Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 26 (26.6.1896)
- Date
- 1896-06-26
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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imStillenaber die größten Opfer für.seine idealen Bestrebungen brachte, die leider nur zu oft verkannt wurden. Vor einigen Jahren, gründete Dr. Schlesinger das Frauen-Krankeninstitut „Charite" in der Schwqrzspanierstraße; Tausende unglücklicher, armer Frauen fanden in demselben Heilung und Rettung, und rührend waren die Szenen, die sich oft in den Räumen des Instituts abspielten. Die armen Patientinnen verehrten den Arzt abgöttischund dankten ihm unter Thränen für die Hilfe, die er ihnen hatte zN Theil werden lassen. Dr. Schlesinger unterstützte die kranken Frauen auch materiell; er brachte die bedeutendsten Opfer für das Institut, und sein größter Schmerz war es, daß das Institut, das sich im Uebrigen des besonderen Wohlwollens der Gattin des Statthalters, Gräfin Kielmansegg, erfreute, in den begüterten Wiener Kreisen nicht die Anerkennung fand, welche es verdiente. Dr. Wilhelm Schlesinger war im Jahre *839 in Tönnye in Ungarn geboren, absolvirte die medizinischen Studien in Wien, wurde 1864 zum Doktor der Medizin promovirt und habilitirte sich 1874 als Privatdozent für Gynäkologie, in welchem Fache er bald eine Autorität wurde. Dr. Schlesinger war auch journalistisch — er war Mitglied.der „Concordia" — hervorragend thätig. Anfangs Mitarbeiter des „Wanderer", gründete er im Jahre 1877 die „Wiener Medizinischen Blätter", in denen er mit scharfer Feder für das, was er als recht erkannte, mit Begeisterung kämpfte. — Ein sehr seltsames Schwurgerichtsurtheil wird aus Grodzicko in Galizien mitgetheilt. Im MonäE^ März wj!rde der 30 Jahre alte jüdische Hausirer Jakob Thei von dem Bauein Wojtek Sack in Grodzickogorno ermordet. Der Bauer war dem Hausirer einen geringen Betrag schuldig, wurde verklagt und zur. Zahlung verurtheilt. Der Hausirer bewilligte dem Bauer die Tilgung der Schuld in Ratenzahlungen. Im März erschien der Hausirer, um seinen Restbetrag von 2 fl. einzufordern; der Bauer wünschte diesen Betrag geschenkt,und als der Hausirer sich weigerte, ergriff der Bauer einen Holzwalk und versetzte dem Juden damit einen Hieb'derart auf den Kopf, daß er sofort niedersiel. Der unglückliche Hausirer raffte sich noch auf, lief zu einem christlichen Nachbarn, um ihm den Vorfall zu berichten, worauf er dann sein Leben aushauchte. Er hinterläßt eine arme Wittwe mit fünf unversorgten Kindern. Gegen den Mörder fand vorige Woche in Rzeszwo vor.dem Schwurgericht die Schlußverhändlüng statt. Er wurde von den Geschwornen freigesprochen. R. Budapest, 20. Juni. Neben der in der Millenniumsausstellung befindlichen Sammlung von kirchlichen. - Antiquitäten und Reliquien aus Ungarn und seinen Nebenländern nehmen'die von jüdischen Gemeinden und Privaten ausgestellten kostbaren Gold- und Silbergeräthe für den synagogalen und häuslichen Gebrauch nur einen sehr bescheidenen. Platz ein. Nächst der Altofner, Pester, Groß-Kanizsaer israelitischen Religionsgemeinde haben viele Privatleute gern ihre Kunstschätze für diese Abtheilung hergegeben. So finden wir beispielsweise aus dem Besitze des Grafen Gsza AndrLssy drei verschiedene Schmucksachen zum . Schmücken der Thora. Hieran reihen sich Antiquitäten, die die Beachtung des Publikums in ausgedehntem Maße verdienen. Mit Bedauern müssen wir es aber konftatiren, daß sich zahlreiche Gemeinden, die über wahre Schätze von Kunstgegenständen verfügen, an her Ausstellung von synagogalen Geräthschaften nicht betheiligen wollten. Aus der Fülle des Gebotenen wollen wir hervorheben: einen aus dem 16. Jahrhundert stammenden, theilweise vergoldeten Becher mit Arabeskverzierungen und einer schönen hebräischen Inschrift, ein in Naschischrift geschriebenes Sidurmanuskript mit kabbalistischen Glossen, die .im 16. Jahrhundert dem Texte beigefügt wurden, ein Pergament - Manuskript (Megilla) mit farbigen Randzeichnungen; eine Sammlung von Gesang- und Gebetbüchern der Sabbatheriäner, zahlreiche Becken, Kannen, Gewürzbüchsen, Leuchter, Vorhänge, Prunkgegenständefür die Thora und Bundeslade u. a. m. Die eingehende Beschreibung dieser Sammlung erschwert der vollständige Mangel eines Katalogs, der erst jetzt unter der Presse ist. Großbritannien. B-8. London, 14. Juni. Die Anglo Jewish Association und der Board of delygates haben gemeinsam an den neuen Schach von Persien eine Adresse geschickt folgenden Wortlauts: „Mozaffer- Ed-Din, dem mächtigen Herrscher von Persien, erhaben durch. Ruhm und Frieden. Wir, das Londoner Komitee der Deputirten. der britischen Juden