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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-07-03 · Heft 27 (3.7.1896) · p. Seite 321

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 27 (3.7.1896)
Date
1896-07-03
Page
Seite 321 (sequence 9)
Language
German
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Strebens, der das Judenthum nicht' zu seiner-Lebensalffgabe gemacht .hat, wenn auch sein Kreisdasselbe, hier und da berührt und., er auch persönliches Interesse-für.das Judenthum hat. Du chast Dich z. B. jetzt speziell der. semitischen Sprachkunde und Litteratur gewidmet, und die litterarischen Erzeugnisse des Judenthums fallen großentheils mit in dieses Gebiet, und persönlich nimmst Du Antheil an dessen Ereignissen und Gestaltungen- 'aber der bewegende Punkt für Dich liegt außerhalb deffelben. Nun bin ich freilich so verwachsen mit den lebendigen Geschichtsintereffen, daß ich weder Mediziner, noch überhaupt Naturforscher werden konnte, noch Forscher untergegangener oder nie in großartige Wirksamkeit-getretener Litteraturen, mit hingewandtem Interesse auf Völker, die von außen ihre Bewegung aufzunehmen angewiesen, aber nicht aus sich heraus — wenigstens nach den natürlichen Entwickelungsgesetzen — die Welt zu gestalten berufensind, wie sich dies bei den Völkern des Orients, verhielt, während, ich sehr wohl der Jurisprudenz, der Geschichte, der Litteratur und Sprachforschung über ein gegenwärtig auf der Höhe dtt Geistesbewegung befindliches Volk, der Philosophie und dgl. mich hätte hingeben können. Allein Deine Natur , mag; eine' andere sein, und gewiß hast Du bei Deinen Studien einen Mittelpunkt und ein lebendiges Streben, aus dem heraus reich und mannigfaltig Deine Geistesarbeiten sprudeln, Und das Judeuthum geht Dir mit, wie etwa bei mir Theilnahme an Eisenbahnen, deren -Gedeihen mich erfreut, ohne daß ich über Zögerungen, ungünstige Aussichten usid dgl. innerlich gekränkt werde. — So hast Du nun ein ganz offenes Bekenntniß über mich, und ich weiß, daß Du nun vollständig m\ meiner Seele lesen kannst. Du fragst mich aber vielleicht, warum ich denn das Zutrauen in das Judenthum ein- , gebüßt habe, ob diese Verzweiflung an einer lebensvollen Zukunft deffelben nicht vielmehr einer subjektiven Hypochondrie als einer objektiven Erkenntniß entspringt? Die' Beantwortung dieser Frage: würde mich zu weit führen, daher nur kurz dieses: Das Judenthum hat, bei seiner Grundwahrheit von der Gotteseinheit, bei, seinen edlen sittlichen Bestandtheilen, theils durch nationale Einschränkung, theils durch -zu starkes Hervorheben der Ceremonien niemals ein volles religiöses Leben entfalten, niemals sich an die Spitze der religiösen Erkenntniß stellen können; es hat gewissermaßen große tobte Schätze, die von einer anderen Hand gehoben werden müssen und dann ihren Reichthum den erstaunten Blicken zeigen. Das, Christenthum hat bei seinen Grundirrthümern, von der Dreieinigkeit, dem stellvertretenden Leidenstode Jesus und dgl. theils durch die ihm gegebene Bestimmung für die ganze Welt, theils durch den Nachdruck, welcher auf die innere Entwickelung des Menschen gelegt wird, den Glauben, die lLiebe, u. s. w. ein vollpulsirendes religiöses Leben in sich getragen und bald auch die gesammte religiöse Entwickelung repräsentirt; es ^rechnet Sand zu seinen Schätzen und hat diesen als hohen Schatz verwandt, aber er kann als Saud erkannt und ausgeschieden werden, das -innere kernige- Leben bleibt und er-. baut sich weiter auf die übrigbleibenden Schätze, während im Judenthum bei einiger Erkenntnißman sich bald von all den Dingen, die bei niederem Bildungsgrade volle Herrschaft ausübten, loswiudet und sie gleichgiltig und spöttelnd wegwirft. Allerdings steht auch das ■: Christenthum schon seit längerer Zeit und immer mehr an einer Krisis, und wir zweifeln gewiß' nicht .