Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 27 (3.7.1896)
- Date
- 1896-07-03
- Page
- Seite 324 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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er Hut ihr kein böses Wort gegeben, wenn sie einmal Milch- und Fleischtöpfe verwechselt und Schaden angerichtet hat, wie es hier und da vorgekommen istdenn sie war ja doch eine geborene Gojeh?) Das war sein Verdienst, und darum ist er Stammvater von Königen gewesen. / ' .'Jt Es steht auch hier geschrieben im Buche Mordechai, daß wer^ ein Weib oder ein Kind'oder einen Diener schlägt, das Gebot über-', tritt, welches sagt: „Dein Bruder soll nicht gering geschätzt sein in. deinen Augen.". So haben also unsere großen Männer gelehrt, die Tanaim^) die Amoraim/) die Geonim und die späteren Rabbinen. In der Gemoro, die wir. jetzt gelernt haben, thnt Raw den Ausspruch, daß eines Weibes Thräne Fluch über das Haus bringt. Raw war ein Tanaj. Was der gesagt hat, hat er sich nicht auß dem Bauch geholt, sondern das hat er alles gewußt durch Tradition, und das habe ich auch einmal einem Apikoreß«) zur Antwort gegeben! als er mich fragte: Werui Gott wollte, daß man nicht Fleisch und .Milch zusammen essen soll, warum hat er es nicht gerade herausgesagt? da antwortete ich: Stellt Euch vor, daß Rabbi Akiba.wäre heute gekommen und hätte gesagt: Gott hat verboten, Fleisch in Butter, zu braten, und kein Mensch hätte vorher etwas davon gewußt, und die Weiber wären es gewohnt gewesen und hätten eK so vor sich gesehen bei Mutter und Großmutter, meint Ihr, es hätte ihm Jemand geglaubt? Da hat er geschwiegen, mein Ober- Chochem,*) und hat nichts zu sagen gewußt. Nun hat Raw z. B. gesagt: Chomezige^) Töpfe muß man vor Pessach zerbrechen, weil man sie bis nach Pessach nicht aufheben darf. Ist ihm das eingefallen? Nein, er hat es von seinem Rebbe so.gelernt, und wenn Samuel nicht gekommen wäre und hätte sich erinnert, daß es anders bestimmt worden ist, müßten wir alle Jahre neues Geschirr kaufen.' Die heutige Welt aber folgt Raw, wenn er sagt, das ist trepheaber wenn er sagt, man darf ein Weib nicht schelten, da fragt man nicht danach, obwohl derselbe Gott hat das auch gesagt auf dem Berge Sinai." . „Seht. Ihr nun, Rabbossaj/) das habe ich dem Landrow^) gesagt, als er wollte, ich soll auch schreiben gegen die Lumpen in Deutschland, die Musik machen wollen in Schul und alles auf deutsch sagen, so wie die Gojim. Machen wir. kein Geruder. sagte ich, wir werden doch nichts ausrichteu. Wenn die leichten Vögel' möchten sehen, , daß man alles hält, was in unserer Thora steht/ hätten sie die Chuzpe") gar nicht gehabt, so etwas zu verlangen. Wie es aber jetzt steht, sagen sie zu den Frommen: Ihr suchet Euch heraus, was euch paßt, suchen wir uns auch Heraus, was' nns paßt. . . , So ist es gekommen, daß. in Prag, der Mutterstadt in Israel, wie ich gelernt habe beim Noda bi-Jehuda, sein Verdienst soll lins beistehen, haben sich, scholl die Lellte mit dem Messer rasirt.^) Dornig sage ich Euch, wenn die Menschen sich in ihrem sittlichen Lebennicht richten nach der heiligen Thora, muß die Jüdischkeit, Gott soll behüten, zugrunde gehen. Merkt Euch auch, daß hier dasselbe Wort steht „man soll sich in Acht nehmest", wie in den „Sprüchen der Väter"") Man soll sich in Acht nehmen mit dem Gebete. Das ist keili'. Jüd', wer .seinem Weibe ein böses Wort giebt, geradeso wie *) Heidin. . 2) Talmudisches Werk aus dem 14. Jahrhundert. Gesetzeslehrer . des 1. und 2. Jahrh. n. Chr. 4) Gesetzeslehrer während des 3—6 Jahrh. 5) Die babylonischen Schulhäupter (7. bis 11. Jahrh./ Religionsspötter. 7) Schlaukopf. 8) Zu Gesäuertem verwendet: o) Meine Herren. Landrabbiner. *') Frechheit. 