Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 27 (3.7.1896)
- Date
- 1896-07-03
- Page
- Seite 323 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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mir? Natürlich, Reb Mandel muß einen goldenen Stuhl im Gan- Eden haben undmit allen den Frommen und Gerechten wie ein Bruder verkehren. Dann muß auch der Reb Herz dort sein, der das Bethhamidraschx) gebaut hat und die große Stiftung gemacht hat, von der man zu jedem Feiertage die armen Leute betheilt. Es ist zwar nicht recht, daß die reichen Leute, die schon das Glück dieser Welt genießen, sich noch mit ihrem Gelbe jene Welt kaufen können, aber wir sind sündige Menschen, und Gott versteht es besser. In diese Gesellschaft kommt Mordche nicht, aber wenn er durch .die Thür hineingeht und der diensthabende Engel ausrnft: „Da kommt Mordche Awroms", daun wird Reb Elieser einen „Kmtsch?) in seine Gemoro?) machen, das Buch schließen und anfstehen und ihm entgegengehen! und sagen: „Friede mit Dir, Mordche, denkst Du -noch, ich habe Dir gesagt, wie Du Schulklopfer geworden List, Mordche. Dein Geschäft ist ein Werk Gottes und es steht geschrieben im Propheten Jeremia: „Wehe dem, der das Werk Gottes lässig betreibt", aber, wenn Du es ehrlich meinst, kannst Du Dir das lichtige Gan-Eden erwerben." „Ja," wird Mordche sagen, „hundert Jahr soll der Rebbe leben", — doch das sagt man ja droben nicht, aber so etwas Aehnliches — das habe ich mir auch gemerkt und habe es siebenundvierzig Jahre gehalten, bis mein Awrom es nicht mehr zugegeben hat, und dann hat es auch die junge Welt abgeschafft; sie haben gesagt, es ist nicht schön vor dem Goj.^) „Ja," wird R. Elieser mit einem Seufzer sagen, „ich habe gewußt, es wird soweit kommen, wie man angefangen hat, die Jungen in die Realschule zu schicken und die Weiber ihre. eigenen Haare getragen haben." So wird Mordche, wenn er auch nicht lernen kann, sich mildem Rebbe unterhalten können, zwischen Minchah undMaieriwb) oder Schabbes Abends, wenn man wartet, bis es Nacht geworden ist. Auch der Rebbe Reb Schmelke und die anderen große Leute werden wissen wollen, mit wem der große Rabbi Elieser sich so freundschaftlich unterhält, und werden sich wundern, daß das Mordche Wächter ist, der sich mit seinem Schulklopfen den Hiynnel erobert hat. Nun will ich ja nicht die Meinung aufkommen lassen, daß Mordche ein schwer beladenes Gewissen habe und darum sich mit seinem Schulhammer vor Gottes Zorn retten wolle. Wer so etwas glaubt, thut dem guten Mordche entschieden Unrecht. Gott weiß ja alles, und in dem großen Hauptbnche, das er am Nenjahrstage öffnet und am Versöhnungstage schließt, ist Manches auf der Habenseite für. Mordche ausgeschrieben. Er hat in seiner Jugend dem alten Vetters Ehananel den schweren Pack ins Dorf nachgetragen, obwohl er nichts dafür erhielt als die Kost, und die war bei dem Geiz der Muhme') Malke schmal genug. Er erinnert sich noch heute, wie er am siebzehnten Tammns«) den weiten Weg von Dalleschau gekommen ist. Sie haben gefastet, natürlich, er und der Vetter, und sind doch in der Sommerhitze fünf Stunden Weges gelaufen, damit sie die Schul nicht versäumen,-denn da liest man aus der Thora, daß Gott verzeiht Schuld und Missethat und Sünde, allerdings mit Ausnahme des Essens am siebzehnten Tammus. Wie sie aber nach Schul nach Hause gekommen sind, nachdem der Vetter mit seinen eigenen Augen die drei Sterne gesehen hatte, — einem Anderen traute er in diesen Dingen nicht — brachte die Muhme Malke nur aufgewärmte Bohnen auf den Tisch. Morgen war ja Freitag, da mußte man ja auf Schabbes kochen, und bei den theueren Zeiten kann man nicht alle Tage frisch kochen oder gar Fleisch kaufen. i) Lehrsaal und Bibliothek. 2) Ohr. 3) Ein Band des Talmud. Nicht-Juden.. ^Nachmittags- und Abendgebet. 