Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-07-03 · Heft 27 (3.7.1896) · p. Seite 322

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 27 (3.7.1896)
Date
1896-07-03
Page
Seite 322 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3228148-3228176--52927-3258577
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

FEUILLETON Andere Zeiten. Eine Erzählung aus dem jüdischen Leben der jüngsten Vergangenheit von Gotthard Deutsch. Erstes Buch: Die alle Rehilla. Erstes Kapitel: Auf zu Selichos. -s klingt noch in meinen Ohren, wie der alte Mordche vor Tagesanbruch in seiner tiefen Stimme mit langgezogenen Tönen durch die Gaffe rief: „Reb Joffes, Reb Perez, Reb Joineß, Reb Verschon, Reb Chaim, Reb Joel, auf zu Selichos!" Dann machte er eine Weile Halt, hüllte sich besser in seinen Schafpelz, that einen kräftigen Zug aus seiner kurzen Pfeife, putzte auch wohl das Talglicht in seiner Laterne, ging dann mit seinen unsicheren, tappenden Schritten, die rechte Hand über den schwachen Augen haltend, an die nächste Ecke und rief: „Reb Jermjeh, Reb Salme, Chajim — dieser Chajim hatte keinen Chower*) und Mordche hätte sich wohl gehütet, ihn Reb Chajim zu nennen, was nicht nur gegen die amtliche Etikette verstoßen hätte, sondern auch von Chajim so ausgenommen worden wäre, als wollte man unsereinen Herr Hofrath oder Herr Baron tituliren — Reb Henoch, Reb Cheskel, Ephroim — auch Ephroim war nicht graduirt — auf zu Selichos!" So ging es nach kurzen Pausen weiter, bis sie alle geweckt waren, Maische und SÜndel, Jtzig Löb und Selig Hirsch, Awrom Bär und Chaim Wolf; denn es war der erste Tag Selichos, wo Gott anfängt seine Bücher zu revidiren und Audienzen zu ertheilen. Ein König, so sagt der Midrasch, zürnte einer Stadt, da kamen zuerst die Rathsherren und brachten ihm ihre Huldigung dar, dann kamen die vornehmsten Bürger, und zuletzt jauchzte das ganze Volk ihm entgegen, und der König, gerührt durch diese Beweise von Ergebenheit, verzieh Allen. So ist es auch bei Israel. Zuerst fasten die Frömmsten am ersten SelichoStage, dann fasten die Frommen am Tage vor dem Neujahrsfeste, und schließlich am Versöhnungstage fasten Alle, und Gott, erweicht durch so viele Beweise von Ergebenheit, verzeiht ihnen Allen. Mordche kehrte nun um, damit er sich zu Hause von seiner Heroldsthätigkeit ausruhe, sich am Kaffe und Kuchen labe, den seine Channe fürsorglich vorbereitet hatte, denn das hatte vor Tagesanbruch zu geschehen, weil er dann ja zuerst sein MorgengeLet verrichten mußte, und nach demselben ging es nicht, weil man fasten mußte. Mordchewar ja nicht übertrieben, er liebte die exaltirte Frömmigkeit nicht, aber was Gott haben will, das muß man thun. Nach dem Frühstück nahm er seinen Hammer und machte noch einmal die Runde durch die Gaffe, um die Schläfer durch drei Hammerschläge an jedes Hausthor zu wecken. Dieser Hammer war sein größter Stolz, und Mordche hat ihn mit ins.Grab genommen, als er im Alter von achtundneunzig Jahren seine Augen schloß. Er starb eigentlich vor der Zeit, denn er hatte sich vorgenommen, den „Hunderter" nicht zu wechseln, wie er zu seiner Jugendfreundin, der vierundneunzigjährigen Leah, als er sie auf dem Sterbebette besuchte, sagte. „Leah," sagte er, „was fällt Dir ein; wie Du eine ') Titel. große Banknote gewechselt hast/ bleibt nichts übrig." Mordche hätte wohl Wort gehalten und den Hunderter nicht gewechselt, denn trotz seiner achtundneunzig Jahre und seiner fast erblindeten Augen war er kräftig und guter Dinge. Seine Abendmahlzeit -war