und der Anglo Jewish Association, nahen uns ehrfürchtig Eurer Majestät im Namen der Juden des britischen Kaiserreiches, welche wir repräsentiren, um den Tribut unserer antheilsvollen Trauer darzubringen wegen des tragischen Todes Eurer Majestät verstorbenen Vaters, dessen Ruhm als der eines gerechten freundlichen und toleranten Herrschers sinh in jedes Land verbreitet hat. Wir gratuliren Eurer Majestät zur Besteigung des glorreichen Thrones von Persien, und wir hoffen in Ergebenheit, daß Eurer Majestät, wie Eurem Vater, eine lange und glückliche Regierung blühen möge, glücklich in dem Besitze der Liebe und der Ächtung Ihrer Ünterthanen und dem Respekt und der Bewunderung der fremden Nationen. Unser Interesse an Persien erklärt sich durch die Thatsache, daß es dort eine große Anzahl von unseren Glaubensgenossen giebt. Wir wissen sicher, daß Eure Majestät jüdische Ünterthanen wie . bisher sich auszeichnen wollen als loyale, fleißige und friedliche Bürger und daß sie mit den anderen Ünterthanen und anderen Glaubensgenossen wetteifern wollen in der Ergebenheit für Eurer Majestät Thron und Person und in ihrem Eifer für die Wohlfahrt des* Staates. Wir hoffen ernstlich, daß Eure Majestät ihnen dasselbe Maß von Gunst und Schutz zuertheilen werden, welches sie unter, der Regierung Eurer Majestät verstorbenen Vaters genossen haben. Wir beten glühend für Euer Majestät langes Leben, Gesundheit und Glück, für die Sicherheit ihrer Dynastie und für die stets wachsende Wohlfahrt der weiten Länder, über deren Schicksale zu entscheiden Eure Majestät berufen sind, Unterzeichnet Joseph Sebag Montesiore, Claude G. Montefiore, David Lindo Alexander, Rothschild, M. Castello, Albert Sassoon." Rußland. L. T. Odessa, 13. Juni. Am 28. v.M. feierte Herr Nathan Perelstein, Direktor des hiesigen jüdischen Waisenhauses, sein 25jähriges Amtsjubiläum, verbunden mit dem 40jährigen Jubiläum seiner pädagogischen Thätigkeit. Das Waisenhaus ist, dank seiner tüchtigen und umsichtigen Leitung, eines der schönsten Anstalten im ganzen Reiche. Im Hamen des Stadthauptmanns General-Lieutenant Seleny erschien, sein Kayzleichef Herr Kasarinow und überbrachte dem verdienstvollen Jubilar eESHreiheü. von Sr. Exzellenz folgenden Inhaltes: „Geehrter Herr ^KEsiein! Ihre Amtsthätigkeit als Aufseher des jüdischen Waisen- KUses im Laufe der verflossenen 25 Jahre zeichnete sich durch Ihren Wspielswerthen Eifer und durch Ihre besondere . Liebe zur Erziehung der" Ihnen anvertrauten Waisen aus. Deshalb erachte ich es für eine angenehme Pflicht, Ihnen meinen herzlichsten Dank dafür auszudrücken, von dem Wunsche begleitet. Sie mögen noch viele Jahre Ihren Dienst fortsetzen. General-Lieutenant Seleny." Schriftliche Gratulationen erhielt Herr P. vom früheren Stadtrathe General Mintschiaky und noch vielen Anderen; Depeschen aus Moskau vom dortigen Bürgermeister Prof. Ligin und dem früheren Bürgermeister Geheimrath Marasly. Persönlich erschienen das gesummte Kuratorium des Waisenhauses, die Vertreter der „Talmud-Thora", wo der Jubilar viele Jahre hindurch Dirigent war, der Palästina-Gesellschaft, des isr. Lehrervereins und viele persönliche Freunde, die Herrn P. als eifrigen und pflichttreuen Beamten der Gemeinde schätzen. Im Saale waren die Waisenknaben und Waiseninävchen der Anstalt wie der landwirthschaftlichen Farm und die gesammtem Lehrerkörper versammelt. Herr P. wurde vom Chore mit einer KäNtate, die zu seinem Jubiläum komponirt wurde, und mit Bravorufen der Anwesenden begrüßt. Dann näherten sich ihm die Deputationen der verschiedenen Anstalten, den Jubilar herzlichst beglückwünschend. Das Kuratorium des Waisenhauses übergab eine große Kiste, ein silbernes KWeöserviee enthaltend; die Vertreter der „Talmud-Thora" ein silbernes Theeserviee; die Amtskollegen eine photographische Gruppe in lila Sammet und in goldener Umrahmung; die Mädchenwaisen eine ähnliche Gruppe in blau Atlas und versilberter Verzierung; die Zöglinge der landwirthschaftlichen Farm eine Gruppe mit Inschriften; außerdem übergaben die Lehrer, der Waisenanstalt., dem Jubilar eine Adresse,- die vom Künstler Manilam verziert wurde; die Schuhmacherabtheilung ein Paar Morgenschuhe mit Silber garnirt; die Tischlerwerkstatt einen Tisch und Kasten; die Näherinnen ein Kissen aus Plüsch in wundervoller Arbeit. Besonders originell. war das Geschenk der landwirthschaftlichen Farm: ein nicht sehr großer Pflug auf vertrockneter Erde hingestellt, in der die erste tiefe Furche eingeführt wurde; der Pflug enthält folgende Inschrift: „Dem Arbeitsamsten". Die. früheren Zöglinge dieser Musteranstaltbrachten ein prachtvolles Album dar. Nachdem alle Deputationen i