-daran, daß es überwältigt wird; aber theils ist der. Kampf mit ihm ein so großartiger Weltkampf, die Kräfte, die es zu seiner Vertheidigung aussendet, sind selbst wieder so mannigfaltig, so innerlich reich, daß das Interesse - daran, wenigstens bei dem, der innerhalb steht, lebendig bleibt, theils wird die, neue Zukunft und die .neue Religionsauschauung an dasselbe sich anknüpfen und von ihm ausgehen, was .alles .beiidem I Judeuthum picht der Fall ist. Daher kommt es auch, daß innigere Gemüther, die in demselben wirken, entweder in. das gelehrte Feld flüchten, für die Praxis ganz und gar verdorben, sind, sich das Getriebe mißmuthig ansehen wie Zunz, oder in der Praxis gerne 'au das Bestehende sich anklammern und sich einreden,^es ließe sich dasselbe vergeistigen, flüssig machen, wie Mannheimer, den näher kennen gelernt zu haben ein schönes Resultat meiner letzten Reise war. Wäre ich nicht Rabbiner und Hütte ich daun überhaupt .eine unabhängige Stellung, so würde ich vielleicht eine vollständig oppositionelle Richtung nehmen, in dem Gesammtbestreben der Zeit meinen Mittelpunkt finden und von dem aus über Judeuthum und Misch - litterarische' Bestrebungen schreibeil,' etwa wie die , Hall. Jahrbücher in ihrem Gebiete : aber nun ist dies ein Anderes. Jedoch ich habe mich noch nicht aufgegeben und gebe mich nicht auf; ich ringe fort, in mir und mit mir und muß zur Einheit gelangen. . Die Geschichte mit Rußland scheint mir im Ganzen hohl zu fein; viel Lärm und. wenig. Wolle,, das muß gewiß ein gutes Breslauer Sprichwort sein, wo der Wollmarkt eine so bedeutende Rolle spielt. Uebrigeus hast Du nun über Deinen Lebenslauf entschieden; Glück gu in Frankreich! Die Wissenschaft darf sich dessen freuen, daß Du dem Leben keine Neigung zu opfern hast, kein beengender Lebensberuf Dich in Deinem litterarischen Streben hindert; möchten wir nur bald etwas sehen! Du sollst mich wieder ganz zum Araber machen, Deine Werke will ich tüchtig studiren und zu den Füßen des Meisters, wieder neu als Schüler sitzen; ich weiß, aus dieser Behandlung kommt auch für mein Gebiet unmittelbarer Nutzen. — .Daß bei uns in Deutschland die Angelegenheiten der Juden nicht so rasch vorwärts gehen und in der jetzigen ruhigen Zeit kaum gefördert werden, darein muß man sich ergeben; aber erhält nur einmal die Zeit , wieder einen raschen Anstoß und thürmen sich wieder die Wellen der Bewegung im allgemeinen, dann giebt es. auch in dieser Beziehung einen tüchtigen Ruck, und diese bürgerlichen Fortschritte, .vorbereitet auch durch innere geistige bei den Juden, wirken dann mächtig auf die geistigen Zustände der Juden, dann ersteht wieder die theologische Bewegung, wie sie ihr lebendiges Erwachen oder wenigstens ihre Wiederaufnahme dem Jahre 1830 und den daran sich knüpfenden Emanzipationsbestrebungen und -Verhandlungen verdankt Eine solche Zeit bleibt aber sicherlich nicht mehr sehr lange aus; beginnt man doch schon in Preußen die konstitutionellen Wünsche ernst zu hegen, laut auszusprechen, ernst auf ihre Verwirklichung zu dringen und sich'sogar durch barsches Benehmen nicht irre machen zu lassen, so daß die Pulver, welche man als niederschlagende anwenden wollte, unter der Hand zu Brausepulvern werden. Daun sind sicherlich die Bewegungsmomente so allgemein, daß es nur eines Ungefährs bedarf, Um sie recht in Gang zu . bringen, So wollen wir denn freilich unterdessen nicht müßig sein, aber doch jedenfalls ruhig die Entbehrungen ertragen .... . Uebrigens ist die vorige. Woche mir die Aufforderung an die Israeliten Deutschlands von Cre.mieux 311gegangen und die Anstalten werden getroffen, dieser Aufforderung äuf würdige Weise zu ensprechen; es wird sicherlich , was Anständiges geschehen. — Was Du mir von den Archives, deren Wirksamkeit, den Regungen in Frankreich — die freilich zuweilen auch widerlich ^ind, wie der furchtbare Friedhofshalloh — 'mittheilst, hak mich sehr fnteressirt; traurig ist wie überall die Unthätigkeit der Rabbiner und die Unklarheit, mit der umhergetastet wird, und es sollte mich freuen,-wenn im freien Lande etwas Erkleckliches geschähe für geistige Befreiung-der Juden als solcher, was jedoch nicht zu hoffen. —

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