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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-06-26 · Heft 26 (26.6.1896) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 26 (26.6.1896)
Date
1896-06-26
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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vorbeidefilirt, trat ein Schüler des Waisenhauses hervor und richtete an den Jubilar eine ergreifende Ansprache, die Alle zu Thränen rührte; in dieser Rede wurde der würdige Jubilar als höchst humaner ErziehÄ, als „Vater und Ernährer" der Waisen charakterisirt. Außer allen diesen Geschenken übergab^ das Kuratorium Herrn Perelstein zu seinem Jubeltage den jährlichen Betrag seines Gehaltes. Hierauf fand ein Festessen statt. Der erste Trinkspruch galt dem Herrscherpaare, der mit Enthusiasmus ausgenommen wurde; der Chor der Zöglinge stimmte darauf die Nationalhymne an; es wurden sodann Toaste auf das Wohl des Stadthauptmanns, des Kurators des Lehrbezirks, des Direktors und Inspektors der Volksschule und noch mehrerer andere ausgebracht. Von den gehaltenen Reden, die das Wirken des Jubilars schilderten. Heben wir besonders die des Kurators Bänquier Ehayes und des um die hiesige! Gemeinde und das russische Judenthuin vielfach verdienten gelehrten Rechtsanwalts Morgulies hervor. . ' ' ..-v*" ■ Amerika. H B. New-Aork, Ende Mai. Ein Exempel amerikanischer Reform!; In Charles ton, Süd - Karolina, einer der ältesten Gemeinden Amerikas, gegründet 1750 von portugiesischen Juden, zugleich die erste Gemeinde, ' welche im Jahre 1842 eine Reform des Ritus einsührte, deren Resultat ein Prozeß um das Besitzrecht an der Synagoge war, hatte damals den „Portugiesen" Poznansky zum Minister, dem damals der Führer der Orthodoxie, Isaak Leeser in Philadelphia, vorwarf, er (P.) habe sein (L.) Vertrauen getäuscht, da L. ihm nicht die Schächter-Autorisation erth eilt hätte, wenn er hätte ahnen können, daß der auf diese Art zum religiösen Lehramte approbirte Kandidat dieses Vertrauen mißbrauchen, das Alenu in englischer Sprache rezitiren und das Orgelspiel in der Synagoge gestatten würde. Der so getäuschte Konsistorialpräsident war im Alter von 16 Jahren als Kaufmannslehrling hier eingewandert. Was würde der arme Leeser heute sagen, wenn er folgende in einem von dem gegenwärtigen Rabbiner von Charleston, Barnett' A. Elzas, herausgegebenen Religions-Lehrbuche, enthaltene Stelle'lesen.würde?: „Manche Leute behaupten-daß die BDel die Offenbarung des göttlichen Willens an die Menschheit enthält.-/GM j können diese Anschauung nicht acceptiren. Wir betrachten die Bibel blos als eine Sammlung der hebräischen Litteratur eines bestimnAn Zeitalters." (!!) — Fräulein Caroline I. Bar tlett, Pastor der unitärischen i Gemeinde, Peoples Church in Kalamazoo, Michiganpredigte in . M Chicagoer Sinai-Synagoge am 10. Mai d. I., während Rabbiner Dr. Hirsch an demselben Tage in ihrer Kirche predigte. Dr. Hirsch hgt in seiner Agitation gegen die Korruption der städtischen Verwaltung bei den letzten Munizipalwahlen große Erfolge errungen und wurde von der republikanischen Partei im Staate Illinois als Wahlmann für die kommenden Präsidentenwahlen nominirt. Das Amt eines solchen Wcchlmannes ist zwar ein blos formelles, da das Resultat schon durch die Urwahlen feststeht, gilt aber als eine hohe Auszeichnung. Non Nah und Fern. ' — Mit militärischen Ehren wurde am 17. b. Mts. auf dem jüdischen Friedhofe in Weißensee der Pionier der Militär - Luftschifferabtheilung Strauß beerdigt, der am Sonntag beim Baden im Mariendorfer See ertrunken war. Ein Lieutenant, zwei Unteroffiziere und 30 Mann erwiesen dem Verunglückten, der im ersten Jahre dienttz die letzten Ehren. — Einer der ältesten Bürger Berlins, der Rentier I. Stadthagen, ist am 17. d; Mts. hier im 99. Lebensjahr gestorben.