Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 27 (3.7.1896)
- Date
- 1896-07-03
- Page
- Seite 320 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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asiatischen Sprachen erhalten dort zugleich eine Bedeutung 'fürs - Leben, und es könnte leicht sein, daß Dein Wirkungskreis ein noch weit umfassenderer werde, als der eines Direktors einer höheren jüdischen Schule. Jenes gemächliche Sichgehenlassen, ohne selbstthätig in das Lebensschicksal einzugreifen, dürfte doch eigentlich jetzt M für Dich zu Ende gehen, und ein kühnes Ergreifen des Augenblicks,! 7 der noch keineswegs für die Ewigkeit fesselt, ist jetzt an der.Stelle. ' Wie weit nun eigentlich der Plan bis jetzt in Rußland gefördert ist, 7 weiß ich nicht, ja, es scheint nur erst die Absicht zu sein, auf Männer 7. zählen zu können, wenn das große Unternehmen ins Werk gesetzt 7 werden soll. ■ XXII. ■ Breslau, 20. Juli 1841. . Mein lieber guter Dernburg! Prügle mich, beginne mit mir, - was Du willst; aber böse darfst Du mir nicht sein. Es wäre , thöricht, wenn ich von allerhand Störungen, Reisen und Amts-? geschäften sprechen wollte, die die Verzögerung in meinem Schreiben veranlaßten; man kann schon Stunden, und halbe Tage finden, um ' einein trauten Freunde zu schreiben. Noch weniger kann Trägheit - zur Entschuldigung dienen; ich diene nicht so dem Gauche, um einem solchen geistigen Verkehr, wie ihn unser Briefwechsel mir zu : bieten geeignet ist, der Pflege einer warmen Freundschaft, die die - schönsten Freuden bietet, mich zu entziehen. Und was ist es denn? / Soll ich es Dir offen bekennen? Die frohe Zuversicht in meinem ' Streben und Wirken, der freudige Glaube an dessen Resultate und 7 daher die Frische und Elastizität wollen nicht bei mir ausharren, w und Du weißt wohl, daß dies bei einem Menschen wie ich bin, den eigentlichen Grundnerv des Lebens angreift. Gerade in Briefen an ... den innigen Freund, wo man sich konzentrirt, wo nicht irgend ein Verhältniß und irgend eine Beziehung besprochen wird, sondern der - ganze Mensch in seiner Einheit aus dem Knotenpunkt heraus, der; feilt ganzes Sein und Wirken umfaßt, hervortreten soll, gerade da macht sich theils die Unfähigkeit recht geltend, aus einem solchen Prinzipe heraus zu sprechen, und man schiebt daher gerne den Zeitpnnkt auf, wo man sich solcher Impotenz so stark bewußt wird, - .theils schmerzen die hervortretenden Dissonanzen zu sehr, um nicht schreiend in den Brief überzugeheu, und dein Freunde immer das alte Klagelied vorzuleiern, wem wäre dies angenehm? Das macht meine Briefe selten und entzieht ihnen den Reiz, während die Deinen - immer so recht .aus frischem Gusse froher Thätigkeit leicht strömen und inihrer Frische froh anregen. Du verstehst mich, m. l. Fr./" es ist durchaus keine äußere Unzufriedenheit, von der ich hier spreche; im Gegentheil fühle ich. mich im häuslichen Leben beglückt, in meiner ■ amtlichen Stellung zufrieden. Aber der kräftigere, begabtere Mensch verlangt etwas mehr, er will wiffen, welche Stellung er in der höheren Gesammtthätigkeit wahrhaft menschlicher Bestrebungen einnimmt, und ein tieferes Gemüth, das in die Geistesarbeit und die v ganze Lebenswirksamkeit sich versenken will und den Eiuheitspuukt ' fürs ganze Streben und Thun aufsucht, findet erst dann die wahrhafte - Lebensfreude, wenn es diesen Punkt gefunden und mit gläubigem Vertrauen umfaßt, aus ihm heraus wirkt, auf ihn jeden einzelnen Schritt beziehen kann. Daher erscheint mir eben all mein Thun als ein Vereinzeltes, Unzusammenhängendes, gerade weil der Punkt, in dem alle Einzelheiten ihren tiefen Grund, ihre Einheit finden sollen, aus dem sie als Radien hervorgehen, mir schwindet.' t i Meine wissenschaftliche wie praktische Thätigkeit hat ihren Mittel-7 Punkt in dem Bestreben, ein lebendiges, wahrhaft geistiges, Geist '' und Gemüthbefriedigendes und nährendes Judenthum herzustellen- ' und wenn ich das frohe Vertrauen hätte, daß dieses Ziel erreicht werden könne — wenn