Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 26 (26.6.1896)
- Date
- 1896-06-26
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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kleinste Schule in der preußischen Monarchie dürfte wohl die israelitische Volksschule in U sch sein; sie zählt nur vier Schulkinder. a°o Hamburg, 21. Jmri. Der Isr a e l i L i s ch e S t e l l e n v e rmittelungs-Verein hielt am II. d. M. im Hotel Continental seine diesjährige Generalversammlung ab. Der Vorsitzende erstattete einen kurzen Geschäftsbericht und betonte, daß das Resultat der Besetzung von Handwerkerstellen, welcher der Verein ebenfalls seine Aufmerksamkeit widme, leider ein schlechtes sei. Dagegen sei als erfreulich hervorzuheben, daß der Düsseldorfer Verein, welcher sich speziell' mit Erziehung von Handwerkern unter Heilighaltung der.Feiertage befasse, recht gute Resultate erzielt habe. Was die Besetzung der kaufmännischen Stellen anbelangt, so ist diese im Vergleiche zum vorigen Jahre etwas zurückgegangen, was einerseits an den schlechten Geschäftsverhältnissen, anderD seits aber hauptsächlich daran liegt, daß die Kenntnisse der meisten bei uns gemeldeten Bewerber den geforderten Ansprüchen nicht genügen; dadurch geschieht es, daß die von dem Verein den Chefs unterbreiteten Offerten häufig als unbrauchbar zurückkömmen. Deshalb müssen diejenigen jungen Leute, .welche sich dem Kaufmannsstande widmen wollen, wiederholt darauf hingewiesen werden, sich möglichst viel Wissen, namentlich Sprachkenntnisse, welche besonders für bessere Geschäfte heutzutage durchaus erforderlich werden, anzueignem Bon 256 Vakanzen, für die 145 Bewerber vorhanden waren, wurden 44 besetzt, und zwar 29 Commis und 1°5 Lehrlinge. Von den Bewerbern haben 62 ihre Bewerbung zurückgezogen, so daß also noch 39 Bewerber gemeldet bleiben. Unerledigt waren am Schluffe des Geschäftsjahres noch 28 Commis- und 41 Lehrlingsvakanzen, für die, wie bereits erwähnt, theils passende Bewerber fehlten, theils noch Unterhandlungen schweben. Im Ganzen sind dem Verein im Laufe seines nunmehr fünfjährigen Bestehens 1177 Vakanzen für Commis und Lehrlinge gemeldet, gegenüber 788 Bewerbern. Von diesen sind bis Schluß des Geschäftsjahres 256, also gerade ein viertel Tausend, durch Besetzung erledigt worden. Die Kassenverhältnisse stellen sich gegen voriges Jahr um ea. M. 90,— besser. Die Einnahmen an Mitgliederbeiträgen betrugen M. 1085,60, denen die Ausgaben für Portis, Miethe, Drücksächen, diverse Neuanschaffungen an Mobiliar re mit M. 1065,91 gegenüberstehen, so daß mit dem vorigen Saldo von M. 390,44 eiwKasMbestand von M. 4t 1,14 verbleibt. Der Bericht schließt mit dem Wuns^ eines ferneren Gedeihens des Vereins und mit der Bitte an. M Interessenten, diese Bestrebungen zu unterstützen, speziell durch fortlaufende Mittheilung über alle bekannt werdenden Vakanzen, ferner mit dem Hinweis, daß tüchtige Bewerber stets mit Leichtigkeit durch den Verein plaeirt werden können und sich nicht von einer Bewerbung zurückhalten lassen sollen. Bei Punkt 2 der Tagesordnung werden die laut § 9 der Statuten ausscheidenden Vorstandsmitglieder Rosenstock. Zuckermann und Alifeld per Akklamation wiedergewählt. * Fronhaufen, 20. Juni. Die hiesige Synagogengemeinde beging Heute die Einweihung ihres Gotteshauses, eines vor kurzem erstandenen Gebäudes. Leider mußte es sich die Gemeinde versagen, wegen der für sie unerschwinglichen Opfer, die Einweihung nach der sonst üblichen Weise zu begehen. Es war mehr eine innere Feier, die sich ernst und würdig gestaltete; mußte doch fast jede Familie einer geliebten Heimgegangenen Seele gedenken, die diesem Augenblicke sehnsüchtig entgegen gesehen hatte. Nachdem vom Herrn Vorsteher Bachenheimer Worte des Dankes der Gemeinde für die Mitarbeit und Mitsorge übermittelt und sie gebeten worden war, ihn ferner in seinem Bestreben für Gemeindewohl zu unterstützen, hielt Herr Lehrer Höxter die Festrede, welcher als Text die Worte im 62. K. Jes. V. 5 zugrunde lagen. Der FestMx ging ein von Herrn H. verfaßter und vorgetragener, die Gemeindeoerhältniffe treu wiedergebender und hübscher Prolog voraus. A. Karlsruhe, 22. Juli. Am 31. Mai d. I. fand in der schönen neuen Synagoge zu Pforzheim eine Gesangsaufführung der Synagogenchöre Karlsruhe, Mannheim, Pforzheim und Bruchsal statt. Die Gesammtchöre, deren vier zur Aufführung gelangten, wurden von Herrn Hofkapellmeister Langer aus Mannheim, die vier Spezialchöre von den betreffenden Chordirigenten geleitet. Die Leistungen verdienen als sehr gute, zum Theil als vorzügliche bezeichnet zu werden. Unter dem anwesenden Publikum bemerkten wir als Vertreter des Oberraths Herrn: Regierungsrath Dr. Mayer und Herrn