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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-07-03 · Heft 27 (3.7.1896) · p. Seite 318

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 27 (3.7.1896)
Date
1896-07-03
Page
Seite 318 (sequence 6)
Language
German
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daß das Judenthum nicht alseine Nation, sondern nur als eine Religion fortbesteht! — Nein, das Studium der Geschichte und 'der 7 Geographie stellt die Juden im Gegensatz zur objektiven Wahrheit -undzur deutschen Reichsverfassung, nach welcher die Juden Deutsche . sind und. als gesetzlich gleichgestellte Bürger Deutschlands gelten, als .' eine: besondere Nebennation hin. Das ist eine große pädagogische Sünde. Ob .man bei dieser Erziehungssüude die Kinder, einerlei ob jüdische oder "christliche, zn friedlichen Staatsbürgern und zugleich zu Menschen voll humaner Gefühle gegen einander heranbilden kann? — Die Klassifikation: „In diesem oder jenem Lande seien Deutsche, -Slaven, Franzosen,: Zigeuner und Juden", gelernt von jüdischen Kindern in deutschen Schulen, macht sie stutzig. „Wie, sind wir, weil Bekenner des Mosaismus, 'nicht Deutsche?" Und wiederum gelernt von den christlichen Kindern in den Staatsschulen, läßt sie -den Gedanken von der jede Humanität perhorreszirenden Rassentheorie,: von einer Inferiorität der jüdischen Raffe aufkommen und .führt zum Gegensätze, ja zum Widerstreite gegen die Anordnungen eines-Pestalozzi, eines Herbart, eines Diesterweg. zum Schaden allerpädagogischen. Fortschritte. — Wahrlich, es ist hoch an der Zeit, daß die Lehrer von Gesinnung, seien es Juden oder Nichtjudenim -Interesse; der Erziehung und der staatsbürgerlichen, humanitären Bildung gegen die Einführung solcher Lehrbücher ihre Stimme erheben. Ich erinnere an das von dem Hamburger Rechtsgelehrter Gabriel Rießer seinerzeit öffentlich ausgesprochene große Wort: „Die kräftigen Klänge deutscher Sprache, die Gesänge deutscher Dichter haben in unserer Brust das heilige Feuer deutscher -Freiheit entzündet und genährt. Wir wollen dem deutschen Vaterlande angehören. Es kann und darf und mag von uns fordern, Mas. es von seinen Völkern zu fordern berechtigt ist; willig werden wir ihm alles opfern, nur Glauben, und Treue, Wahrheit und Ehre nicht. Denn Deutschlands Helden und Deutschlands Weise haben uns nicht gelehrt, daß man durch solche Opfer ein Deutscher wird." Aber „von unten nach oben" -wird gepflanzt, von unten nach oben wird gebaut, nicht nur in unseren Gärten, nicht nur an unseren Häusern, sondern auch an den Pflanzstätten der Zucht und Moral, der Bildung und Gesittung, der Erkenntniß des Geistes, der Kultur. Was geschieht nicht alles zur Zurücksetzung und Verspottung der Juden schon im Schulleben! In der Litteratur erscheint der Jude als eine Karrilatnr, in vielen Gedichten als ein Ungeheuer, als ein Grauen erregend Schreckbild. Im Zeugniß des jungen jüdischen Staatsbürgers ist die Religion -durchgestrichen, als ob er, der Sprosse der Mutter aller gebildeten Menschenreligionen, keine Religion hätte! Auf dem Katheder sieht -der junge jüdische Zögling fast keinen Lehrer, der seiner Konfession angehörte. In. der Geographie wird er gedrillt, die Judenraffe als eine besondere Nation, der deutschen Nation völlig fremde anzusehen. In der Geschichte lernt er und sein christlicher Mitschüler oftmals Dinge, welche eher zu Zwietracht, Haß und Verachtung führen, als zu Eintracht, Liebe, Duldung und gegenseitiger Würdigung. In meiner „Religionslehre" von.1884 habe ich das, was wohl alle, von der Staatsbehörde in Preußen jüngst geprüften Lehrbücher der jüdischen Religion auch enthalten, klar und deutlich ausgesprochen, und auch in meiner eben in der 4; Auflage erscheinenden „nachbiblischen