationen gefunden. Die erste Anfrage war von Herrn Sanitätsrath Dr. Jastrowitz gestellt, und sie betraf im Wesentlichen folgenden Punkt: An einem hiesigen Gymnasium habe der Religionslehrer vor seinen jüdischen Zöglingen den Unterricht damit begonnen, daß er ihnen erklärte, daß man nicht alles, was in der Bibel steht, glauben dürfe. Vor den Büchern der Könige habe, die Bibel keinen historischen Werth. Von den Propheten solle man nicht glauben, daß sie die Gabe des Vorausschauens besessen -hätten. Ein Staat, der so verderbt, wie der jüdische damals gewesen, hätte zu Grunde gehen müssen. An diese Mittheilungen knüpfte der Redner seine Interpellation, die in der Anfrage gipfelte/ nach welchem Prinzip die Religionslehrer an den Gymnasien angestellt würden und weshalb nur der Direktor der Anstalt die Kontrole über den Unterricht führe. Jnstizrath. Meyer nahm zunächst Gelegenheit, seinen prinzipiellen Standpunkt zu derartigen Anfragen zu kennzeichnen. Mit Entschiedenheit wandte er sich dagegen, daß es in dem Belieben eines Einzelnen liegen solle, Anfragen an den Vorstand zu richten. Es müsse, wie es bei anderen Körperschaften Brauch, eine Interpellation vorher angemeldet werden, und der Vorstand werde dann nach gemeinsamer Berathung erklären, ob und wann er die Frage zu beantworten gedenke. Zur Sache selbst sei das Angeführte ihm ein Beweis, welch' ein Undmg der obligatorische Religionsunterricht darstelle. Ueber die Persönlichkeit der Anzustellenden habe man selbst erlt Urtheil sich nicht zugetraut, es sei erst das Rabbinat, dann die OirKtdren der Religionsschulen, dann Herr Dr. Jutrosinski befragt worden. Was die Aufsicht betreffe, so solle man doch nicht vergessen, daß der Staat anstelle und sich jede Kontrole höflichst verbitten würde. Endlich beweise ihm die Anfrage, daß man keine Geduld habe. Man .müsse doch abwarten, wie sich die Einführung des Unterrichts gestalten werde. Damit war diese Sache erledigt, und Herr Professor Lewin ergriff nunmehr das Wort. In gewohnter Art richtete er zunächst einen heftigen Angriff wider den Vorstand. Die Veranlassung bot dem streitbaren Redner die Agende des Jugendgottesdienstes, deren Annahme, wie er aus verschiedenen Paragraphen der Geschäftsordnung nachzuweisen suchte, auf illegalem Wege erfolgt sei. Vom Vorstandstische wurde dem mit derselben Entschiedenheit widersprochen, ohne daß es gelang, Professor Lewin zu überzeugen, der vielmehr ein Verfolgen der Sache bis zur äußersten Konsequenz in Aussicht stellte. Der dritte der Interpellanten war Herr Martin Simon. Er erkundigte sich, ob und wann der Vorstand laut Beschluß vom 8. April die Eingabe , an das Kultusministerium bezüglich der. jüdischen Lehrkräfte zu veröffentlichen gedenke. Es wäre doch' wünschenswerth, daß die jüdischen Lehrer und Lehrerinnen wüßten, daß ihre Vertretung sich ihrer annehme. Herr Justizrath Meyer erklärte,, einer Veröffentlichung sympathisch gegenüber zu stehen. Ein dementsprechender Antrag, in geeigneter Weise der Oeffentlichkeit Kenntniß zu geben, findet einstimmige Annahme. Erst jetzt beginnt die eigentliche Tagesordnung. Als Aufsichtsrath für die Verwaltung des.Aachlasses des verstorbenen Baron Hirsch für die der Berliner Gemeinde überwiesenen 3600 Stück Aktien ist vom Vorstand Herr Dr. Lachmann delegirt worden. Der Vorstand giebt ferner .bekannt, daß er entsprechend den Anträgen der Versammlung der Bewilligung verschiedener Subventionen für Religionsvereine beigetreten sei. Anläßlich des 70. Geburtstages, des Herrn Moritz Manheimer hat Herr Kommerzienrath Louis ' Simon dem. Hospital die Summe von 10 000 Mark überwiesen, desgleichen die Summe von.6000 Mark Herr Louis Liebmann bei seinem 80. Geburtstage. Es folgt eine Reihe von Rechnungsabschlüssen verschiedener Spezial-Verwaltungen. Von besonderem Interesse ist der Bericht des Erziehungshauses in Pankow, aus dem hervorgeht, daß unter den 52 Zöglingen sich 36 Lehrlinge der verschiedensten