Synagogenraths - Vorsteher Dr. Seeligmann aus Karlsruhe, von Rabbinern waren Herr Stadtrabbiner Dr. Appel und Herr Rabbiner Dr. Sander aus Karlsruhe erschienen. Wir können nur wünschen, daß derartige Veranstaltungen, die zur Förderung des Synagogengesanges bedeutend beitragen, sich in jedem Jahre wiederholen. Den Mitgliedern der mitwirkendew Vereine aber gebührt für ihre nicht geringen Bemühungen aufrichtigster Dank. *** Ans Baden, 25. Juni Die „Vereinigung Badischer Israeliten" in Karlsruhe hat sich veranlaßt gesehen, an Herrn Oberst a. D. Rheinau hier ein Schreiben folgenden Inhalts zu richten: Karlsruhe, den 10. Juni 1896. Euer Hochwohlgeboren! Wie wir durch eine Zeitungsnotiz erfahren haben, haben Euer Höchwohlgeboren in einer vor Kurzem anläßlich der hiesigen Gemeindewahlen stattgehabten Versammlung eine Aeußeryng gethan, deren Sinn war, kein Jude gehöre aufs Rathhaus, die, Juden seien eine internationale, keines Patriotismus fähige Gesellschaft, welche ein Deutscher und Nationalliberaler nicht zu einem solchen Ehrenamte wählen könne. Die Unterzeichnete Vereinigung der badischen Israeliten legte gegen diese unbegründete Behauptung energischen Protest ein. Es ist ja bedauerlicher Weise selbst hier in Karlsruhe, einer Stadt, in welcher seit ihrer Gründung Juden wohnen und in welcher unsere Glaubensgenossen in Vaterlandsliebe und Treue gegen den Landesherrn den Airgehörigen der anderen Konfessionen niemals nachgestanden haben, schon vorgekommen, daß derartige aufreizende, den Klaffen- und Rassenhaß schürende,'allgemeine Verdächtigungen zu Parteizwecken erhoben wurden. Allein es ist doppelt bedauerlich,''daß wir dieselben jetzt auch aus dem Munde eines Mannes hören, der ein ] hervorragendes Mitglied einer nationalen und stäatserhaltenden Partei ist, einer Partei, welche seit ihren ersten Anfängen eine ganze Reihe von Israeliten zu ihren Mitgliedern zählt. — Es ist unrichtig, daß zwischen den deutschen und nichtdeutschen Juden — abgesehen vou dem gemeinsamen Religionsbekenntniß — irgend ein anderes, sie einigendes Band besteht, so wenig wie dies zwischen unseren evangelischen oder katholischen deutschen Mitbürgern und den außerdeutschen Angehörigen dieser Konfessionen der Fall ist. Wir sind und fühlen uns durch und durch als Deutsche. Wir erfüllen freudig die uns als solchen obliegenden Pflichten, und gerade Euer Hochwohlgeboren, als altem Soldaten, dürfte es bekannt sein, daß die deutschen Israeliten genau ebenso wie ihre christlichen Mitbürger für die deutsche Sache mit ihrem Leben eingestanden sind. Wir erlauben uns. Ihnen beifolgend ein — bei weitem nicht vollständiges — Verzeichniß von Israeliten zu überreichen, welche in den letzten Kriegen für die deutsche Sache gefallen sind oder geblutet haben. Schon hieraus werden Sie entnehmen können, wie unverdient der von Ihnen den deutschen Israeliten gemachte Vorwurf der Vaterlandslosigkeit ist. Euer Höchwohlgeboren werden aber auch ermessen können, wie sehr durch eine derartige allgemeine, durch nichts zu erweisende und einer ganzen Klasse von deutschen Staatsbürgern zugefügte Kränkung die hierdurch Betroffenen sich in ihrem Ehrgefühl verletzt fühlen müssen. Die deutschen Juden werden sich selbstverständlich trotz derartiger verletzender Beurtheilungen in Erfüllung ihrer staatlichen und bürgerlichen Pflichten in keiner Weise beirren lassen. Um so mehr müssen sie aber Verwahrung einlegen gegen jede Bezweiflung ihrer Vaterlandsliebe und ihres deutschen Staatsbewußtseins. Hochachtungsvoll Vereinigung Badischer Israeliten, (gez.) Seeligmann. Seiner Hochwohlgeboren Herrn Eugen Rheinau, Oberst a. D. Hier, Akademiestraße 69." Eine Antwort auf dieses Schreiben ist seither nicht erfolgt. Oesterreich-Ungarn. □ Wien, 22. Juni. Wie ich Ihnen bereits berichtet habe, wird in diesem Jahre — und wenn die Zustände dieselben bleiben — wohl noch in manchem kommenden, in Wien kein Saatenmarkt mehr abgehalten werden; welch unberechenbarer Schaden den Wiener Geschäftsleuten daraus erwächst, mögen sich Diejenigen merken, die diese Zustände herbeigeführt. — Der Herausgeber eines antisemitischen Blättchens, Johann König, wurde wegen Verleumdung des Armenrathes in Ottakring, Herrn Sylvester Schieder, zu einem Monat Gefängniß verurtheilt. — Der Kaiser hat dem Handelsbeisitzer bei dem Landesgerichte in Brünn,'David Mandl, den ihm für die Dauer dieser Funktion verliehenen Titel eines kaiserlichen Rathes auf Lebensdauer belassen. — In Böslau ist der Frauenarzt und Privatdozent für Gynäkologie an der Wiener Universität, Dr. Wilhelm Schlesinger, nach langem Leiden gestorben. Ein edler, herzensguter Mensch ist mit Dr. Schlesinger dahingegangen, ein Philanthrop, der die Reklame der Wohlthätigkeit scheute.