Geschichte": „Ein Jude, der mit Verachtung auf Christen und Christenthum herabblickt, ist für das Judenthum verdorben!" Gelernt habe ich Solches nicht nur in den Geboten meiner Religion, sondern auch aus den Schriften des deutschen und christlichen Pädagogen Diesterweg: Seite 535 seines „Wegweisers enthalt folgende Worte: „Gm Cyristemnw, das auf Judenkinder, mit Verachtung.' herabsieht, ist für wahre Menschen- und -Vaterlandsliebe verdorben." Auf also, Ihr deutschen Lehrer zur Aufnahme.des Diester- /weg'schen Geistes auch in'die Lehrbücher! Wirket, Christen wie Juden, als Menschen und Deutsche gegen die Verletzung der religiösen,, "humanen und nationalen Gefühle der Jugend! Entfernt die Steine des Anstoßes! Sorget für Einführung von Lehrbüchern, die mit dem Geiste objektiver, wissenschaftlicher Wahrheit zugleich die Harmonie, den Frieden, - den Patriotismus und die allumfassende Menschenliebe säen in die zarten, empfänglichen Herzen unserer gesammten deutschen Jugend! Briefe ans England. Von Reverend Dr. Chotzner in Belfast. ie in verschiedenen anderen Ländern, so tauchen auch hier zu Lande in manchen jüdischen Gemeinden von Zeit zu Zeit Fragen auf, die das sonst ruhige und friedliche Gemeindeleben zu stören und in Bewegung zu bringen drohen. Dies ist augenblicklich innerhalb der^ jüdischen Reformgemeinde zu London der Fall, deren Mitglieder vor Kurzem einen vorliegenden Antrag diskutirten, demzufolge in ihrem Tempel in Zukunft an Sabbath- und Festtagen nebst den üblichen hebräischen Gebeten auch einige in der Landessprache rezitirt werden sollen. In mehrerer: jüdischen Gemeinden in Deutschland und anderswo ist bekanntlich schon seit Jahren die hebräische Spräche nicht mehr die alleinherrschende im Gottesdienste, aber hier im konservativen England stößt jeder Versuch, das Ritual einigermaßen zu reformiren, auf eine strenge Opposition, und eine solche gab sich auch im besagten Falle seitens mehrerer einflußreicher Mitglieder kimd. Die ganze Angelegenheit ist daher augenblicklich noch in suspenso und verursacht einstweilen Unruhe und Meinungsverschiedenheit in den betreffenden jüdischen Kreisen, doch steht zu hoffen, daß sie bald einen' alle Parteien -befriedigenden Ausgang nehmen werde. Auf jüdisch-litterarischem Gebiete sind jüngst in London einige Arbeiten erschienen, die auch außerhalb Englands einige Beachtung verdienen. Besonders erwähnenswerth darunter ist Herrn Schech t ers Arbeit, die „Studies in Judaism“ titulirt ist und aus einer Sammlung' von dessen Vorlesungen und Essays besteht, die meistens schon früher in verschiedenen englischen Zeitschriften erschienen sind. Die Sprache und der Inhalt der fraglichen Sammlung ' sind höchst anziehend und gediegen, doch kommen im letzteren manche Punkte vor, worin die Ansichten des Verfassers keinenallgemeinen Anklang finden dürften. Als Beispiel davon möge der erste, „Die Chassidim" betitelte Vortrag dienen, worin Herr Schechter die fragliche Sekte von religiösen Schwärmern in seinen besonderen Schutz nimmt und nebst eingestandenen vielen Schattenseiten weit mehr Lichtseiten bei dem Gründer und den Mitgliedern derselben entdeckt zu haben glaubt. Dieser kuriosen Ansicht des Verfassers könnte man treffend die Worte Nathans in Lessings „Nathan der Weise" entgegenstellen, die da lauten: „Begreifst Du aber, wie viel andächtig schwärmen leichter als gut handeln ist?" Ein Jude, der Frau und Kind verläßt, die Arbeit scheut, wie der gewöhnliche „Chassid" es oft thut, und zum „Rebben" fährt, um daselbst andächtig zu schwärmen, kann durchaus nicht als das Ideal eines gottesfttrchtigen Mannes angesehen werden, obschon er ein warmes Herz und eine glühende Liebe für seinen Glauben zu haben prätendirt. - -

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