12) Ezekiel Landau (1711^-1793) Oberrabbiner von Prag, nach seinem Hauptwerke „Noda bi-Jehuda" genannt. Entgegen der talmudischen Auffassung von Lev. 19, 27 ") Em Traktat des Talmud, enthaltend die rabbinische Ethik. Einer, der kein Krischnle7) sagt."Inzwischen waren die Leute vor der Schul schon unruhig geworden- und. der Vortrag brach ab. aber Mordche war so tief bewegt, daß er, der Amhoorez?) der in solchen Dingen kein Urtheil haben dürfte, gegen alle Etikette den Muth fand,, dem Rabbi, als er ihn in Schul begleitete, zu sagen: „Hundert Jahr soll der Rebbe leben, aber ich möchte ein klein Stücket von dem Theil am Gan-Eden haben, was der Rebbe haben wird." Und da. war es, wo ihm der Rebbe sagte, daß das Schulklopfen auch ein heiliges Amt sei unb daß man mit dem Schulhammer .die Pforten zum Gan-Eden öffnen könne. Damals hat sich schon Mordche vorgenommen, der Schulhammer müsse ihm „über hundert Jahr" mitgegeben werden. (Fortsetzung folgt.) Kpvechfaal. Sehr geehrter Herr Redakteur! mpfangen Sie zunächst meinen besten Dank für die schnelle Erledigung meiner Anfrage bezüglich einer jüdischen Besserungsanstalt. Schade, daß es eine solche noch nicht giebt. Eben überreicht mir der Vorsitzende des hiesigen „Magdalenenvereins" seinen Jahresbericht, dem ich entnehme, daß in den Jahren 1880—90 der Verein von 98 Mädchen um Hilfe angegangen wurde, von denen 83. in verschiedene Asyle, wie Bernburg, Boppard rc. kamen; im Jahre 1896 waren 16 Mädchen in unmittelbarer Pflege des Vereins. Allerdings ist dies im Vergleich'mit dem, was geschehen sollte, wie ein Tropfen am Eimer. Aber, wenn man bedenkt,' was es ist, das geschah, so haben wir allen Grund, Gott zu danken, daß er uns zu Werkzeugen seiner rettenden Liebe gemacht, und alle menschenfreundliche Mitbürger aufzufordern: „Werdet unsere Mitarbeiter!" Dieses Schlußwort des 10. Jahresberichtes verdient um so mehr Berücksichtigung und Beachtung,, als der Verein auch für andersgläubige Pfleglinge mit gleich großem Interesse handelt. So z. B. erbietet sich Herr Pastor K., ein jüdisches Mädchen, welches der Besserung dringend bedarf, in eine evangelische Anstalt zu bringen, oder — wenn eine jüdische Anstalt vorhanden ist, — denselben Betrag jährlich dieser zuzuwenden. Es handelt: sich nämlich um ein Mädchenwelches auf Abwege gerathen ist, so daß die Polizei drängt, es in eine Anstalt zu bringen oder unter zuverlässige Aufsicht zu stellen. Es ist somit die Alternative gegeben : entweder eine evangelische Anstalt in Anspruch zu nehmen und das Mädchen von vornherein dem jüdischen Glauben zu entfremden, oder — es der Schande und dem Verderben preisgeben, wenn es nicht gelingt, in einem Privathause Unterkunft zu finden. Die Lage ist also für Denjenigen, der in solchem Falle -zu entscheiden hat, sehr kritisch. Freilich wird man einwenden, daß solche Fälle, wo ein jüdisches Mädchen durchaus in eine Besserungsanstalt gebracht werden müsse, zu den seltensten zählen, und damit entschuldigt man das Nichtvorhandensein jüdischer Besserungsanstalten; aber selbst in diesem Falle wäre es ein Segen für die Menschheit, wenn eine derartige Anstalt bestände. Und wenn auch nur ein Menschenleben aus der Tiefe der Sünde und des Elends herausgeholt, wenn auch nur ein in den Schliygen der Sünde gefangenes Menschenherz davon losgelöst und zu. einem nützlichen, Glieds der Menschheit erzogen wird — selbst dann' lohnte es sich, eine solche Anstalt ins Leben zu rufen! Mit vorzüglichster Hochachtung ' * Bremen, 18. Juni. Rabbiner Dr. L. Rosenak. ■ y; "■!<'■ Briefkasten der NrLaktion. Den Herrn, welcher mir jüngst anonym, aber als mein „Schüler" über „Russische Juden" einen Brief geschrieben, den ich mit Rührung und voller Theilnahme gelesen, bitte ich, mir seinen'-Namen und seine Adresse zu nennen.; " Lazarus. i) Drei Abschnitte aus dem Pentateuch (Deut. 6, 4—8; 11, 13- 21 und Nr. 15, 37-4>), welche den Hauptbestandtheil des täglichen Gebetes bilden. 2) Ungebildeter Mensch. : Druck und Verlag von Rudolf Müsse in Berlin. Verantwortlich für die-Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.. --