6) Onkel. ■:■?) Tante. *) Fasttag zur Erinnerung an die Zerstörung Jerusalems. Mordche hätte sich daraus nichts gemacht, denn er hatte einen .Magen, wie ihn Mephistopheles im ersten Theil von Göthes Faust beschreibt, aber um den alten Vetter that es ihm leid. Trotzdem er sich, ein starker Junge, wie er war, als Markthelfer fünfzig Kreuzer 'per Tag und gute Kost hätte verdienen können, hielt er doch bei dem alten Vetter Ehananel aus. Es war doch der leibliche Bruder 'seiner Mutter, im Gan-Eden ruht sie, und wenn Mordche ihm den Pack nicht nachträgt, muß der Vetter, Gott behüte, auf die Kizweh* * i)) kommen, und das giebt Mordche nicht zu, so lange ihm Gott „Leben und Gesundheit" schenkt. Natürlich ist daran nichts Besonderes. Mordche hat nur gehandelt, wie ein Jude handeln muß, aber das Bewußtsein hat er doch, daß Gott das ausgeschrieben hat und weiß, Mordche ist der Aergste nicht. Auch noch ein anderes Verdienst wird ihm Gott auf die Waagschale legen, wenn er Verdienste und Sünden gegen einander abwiegt, wie es in den Selichos beschrieben ist. Mordche hat seinem Weibe nie ein böses Wort gegeben in den achtunddreißig Jahren, wo er zu Gutem, verheirathet war. Und das kam so. An einem Sabbath - Nachmittag ging Mordche, damals noch ein ganz junger Ehemann, zum Raw, um ihn nach der Schul abzuholen, denn nur der Raw konnte bestimmen, wann es hinlänglich dunkel war, um den Sabbath zu beendigen. Mordche ging immer etwas zeitlicher, denn er hörte gerne dem „Schiur"^) zu, den der Raw um diese Zeit hielt, das ist ja an und für sich ein verdienstvolles Werk, anch wenn man nichts davon versteht, und dann konnte man doch etwas zulernen, und Mordche hatte leider in seiner Jugend wenig gelernt. Sein Vater war früh gestorben, und seine Mutter hatte nicht das Vermögen gehabt, ihn lernen zu lassen, und schließlich hatte auch Jizchek Lehrer die Kinder gar zu grausam geschlagen, und als er einmal dem Mordche einen Holzsplitter in den Mund steckte, um ihn so für eine vorlaute Bemerkung zu züchtigen, und ihn verurtheilte, mit offenem Munde zu sitzen, bis die Schule „aus" sei, da lief Mordche fort und kam nicht wieder. Jetzt sah er freilich ein, daß er hätte mehr lernen können, und darum hörte er dem Rebbe gerne zu, denn der war nicht wie die Anderen; er sprach so, daß auch der gemeine Mann ihn verstehen konnte. Da hörte er einmal, wie der Rebbe aus dem Talmud vorlas: „Jeder Mensch soll sich hüten, sein Weib zu kränken, denn wo eines Weibes Thräne fließt, da muß Gottes Strafe auf dem Fuße folgen." „Seht Ihr, meine Herren," fuhr der Rebbe zur Erklärung fort, „das ist eine große Sache." Es steht auch in der Gemoro geschrieben, daß ein Mann nur gesegnet wird wegen seines Weibes, denn Gott hat auch Abraham nur gesegnet wegen Sarah, wie es in der heiligen Schrift geschrieben steht. Und glaubt Ihr denn, Gott, gelobt sei er, hätte dem Propheten Samuel befohlen, die Geschichte von Ruth aufzuschreiben, um uns zu erzählen, daß sich eine moabitische Schickse') hat megajer*) gewesen? Nein, die Gemoro sagt, sie hat geheißen Ruth (Fülle), weil von ihr abstammte David, der den Heiligen, gelobt sei er, gefeiert hat mit einer Fülle -von Preis-und Lobliedern. Darum hat also Boas das Verdienst von Ruth genossen, wenn er der Urgroßvater König Davids geworden ist. Und warum hat er das Verdienst genossen? Weil er Ruth hat gerne gehabt. Er hat nicht gefragt, was sie Mitgift bekommt, obwohl er ein reicher Jung' war und hat Güter gehabt, größer wie unser Serore'), der Graf Ulrichstein, und gewiß sind ihm die Schadchonim') nachgelaufen mit Anträgen,, aber er hat Ruth gewählt und er hat ihr nie vorgeworfen, daß sie kein Geld gehabt hat, und i) Armenversorgung. 2) Vortrag. 3) Mädchen. 4) Zum Judenthum bekehrt. °) Gutsherr. °) Heiratsvermittler.