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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-07-03 · Heft 27 (3.7.1896) · p. Seite 317

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 27 (3.7.1896)
Date
1896-07-03
Page
Seite 317 (sequence 5)
Language
German
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also unbedingt im Dienste des Staates und der humanen Erziehung, den verfassungsmäßigen Gesetzen der Parität entsprechend, eher,-bei weitem mehr als die Lesebücher, frei sein von allem, was das Gefühl irgend eines Schülers verletzen könnte. Nun giebt es zahlreiche Lehrbücher, in denen zum Schaden der Humanität und zum Nachtheil der humanistischen Erziehung für die Degradation der jüdischen Religion in den Augen der gesammten Schulbürgerfchaft dermaßen gesorgt ist, daß die Keime zur wechselseitigen Mißachtung der zu zukünftigen, patriotischen Staatsbürgern und gesitteten, harmonisch mit einander verbundenen Reichsstützen zu Erziehenden schon frühzeitig in der Schule gelegt werden. Wenn gewisse Lehrbücher der Religion, den Geist der Unduldsamkeit und der vorurtheilsvollen Befangenheit der Herren Autoren athmend, zur religiösen Unduldsamkeit anleiten, wenn z. B. das einstens vielbesprochene biblische Geschichtsbuch von Schuster, in welchem „Kain mit den Juden, Abel mit den Christen" verglichen wird, im Unterrichte Verwendung fand: so müssen wir dies in Anbetracht, daß der Religionsunterricht für Kinder einer gewissen Konfession, nicht für alle gemeinsam seine Geltung habe und leider mehr als ein trennender denn als ein verbindender Faktor angesehen wird, hier übergehen. Gleichwohl wäre auch hier voll angebracht, auf Recht und Billigkeit hinzudeuten: Wie man vor zwei Jahren von Staats wegen alle vorhandenen jüdischen Religionsbücher auf ihren Humauitäts- und Moralgehalt zu prüfen für gut fand, also wäre es gewiß billig, auch den Verfastern christlicher Religionsbücher zuzurufeu: „Was Du-nicht willst, das Dir geschehe, füge auch Andern nicht zu!" Wenn ferner gewisse, der Belehrung in der deutschen Litteratur dienende Werke, zu welchen. die Gymnasiasten zur Ergänzung des deutschen Litteraturunterrichts gern greifen, wie z. B. die Litteraturgeschichte von König von 1893, 24. Auflage, Band I. Seite 419 zur Erläuterung von Lessings „Juden" und Seite 423 von Lessings „Nathan" etwas sagt, was weder mit der Wahrheit übereinstimmt, noch christlich genannt zu werden verdient?) so kann man dem gegenüber auf eine andere, freilich weniger Auflagen zählende und leider selbst von Juden weniger gekannte "und gekaufte Litteraturgeschichte von Scherer Hinweisen, welche geistvoll und zugleich human, gerecht und billig die in Rede stehenden Meisterwerke des unsterblichen deutschen Dichters behandelt. Dazu kommt, daß diese Hilfsbücher für Litteratur nicht stritte als Lehrbücher, sondern als Hilfsschriften zu den Schulleitfäden gelten, das käme also ebenfalls hier weniger in Betracht. Wenn ferner, da eben von deutscher Litteratur die Rede, in der Tertia des Gymnasiums die Schüler jüdischer Konfession das Goethe'sche Gedicht „das Hufeisen" mit dem Hinweis auf Christus König schreibt Band I, S. 423 u. a. Zeile 11 von oben: „Der „Nathan" lehrt keineswegs Duldsamkeit gegen Andersgläubige, ob das auch wieder und wieder behauptet wird, sondern Gleichgiltigkeit in Glaubenssachen; denn nur wer einen bestimmten Glauben besitzt und übt, vermag auch Andersgläubige zu dulden — aber Nathan ist ebenso wenig ein Jude, als Saladin ein Mohammedaner oder der aufgeklärte Tempelherr ein Christ. Aber noch mehr: gegen den Christenglauben verfährt das Stück geradezu unduldsam rc." — Man beachte auch Königs Aeußerung über Freytags „Soll und Haben": Band II, S. 417, Zeile 9 von unten: „ ... Gegenüber der tendenzmäßigen /Verherrlichung des Judenthums und der Polen, welche in Poesie und Prosa so lange sich in der Litteratur breit gemacht hatte, thut es wohl, hier einmal nüchterne, lebenstreue Darstellungen des an unserem Volksmark nagenden Schmarotzerthums der