Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 27 (3.7.1896)
- Date
- 1896-07-03
- Page
- Seite 315 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Entsetzlich ist die Lage der Juden in Marokko. Und da ist gar keine Aussicht auf Hilfe oder Besserung der Verhältnisse. Bei jedem Aufstand, bei allen Unruhen — ihre Quelle mag sein, welche sie wolle — sind die dortigen unglücklichen Juden das erste Opfer. Auch bei dem Aufstand in der Provinz Emsab, von. dem die Zeitungen bereits kurz berichtet, hatten die Juden in Casablanca am meisten zu leiden. Die „Kölnische Zeitung" meldet darüber: „Etwa 300 Läden und Kaufmannslager, die Häuser von Mohammedanern und Juden, sind geleert und ein Raub der Flammen geworden, wobei nicht allein die Bewohner der Burg und des Judenviertels, theils aller Kleider beraubt, umkamen, sondern sich auch die Räuber untereinander aus Habgier und Neid tobt schlugen. . Schreckliche Szenen ' ereigneten sich, und alle jüngeren Jüdinnen, Frauen und Mädchen, wurden von den Rebellen als gute Prise zum spätern Auslösen mitgeschleppt. Emsab ist etwa 13 Reitstunden von Casablanca in östlicher Richtung gelegen, es ist eine der Hauptproduktionsprovinzen für Ausfuhrartikel nach Europa und ebenso Absatzgebiet europäischer Handelserzeugnisse.. Seine Lage ist günstig, der Boden sehr fruchtbar und wasserreich. Infolgedessen hat ein großer Theil der hebräischen und mohammedanischen Kaufmannschaft von Casablanca Zweiggeschäfte in der etwa 3000 Einwohner zählenden Burg errichtet und betreibt daselbstein ergiebiges Geschäft." ■ Der sechste ordentliche Gemeindetag ' des Verbandes der Sgnagogen-Gemeinden Westfalens. f er diesjährige Gemeindetag des westfälischen Verbandes, der am 14. Juni in Hagen ab gehalten wurde, hat einen in jeder Beziehung glänzenden Verlauf genommen. Vertreten waren durch Delegirte mit 49 Stimmen die Gemeinden Bielefeld, Bochum, Dortmund, Dülmen, Gelsenkirchen, Hagen, Hamm, Herford, Hoerde, Höxter, Iserlohn, Minden, Münster, Neuenkirchen, Schmallenberg, Schwerte, Siegen, Soest, Unna, Wattenscheid und Witten. An den Verhandlungen nahmen laut Ausweis der offiziellen Präsenzliste 81 Personen Theil, an dem Festessen etwa, 130, darunter, viele Damen. Eröffnet wurde die Versammlung um 9'/2 Uhr Vormittags durch den Verbandsvorfitzenden Herrn M. Katzenstein-Bielefeld, welcher zunächst dem Vorsitzenden des Hagener Gemeindevorstandes, Herrn S. Merländer, das Wort ertheilte, der die erschienenen Delegirten im Namen seiner Gemeinde aufs Herzlichste willkommen hieß. Bei der nun folgenden Büreaubildung wurde Herr Katzenstein-Bielefeld zum ersten, Herr Steinberg-Münster zum zweiten Vorsitzenden und die Herren L. Cohen-Dortmund und M. Kaufmann-Gelsenkirchen zu Schriftführern gewählt. Zu Beisitzern berief der Vorsitzende die Herren Dr. Bo nn in-Wattenscheid, Laub heim-Bochum, Ad. Elias-Dortmund, -Jul. Weiß-Bielefeld und Nathan Levy-Hagen. Vor Eintritt in die Tagesordnung begrüßte Herr Katzenstein den als Gast anwesenden Herrn Rabbiner Dr. Bogelstein-Stettin, welchem auch die Versammlung warme. Beifallsbezeugungen spendete. Ferner gab der Vorsitzende der Versammlung Kenntniß von einem Schreiben des Vorstandes der Neuwieder Synagogengemeinde, in welchem unter Anderem die Einführung des Vogelstein'schen Gebetbuches in Aussicht gestellt rvurde. Nunmehr trat der Gemeindetag in. die eigentlichen Verhandlungen ein. Zu Punkt 1 der Tagesordnung lag ein gedruckter Rechenschafts- Bericht vor, welcher den Gemeinden bereits am 23. Mai zugegangen war. Aus der Versammlung heraus wurde eine Diskussion über denselben nicht gewünscht. Es folgte Punkt 2: Kassenbericht des Rendanten und Ertheilung der Decharge. Aüs dem von dem Vorsitzenden selbst erstatteten Berichte, der die einzelnen Positionen 'der Einnahmen und Ausgaben bis ins. kleinste Detail übersichtlich zusammengestellt hatte, heben wir nur Hervor, daß die Einnahmen im Jahre 1895/96 3264,64 Mark, die Ausgaben hingegen 2525,41 Mark betragen hatten; der Kassenbestand belief sich also am 1. April 1896 auf 739,23 Mark. Die Bücher nebst Belägen sind von den Rechnungsrevisoren geprüft und für richtig befunden worden; es erfolgte daher seitens der Versammlung die einstimmige Ertheilung der Decharge an den Rendanten. ' Besonderes