Brod und Käse und ein Großseidel Wein, und seine Tabakspfeife ging den ' ganzen Tag nicht aus. Aber - sein Awrom starb — das konnte Mordche nicht überleben. Awrom war ein gutes Kind, das es nach einer harten Jugend zu einer ansehnlichen Stellung in der Gesellschaft und Gemeinde gebracht hatte. Man denke die Karriere: Mordche Wächters Sohn in Kohol! *j Das muß ick eigentlich noch nachtragen. Mordche war nicht Schammes,') 'dazu hatteer nicht genug gelernt; er war nur Nachtwächter, und vom ersten Elul^) bis nach Simchas-ThoraT war er von diesem Dienste dispensirt, um sich den vermehrten Pflichten - des religiösen Lebens widmen zu' können. Als Awrom Mitglied des Vorstandes geworden war und gute Aussicht hatte, einmal zu der schwindelnden Höhe eines Vorstehers zu gelangen, verlangte er, daß sein Vater, der danlals schon hoch in den Siebzigen stand, sein Amt niederlege. Mordche konnte sich schwer dazu entschließen, denn es ist nicht recht, daß man/von einem Kinde lebt; am allerwenigsten wollte er das Schulklopfen aufgeben, denn das ist doch eine Mizwey?) Mit seinem Hammer /will er über hundert Jahr vor Ihn, gelobt sei sein Name, hintreten, und wenn Er fragt: „Mordche Awroms. was kannst Du für Dich anführen?" Daun wird Mordche unerschrocken sagen: „Allmächtiger,/Barmherziger und Gnädiger! Ich bin ein sündiger Mensch gewesen, aber siebenundvierzig Jahre lang habe ich mit diesem Hammer in Schul geklopft. früh und Abends, und nicht eine Thüre habe ich vergessen und nicht ein einziges Mal habe ich versäumt." Dünn wird Gott, der nahe ist Allen, die ihn änrufen, Allen, die ihn anrufen in Wahrheit, sprechen: „Das ist recht, Mordche, geh nur geradeaus in die erste Thür zum Gan Eden." / So wird Mordche in das lichtige Gan-Eden°) kommen, nicht etwa an den großen Tisch, wo der Rebbe R. Elieser. sitzt, sein Verdienst soll uns beistehen, der damals Rabbiner war, als Mordche zum Schulklopfer gewählt wurde, und das große Buch hat drucken lassen, das noch in mehreren Hunderten von Exemplaren auf dem Dachboden der Schul' liegt, obwohl der Rebbe, sein Andenken sei gesegnet, damit herumgefahren ist. An den Tisch kommt Mordche nicht; da sitzt der große Wundertäter, Reb Schmelke, von dem der Großvater, der Friede sei mit ihm, erzählt hat, daß er am Freitag Nachmittag, als ein Feuer herausgekommen ist, ganz in der Nähe der Schul hingegangen ist und einen Spruch gesagt hat,' den aber Niemand verstehen konnte, und ein kleines Zettelchen in das Feuer geworfen hat, daß hebräische Buchstaben An die Luft geflogen sind und das Feuer ganz von selbst verloschen ist. Die heutige Welt ist leicht und glaubt das nicht, aber währ ist es doch, denn der Großvater hat nicht gelogen, und ein Narr war er auch nicht, daß man ihm solche Dinge Hütte einreden können. Dann wird dort der fromme Dajan Reb Mandl sitzen, der war ein Branntweinbrenner, aber ein so großer Gelehrter, daß er hätte Raw sein können im heiligen Lande, er hat mit Bachurim') gelernt, und als der alte Raw gestorben war, umsonst die Rabbinatsgeschäfte versehen, aber als dann der neue Raw kam, hat Reb Mandel nicht aepaßkend.^) wenn man ihm einen Dukaten für ein Wort^gegeben hätte. Ihr habt' ja einen Raw in der Khille, sagte er, warum kommt ihr zu *) Gemeinderath. 2) Synagogendiener. 8) Monat des jüdischen Kalenders: August-September. *) Freudenfest der Thora, der letzte Tag des Hüttenfestes. ») Religiöses Verdienst. * 6 *) Paradies. ’) Jüngern. 8) Religiöse Entscheidungen abgegeben.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.