jüdischen WucherundBankierwirthschaft, wie des wahren Kerns der polnischen Insurrektion anzutreffen." So in diesem Werke noch mehrere derartige Stellen! als „unser Herr" ohne Widerrede unbedingt lernen muffen, so dient die gebräuchliche' Citation der - Überschrift mit Hinzufügung „von Goethe" — dieser konnte hwhl von unserem Herrn sprechen — dieser Schulanordnung einigermaßen als Entschuldigung, und dürfte diese Forderung vielleicht nicht als eine Versündigung gegen den Geist der Parität in der Schule augerechnet werden , obgleich es ohne Zweifel frommen jüdischen Eltern schwer fällt/dieses aus dem Munde ihrer Kinder zu hören. Allein auch dieses durfte hier, weil nicht unmittelbar zur Lehrbuchfrage gehörig, füglich dahingestellt bleiben^ Niemand aber wird es in Abrede stellen können, daß als die wichtigsten Bildungs- und Unterrichtsbücher die für Geschichte und Geographie gelten und mit Recht als solche bezeichnet werden müssen. Am 27. Dezember 1895 erschien ein Erlaß des preußischen Kultusministeriums, wonach die Berliner Schulbehörde jüdische Lehrer und Lehrerinnen vom Geschichtsunterrichte ausschließen solle, mit der Begründung: Jüdische Lehrkräfte könnten die Geschichte der Ausbreitung des Christenthums und der Kreuzzüge nicht unbefangen, vortragen. Es ist viel Wahres und Falsches, Treffliches und Ueberflüssiges hierüber gesagt worden, hier sei nur zu bedenken gegeben, daß, wenn diese Begründung richtig wäre, auch katholische Lehrkräfte vom Geschichtsunterrichte auszuschließen seien, weil sie ja auch die Geschichte der „Reformation" nicht unbefangen vortragen können, daß es ferner als etwas Unerhörtes angesehen tvürde, wollte ein jüdischer Gelehrter einem christlichen Lehrer und Autor der „Geschichte Israels", und unsere Zeit ist an solchen Autoren und Lehrern von Renan bis auf Wellhausen u. v. A. nicht arm, oder einem Geistlichen, der sich über Israel, seine Lehre, Litteratur uud Geschichte in Vorträgen ausläßt, Mangel an Unbefangenheit vorwerfen. Daß die Schulbehörde die Schnlpläne entwirft und für die Verbreitung'der objektiven Wahrheit, die jeden Subjektivismus in den Hintergrund treten läßt, ihre Direktive giebt, braucht nicht erst gesagt zu werden. Abgesehen aber hiervon fragen wir: Wie verhält es sich mit den Lehrbüchern, welche in deutschen Schulen eingeführt sind, wo von Staats wegen auch Kindern deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens Folgendes zu lernen aufgetragen wird. Aus dem „Leitfaden zur Geschichte des deutschen Volkes von Dr. David Müller, achte vollständig umgearbeitete Auflage, besorgt von Professor Dr. Friedrich Junge. Berlin 1893. Seite 8, Zeile 22 von unten: „Zur Zeit des Augustus ward in dem verachteten Volke der Juden Jesus Christus geboren, den Gott selbst der Welt zum Heiland gesandt hatte. Die Juden hatten seine Sendung nicht verstanden und den Gottessohn gekreuzigt." / / In der „Weltgeschichte in Lebensbildern", nach dem neuen preußischen Lehrplane für den Unterricht bearbeitet von Karl Crüger, Rektor in Königsberg in Preußen, 6. Auflage', Danzig 1893, ist auf Seite 43 Folgendes zu lesen: „Jerusalem ward dem Erdboden gleich gemacht, und es erfüllte sich des Heilands Weissagung: „Es soll kein Stein auf dem andern bleiben." Mehr als/eine Million Juden waren ums Leben gekourmen, und mehr als 90 000 geriethen in Gefangenschaft. An ihnen war das vermessene Wort: „Sein Blut komme über uns und unsere Kinder" wahr geworden." Wohlgemerkt, das sind nicht Lehrbücher für' Christen-, sondern für alle deutschen Staatsbürger-Kinder! — Fragen wir weiter: Wie lange soll es noch gelten und zu Recht bestehen, daß man in den Lehrbüchern der Geographie die Juden anstatt in die Klassifikationsrubrik der Religionsgenossenschaften in die der Nationen stellt? Das Kind des deutschen Staatsbürgers, welches die deutsche Schule zur Liebe für Kaiser und Reich erziehen soll, wird nicht,'wie es sein müßte, bedeutet, daß die jüdische Nation im Jahre 70 n. uuterging

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