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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-07-03 · Heft 27 (3.7.1896) · p. Seite 316

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 27 (3.7.1896)
Date
1896-07-03
Page
Seite 316 (sequence 4)
Language
German
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316 tbestellt sei, als gerade in den kleinen orthodoxen Landgemeinden,, in welchen es nn dieser Beziehung oft trostlos aussehe. Auch dieser Vor- 7 trag, welcher den lebhaftesten Beifall der Versammlung fand, soll auf Grund einstimmigen Beschlusses als Flugblatt gedruckt und in Massen verbreitet'werden.. - -Bei Punkt 7 „Freie Besprechungen" .wurden -noch manche Vor- ' gänge aus dem Gemeindeleben zur Sprache gebracht, von denen ins- - besondere ein von Herrn Rechtsanwalt Burg heim - Minden vorgetragener Fall die Versammlung in hohem Maße interessirte. Wir ' werden auf die ganze Frage, die auch für weitere Kreise Interesse haben dürfte es handelt sich um eine Friedhossangelegenheit —, - nach ihrer endgiltigen Erledigung zurückkommen. Um 4!/q Uhr des Nachmittags wurde der Gemeindetag von seinem ' . Vorsitzenden geschlossen. Unmittelbar an die Verhandlungen reihte sich ein gemeinsames Mahl, an welchem, wie bereits oben erwähnt, MD . Personen Theil nahmen. Den Kaisertoast/ brachte in zündenden - Worten. und formvollendeter Rede Herr Lehrer Hartmann-Hagen : mrs, der insbesondere den durch die biblischen und talmudischen Schriften 'gebotenen und im Leben betätigten Patriotismus der Juden betonte und mit warmherziger Begeisterung von der seltenen Friedensliebe sprachdie unseren Kaiser auszeichne und die ihm in so hohem Maße die Herzen seines Volkes zugeführt habe. Jubelnd stimmte die Ver-; sammlung in das Hoch ein, welches Herr Hartmann am Schluffe seiner! Rede auf den Kaiser ausbrachte. Zahlreiche treffliche Toaste wurden noch während des Mahles gehalten; sie alle zeugten von der hohen Befriedigung, welche die Theilnehmer wegen des herrlichen Verlaufes; des diesjährigen Gemeindetages erfüllte. . Nach dem Mahle kamen noch, abgesehen von der Aufführung einiger Theaterstücke, mehrere vierstimmige Gesänge seitens des Hagener Synagogenchors zum Vortrag, welche die Versammlung mit lebhaftem Beifalle aufnahm und die für die Pflege des synagogalen Gesangs in der Hagener Gemeinde ein sehr schönes Zeugniß ablegten. Alles in allem genommen darf wohl der diesjährige Verbandstag in seinem ganzen Verlauf als vorzüglich gelungen bezeichnet werden. Dank und Anerkennung der Betheiligten für das treffliche Arrangement der außergeschäftlichen Veranstaltungen des- Tages gebührt in.hohem Maße dem Vorstande und den Mitgliedern der Hagener Gemeinde, insbesondere dem Lokalkomitee, das die sämmtlichen Anordnungen zum Feste in so schöner Weise getroffen hatte. Die Lehrbuchfrage. .Eine pädagogische Anregung von Dr. D. Leimdörfer in Hamburg. tn der wissenschaftlichen Vereinigung jüdischer Schulmänner zu Berlin hielt Rektor Dr. S. Adler jüngst einen Vortrag über das Lesebuch in der jüdischen Schule. Nach mancherlei trefflichen Ausführungen schloß der Vortragende mit der Forderung, daß sich in -den, Lesebüchern nichts finde, was irgendwie das religiöse .Gefühl der Juden verletzen könnte. In seinem historischen Rückblicke wies Adler hin auf die „Allgemeinen Bestimmungen" vom .15. Oktober 1872, ferner auf den preußischen „Ministerialerlaß" vom 18. Mai 1876, wonach die einseitige^., konfessionellen Charakter tragenden Lesebücher, wie z. B. das von Keck mch Jöhannsen, zu beseitigen seien. Des Weiteren wurde aber auch der gewaltigen Wandlung nach der Falk'schen Aera gedacht, der zufolge jüdische Lehrerkreise den Lesebüchern mit christlichem Gepräge gegenüber! Lesebücher mit jüdisch konfessioneller Färbung forderten. Mit feinen! pädagogischen Takte tritt Adler dieser Forderung entgegen , denn das Lesebuch dient nicht' dem Religionsunterrichte,. sondern , dem Unterricht im Deutschen. Es sei ja nur zu wahr, daß .für die im Rückgänge begriffene jüdisch-religiöse Erziehung die