Branchen befinden. An Sparkassengeldern haben die jungen Leute 2927 Mark aufzuweisen. Der Bericht über das Reichenheimsche Waisenhaus giebt Veranlassung, daß der Sitzungssaal von heftigem Streit widertönt. In dem Bericht war der Gesundheitszustand der Waisenkinder als ein vorzüglicher bezeichnet worden. Da erhob sich Herr Professor Lewin und erklärte, daß der Gesundheitszustand in dem Waisenhause im Gegentheil kein guter gewesen. Am Vorstandstisch nahm Herr Sanitätsrath Dr. Wiesenthal den Fehdehandschuh auf. Mit aller Ruhe und Würde, doch voller Entschiedenheit giebt der Kommissar seinem Bedauern über diese Aeußerung Ausdruck, die geeignet sei, in die weitesten Kreise Beunruhigung zu tragen. Justizrath Tiktin kam jedoch Herrn Lewin zu Hilfe. Man könne die Sache nicht ruhen lassen. Nachdem diese Behauptung von sachkundiger Seite einmal aufgestellt, dürfe man nicht stillschweigend daran vorübergehen. Es müsse untersucht und wenn nöthig eingeschritten werden. Der Referent, Herr Leichtentritt, verliest auf Anregung der Versammlung aus dem Bericht die Stellen, die sich mit dem Gesundheitszustand der Zöglinge beschäftigen. Es wird darin festgestellt, daß kaum die mittlere Krankheitsziffer der letzten Jahre erreicht worden ist. Persönlich giebt Referent seiner Verwunderung darüber Ausdrucks daß Herr Lewin als Mitglied des Kuratoriums die Sache hier zur Sprache bringe. Der Kommissar ergreift nochmals das Wort, um sich gegen so unmotivirte Behauptungen zu wenden, worauf Herr Lewin mit Heftigkeit sich dagegen verwahrt, daß er Umnotivirtes behauptet habe. Er habe die Krankheitslisten studirt und sei zu dem Ergebniß gekommen, daß bis zu 39 Prozent der Zöglinge erkrankt seien. Er könne ein solches Faktum nicht, als gut bezeichnen. Herr Louis Sachs behandelte mit Ironie das Borgehen des Herrn Professor Lewin. Obgleich erst seit Kurzem Mitglied der Versammlung, fühle dieser sich bereits als Meister in allen Berwaltungszweigen und glaube, daß seiner Weisheit nichts entgehen könne. Der verlesene Bericht sei ihm ein glänzendes Zeugniß für ben Gesundheitszustand, im Reichenheimschen Waisenhaus. Justizrath Tiktin kann nicht Herrn Sachs beitreten, er beantragt vielmehr die Bildung einer Untersuchungskommission, um über die gesundheitlichen Verhältnisse in der genannten Anstalt Klarheit zu bekommen. Herr Justizrath Meyer will von einer solchen Enquete aus dem Grunde nichts wissen, weil das Kuratorium bereits gesprochen habe und man dasselbe nicht desavouiren könne. Ein Antrag der Herren Manheimer und Simon auf motivirte Tagesordnung wurde damit erledigt, daß der Antrag Tiktin zum Beschluß erhoben wurde. Damit hatte die Sitzung ihr Ende erreicht: Den Herren aber, die sich nunmehr in die Ferien begeben, wünschen wir eine von Erfolg gesegnete Erholungszeit und eine zu neuer segensreicher Arbeit gekräftigte Wiederkehr. \ Berlin, 28. Juni. Wir erhalten heute das folgende Preisausschreiben: „Die von dem Deutsch-Israelitischen Gemeindebund herausgegebenen ^Grundsätze der jüdischen Sittenlehre" sowie die hierzu aus'biblischen und talmudischen Schriften von Dr. S. Kristeller gewählten „Belegstellen" haben sich als über die kindliche Fassungskraft hinausgehend erwiesen. Deshalb stellt der Ausschuß des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes folgende Aufgabe: „Die Grundsätze" sollen, ohne daß der Inhalt eine Äenderung erfährt, einer Umformung unterzogen werden, die sie dem Verständnisse zwölfjähriger Schulkinder zugänglich und zuunterrichtlichen Zwecken , geeignet macht. Mit den Sätzen sind auswendig zu lernende „Belegstellen" aus der erwähnten Sammlung zu verbinden. Die Arbeiten sind bis.-zum 31. März 1897 an das? Büreau des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes, Berlin W., Sigismundstraße 5, einzusenden. Jede Arbeit ist mit einer Aufschrift zu versehen, die zugleich auf einem verschlossenen, den Namen des Verfassers enthaltenden Briefumschlag an-