Interesse brachte der Gemeindetag dem dritten Punkte der Tagesordnung, „Beschlußfassung über den seitens des Ausschusses vorgelegten revidirten Statutenentwurf für die zu gründende Beamten-. Pensionskasse des Verbandes", entgegen.. Der Referent, Herr Liebenfe ld - Bochum, legte in längeren Ausführungen noch einmal die Grundsätze dar, nach welchen der Entwurf bearbeitet worden sei, und betonte vor allem/ daß auch die seitens zahlreicher Gemeinden gemachten Abänderungsvorschläge thunlichste Berücksichtigung gefunden hätten. Nach einer kurzen Debatte, in welcher Herr Dr. Bonnin- Wattenscheidt betont, es müsse selbstverständlich dem Ausschüsse das Recht gewahrt bleiben, unwesentliche redaktionelle Aenderungen an dem Statute vor feiner definitiven Drucklegung vornehmen zu dürfen, erfolgte nunmehr die einstimmige Enbloc-Annahme des Entwurfs und damit die endgiltige Konstituirung der Pensionskasse. Das Ergebniß der Abstimmung wurde von der Versammlung mit stürmischem Beifall ausgenommen. Mit Recht hoben einzelne Redner hervor, daß schon durch diese eine That der Verband Hevorragendes geleistet und unbedingten Anspruch auf. die Unterstützung seitens aller wahren Lehrerfreunde sich erwdrben habe. In der That dürfte der am 14. Juni in Hagen gefaßte Beschluß in seinen Folgen wohl als das bedeutendste Ergebniß der gesammten seitherigen Verbandsthätigkeit zu betrachten sein. Besonderer Dank für das Zustandekommen dieses Werkes gebührt aber in erster Linie dem Ausschußmitgliede Herrn M. Liebenfeld-Bochum, welcher die ganze Materie bearbeitet und keine Mühe gescheut hat-um sie zu einem ersprießlichen Ende zu führen. Nunmehr erhielt das Wort Herr Rabbiner Dr. Vogelstein- Stettin zu seinem Vortrage: „Schule und Haus in ihrer Wechselbeziehung." Die Versammlung folgte den Ausführungen des Redners, die des Anregenden und Belehrenden außerordentlich viel boten, mit gespannter Aufmerksamkeit und spendete ihm am Schluffe lebhaften> anhaltenden Beifall. Wir können uns um so mehr versagen, auf den Vortrag selbst hier näher einzugehen, als derselbe laut Beschluß des Gemeindetages gedruckt und als Flugschrift verbreitet werden soll. - Zu Punkt 5 der Tagesordnung : Antrag der Synagogen- Gemeinde Minden, die einheitliche Regelung des Beginns bezw. Aufhörens der Kultussteuerpflicht für zu- und abziehende Gemeindemitglieder betreffend, ergriff zunächst Herr Rechtsanwalt Burgheim-Minden das Wort, welcher in längeren Ausführungen die Unzuträglichkeiten schilderte/ die aus der heute bestehenden Ungleichheit in der Erhebung der Kultussteuern bei zu- und abziehenden Gemeindemitgliedern insbesondere den kleineren Gemeinden erwachsen. Referent sprach die Hoffnung aus, daß durch die Annahme des Antrages Minden wenigstens für Westfalen die Beseitigung der zu. Tage getretenen Mißstände angebahnt werde. Im Verlaufe der nun folgenden Debatte wurden mehrere neue Anträge, eingebracht, von welchen schließlich, unter Ablehnung aller, übrigen der Antrag S chüler-Bochum angenommen wurde. Derselbe lautet: „Der Gemeindetag ersucht den Ausschuß, den Verbandsgemeinden die gleichmäßige Gestaltung, also eventuelle Abänderung ihres Statuts in'dem Sinne zu empfehlen, daß die Beitragspflicht zur Kultussteuer für zubezw. wegziehende Gemeindemitglieder mit dem Zeitpunkte beginne bezw. aufhöre, mit welchem die Kommunalbesteuerung beginnt bezw. ihr Ende erreicht." Hierauf wurde Punkt 6 der Tagesordnung bis nach Erledigung der Punkte 7 und 8 zurückgestellt. 7 wählte die Versammlung einstimmig Münster zum Vororte des nächstjährigen Verbandstage^ und ad 8 ebenfalls einstimmig Herrn Dr. Coblenz -Bielefeld zum Delegirten für den am 21.. Juni in Berlin stattfindenden siebenten ordentlichen Gemeindetag des D. I. G. B. - Nunmehr hielt Herr Dr. Coblenz in Erledigung des Punktes 6 feinen Bortrag über „den Verband und seine Gegner". Er wies' in seinen Ausführungen die Behauptungen der Orthodoxie über die religiösen Zustände in Westfalen" mit Entschiedenheit zurück, indem er die Thätigkeit des Verbandes und ihre segensreichen. Folgen auf den verschiedensten Gebieten des religiösen Lebens, inbesondere auch des Unterrichts, darlegte; gleichzeitig betonte er unter Anführung von Thatsächen, daß es um den Religionsunterricht nirgends schlechter