winzige Stundenzahl des nicht obligatorischen, ja selbst kaum fakultativen Religionsunterrichts nicht ausreiche, daß aber das Lesebuch, des Kindes /liebstes ,,Bilderbuchdes Idealen", äußerst wenig für die Bildung des religiösen Gefühls zu leisten vermöchte. Hierzu sei nicht das Lesen, sondern!das Leben der Religion, die Theilnahme der Jugend am religiös-konfessionellen Leben jm Hause, in der Familie und in der Gemeinde erforderlich. Auch die Schilderung eines Freitagabends, mag sie noch so poetisch sein, hilft unserer Jugend nicht, wenn der lebendige Anschauungsunterricht fehlt, wenn ein solcher Freitagabend nicht erlebt und seine Poesie empfunden wird. Hierin stimmen wir mit Dr. Adler und allen redlichen -Erziehern unserer Jugend überein. Doch dieses ist es nicht, was mich veranlaßt, das Wort zu nehmen, sondern das Folgende: ' Die Lesebttchfrage führt mich zu einer kurzen Betrachtung über - die Lehrbuchfrage, und die Herren Lehrer werden sich doch wohl nicht der Einsicht verschließen können, daß dieser in erhöhterem Grade ihre Aufmerksamkeit zuzuwenden wäre, als jener. Denn das Lesebuch ist nur ein „Bilderbuch des Idealen" oder eine Ergänzung der Bildung, der Gedanken und ihres Ausdrucks , der Sprache und des Sprachgefühls. Die Lehrbücher jedochmachen die geistige Kost selber aus, enthalten, tragen, : bilden und fördern den Stoff des Wissens. Sie dienen wie der Begriffsbildung, so auch der Erweiterung der kindlichen Vorstellungen, und machen den Boden der Erkenntniß in der Schülerseele urbar. Der psychologische Grundsatz Herbarts: „Alles in der Seele, auch das Gefühl in seiner Genesis und Entwickelung beruht auf Vorstellungen", aus welchen für die Pädagogik zu folgern sei: „Durch den Geist zum Herzen", behält seine Wahrheit alle Zeit. Der Geist ist der Schlüssel, der die Pforten des Herzens öffnet, und die aus richtigen, reichen Vorstellungen dem Geiste zufließende Wahrheit der Erkenntniß hat unstreitig den größten Einfluß sowohl auf die Veredelung des Gemüths, als auch auf die Festigung des Charakters und die Ausbreitung der Sitten der Heranwachsenden Geschlechter. Dem Wissen und der Erkenntniß aber dient die Summe der Wahrheiten, welche die Schule nicht nur durch den Geist und Mund der Lehrer, sondern auch durch die Lehrbücher vermittelt. Da die aus verschiedenen Ständen und Bekenntnissen zusammengesetzte junge Menschengruppe, die Bürger. dieser Schule, das Kontingent der zukünftigen Staatsbürger zu stellen berufen sind, wird wohl in pnneto „Lehrbuch" dem Wunsche Diesterwegs in seinem „Wegweiser" entsprochen werden müssen. In Beziehung auf die Parität der Schulbesucher sagt Diesterweg B. 1, S. 255 Folgendes: „Die öffentliche Volksschule, welche den Grund zur Jugendbildung zu legen hat, vereinigt alle Kinder des Volkes ohne Unterschied des Standes und der künftigen Bestimmung. Trennung der Kinder nach Rang, Stand und Konfession der Ellern, nach der künftigen Bestimmung der Schüler gefährdet die allgemeine Bildung der Humanität, die Erziehung der Nationalität." Es ist schwer, die Worte des großen deutschen Pädagogen lediglich auf die Volksschule zu beschränken, nicht..auch auf die anderen staatlichen Bildungsanstalten, aus die Gynckasien, Realschulen zu beziehen. Denn auch diese höheren Bildungsanstalten, ja diese, vermöge ihrer Bedeutung als zu höheren, gesellschaftlichen und humanitären Obliegenheiten verpflichtenden Vorschulen der Universität, sind noch in erhöhterem Maße Saatfelder der allgemeinen Bildung der Humanität (Humanistische Gymnasien) und der Erziehung zur Nationalität. Seitdem aber der Staat ein : paritätischer ist. d. h. nicht nur den Katholiken und Protestanten, sondern gesetzlich auch den Juden die gleichen Rechte zuerkannk, ist verfassungsmäßig ein Ab- und Ausschluß irgend einer anerkannten Konfession. bei der Erziehung und Bildung zur Humanität und Nationalität Unstatthaft. Die Lehrbücher, nach welchen die Kinder der deutschen Staatsbürger zu solchen herangebildet werden, müssen

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