auch vollständig erst in später Zeit, wenn ment meiner schon vergessen, -für den geistigen Blick aber.daun doch gewissermaßen schon gegenwärtig — welche -Wonne würde mir jede Beschäftigung mit semitischen Sprachstudien, - jede historische und bibliographische Untersuchung im Gebiete des Judenthums, jedes jüdische Werk und ebenso jede praktische Wirksamkeit bieten, alles als zu dem Ziele: hinführend, als verschiedene Ausgangspunkte, von denen aus man zu der einen klaren Höhegelangt. Ich darf nur dies als einen Vorzug anrechnen, daß ich mein Gebiet vollständig zu umfassen und es in allen seinen Beziehungen lebensvoll auszunehmen und zu gestalten weiß, ich kenne den sprachlichen, geschichtlichen und namentlich kultur- und litterarhistorischen, den dogmatischen und philosophischen,, sowie den streng praktischen Theil meines Gebietes in ziemlichem Umfange und kann in jedem etwas leisten; ich bin nicht einseitig einem Theile'zugewandt. exzellire daher auch, wohl in keinem einzelnenzeichne Mich aber vielleicht gerade dadurch aus, daß ich das Einzelne in seiner Beziehung zum und in seinem Zusammenhänge mit dem Ganzen auffasse, daher es also gerade von - seinem erkannten innersten.Lebenselemente aus zu behandeln weiß: aber freilich gerade dadurch bricht sich auch meine Kraft, sobald mir dieses innerste Lebenselement sich als vevsiegt darstellt und so mein Streben entweder ein blos gelehrtes, Erkeuntniß und Darstellung eines Gelebthabenden, nunmehr verstorbenen oder, was noch schlimmer ist, ein vergebliches Besserwollen in gegebenen, - gründlich nicht heilbaren Verhältnissen des Lebens ist. Also dies eben nagt an mir, daß ich nicht den' Glauben habe, aus dem Judenthum könne ein wahrhaft vollquellendes, die Geister durchdringendes und beherrschendes Lebendiges erstehen, und so. wäre alle Bestrebung in ihm eine außerhalb des strömenden Lebensprozesses sich bewegende und höchstens dazu geeignet,- daß man die bisherigen Mitglieder desselben zu. diesem Lebensprozesse hinführe, wo sie dann aber,, von dessen Bewegung ergriffensich nun ganz und gar dem Judenthum, als einem in diesen Prozeß nicht eingehenden Dinge, faktisch oder doch innerlich entziehen. Diese Erwägung mag Manchem, der sich dabei beruhigt, doch für einen Theil der Menschheit jedenfalls nützlich wirksam zu sein, nicht so nahe angehen; aber gerade Mein größeres Streben nach innerer Einheit läßt mich eine solche Wirksamkeit als eine Mit sich gerade im vollsten Zwiespalt stehende betrachten und die Freude an ihr verlieren. Eine jede untergeordnete Thätigkeit, innerhalb des die Zeit durchströmenden Lebens würde mich freudig durchdringen, aber selbst eine höhere, aber nur von ferne in dasselbe einlenkende, eigentlich aber außerhalb desselben befindliche beugt mich, und zu dieser recht bedauerlichen Resignation, mein Leben in gewissem Sinne unnütz, aber doch soweit die Verhältnisse es gestatten, zuzubringen, zu dieser Resignation habe ich es noch nicht gebracht, möchte ich es auch nicht gerne bringen. Du weißt, daß nicht das Lob .der Mitwelt, nicht ein etwaiger Ruhm bei der Nachwelt es ist, nach denen ich geize und' deren Entgehen ich besorge; hat ja mein Name sogar einen weit bedeutenderen Ruf, als ich eigentlich verdiene; nur das innere freudige Bewußtsein möchte ich haben, möge dann der Kampf wider mich entbrennen und die Schmähung, und möge mein Name der Nachwelt ganz unbekannt sein, i„ich weiß, daß'mein Erlöser lebt", wüßte ich dann doch, oder glaubte ich wenigstens zu wissen, daß die Idee, der ich mein Leben gewidmet, ihre Realisirung immer mehr und mehr finde und ich'so im großen Leben der Menschheit eine würdige, wenn' auch meinetwegen ganz unter- /geordnete Stufe einnähme, und was ich zu bauen versucht, nicht von den Wellen der Geschichte verschlungen würde, sondern ein kleiner Beitrag' zu dem großem Baue des Cwigbleibenden sei. Diese Er- Wägung kommt auch dem nicht so stark und berührt den, wenn er auch ganz von ihr durchdrungen sein sollte, nicht am Nerv seines - -y v- V