— Am 8. d. Mts. ist der ehemalige Schuldirigent Dr. Wolf Mattersdorf, Mitbegründer der Humanitas - Loge in Gleiwitz, im 66. Lebensjahre gestorben. — Der Badearzt in Charlottenbrunn, Geh Sanitätsrath Dr. MorM Neisser, ist am 18. d. Mts. im Alter von 76 Jahren gestorben. — In Kar buch (Unterfranken) starb tief betrauert der Lehrer Esch Wege. Er hat drei'Menschen vom Tode des Ertrinkens gerettet und hat dafür s. Z von König Ludwig' II. das Heimathrecht unentgeltlich erhalten. Seine/ Tochter, jetzt Frau Rothschild in Frankfurt a. M., erhielt das eiserne Kreuz nebst einem Dankschreiben vom Kaiser Wilhelm I. wegen der hervorragenden Leistungen bei dev Krankenpflege 1870/71, ein Zeichen, wie vortrefflich Herr' Eschwege seine Kinder erzogt Ein Sohn "ist Hauptlehrer' in Höchburg, ein anderer Lehrer in Thüngen. — Der Kaiser von Oesterreich'erschien am 16d, Mts. in dem Palaste der Akademie der Wissenschaften, wo für den Maler Leopold ' Horowitz ein mit dem größten Komfort äusgestattetes Atelier eingerichtet worden ist. Der Kaiser saß dem Meister zu einem - Porträt zwei volle Stunden und unterhielt sich während dieser Zeit mitdem Künstler in sehr angelegentlicher Weise. Der Kaiser wird während seines Aufenthaltes in Budapest Herrn Horowitz noch' einige Sitzungen gewähren. — Eine Abordnung der Kommission des ungarischjüdischen Landesfonds, aus dessen Mitteln an der Ludövica- Akademie Stiftungsplätze errichtet wurden, drückte dem Kaiser Franz Josef den tiefgefühlten Dank für die Huld aus, 'daß der König zu gestatten geruhte, daß diese Stiftungsplätze den Namen „Franz Josef-Stiftung" führen dürfen. Der König... Monte in seiner Antwort, daß diese Stiftung eine nothwendige und nützliche sei. Moriz Balüzs. Adolf Fripyessy und Karl Kussner wurden durch Verleihung des ungarischen Adels ausgezeichnet. — Allgemein war die Nachricht verbreitet, daß der jüngst verstorbene Jules Simon jüdischer Abstammung gewesen sei. Das ist unrichtig. Er stammte aus einer katholischen Familie und hieß eigentlich Jules Suisse. Aber erst später legte er sich den, Vornamen seines Vaters Simon als Familiennamen bei; "wohl aber war Jules Simon ein warmer Freund der Juden und hat fürdiese in dDr Kampf gegen den Antisemitismus wiederholt entschiedene Partei genommen. Sowohl als Kultusminister, wie als Minister des Inneren 1876 wählte er Juden zu seinen Kabinetchefs: Eugene Manuel und Leon Cohn. Einer seiner Söhne war mit einer Jüdin verheirathet. — Den Orden der Ehrenlegion hat Madame Fu rtado-Heine in Paris erhalten. Außerdem folgende Herren: Arthur Amson, Fabrikant, Paul Dreyfuß-Bing, Staatsrath Camille Lyon, der frühere Präfekt M. Säe. - Der Mnsikprofefsor am Pariser Konservatorium M. Dannhauser, der zugleich Inspektor sämmtlicher Eesangschulen der Stadt war, ist daselbst im Alter von 61 Jahren gestorben. — Bei dem Untergang des Drummont Castle haben auH folgende jüdische Passagiere ihren Tod gefunden: L. E. Phillips, M. Samuel, Frl. Abrahams,' Herr und Frau Lange, - Frau. Morris, Frau und Fräulein Barnett, M. Goldman, Frl. Harris, Ml Jacyby, A. Cohen, M. Morris, Herr und Frau van Minden. ' — Die von Dr. Theodor Herz l in Aussicht genommene Gründung der „Jewish Society" dürfte nächstens in London zu Stande kommen. Anfangs Juli findet im „Maccabi-Club" ein Meeting statt, bei dem Dr. Herzl sein Organisationsprogramm auseinandersetzen und aus den hervorragendsten jüdischen, zionistisch gesinnten Notabilitäten ein Komitee der „Jewish Society" schaffen wird. — Aus New-Iork berichtet man über die großen Erfolge, welche Frl. No sali e Loew, eine Enkelin des berühmten Rabbiners s. A. in Szegedin, als weiblicher Rechtsanwalt' daselbst erzielt. Die erst 22jährige junge Dame ist die Partnerin ihres Bruders, .der gleichfalls Rechtsanwalt ist. Außer ihr praktizirt noch Fräulein Jsaacs ebenfalls als Rechtsanwalt in New-Jork. — Der ehemalige Pariser Antisemitenhäuptling, Marquis de Mores, ist in der Sahara von Tuaregs ermordet worden. In Paris spielte er lange die Nolle des antisemitisch-sozialistischen Heilsapostels und war einer der Haupthelden der meist mit Prügelei endenden antisemitischen Versammlungen in Tivoli-Vauxhall. Er schrieb yuch Artikel für die „Libre Parole", die mehr durch groteske Heftigkeit als durch Talent ausgezeichnet waren. Einer dieser Artikel, welcher die jüdischen Offiziere der Armee angriff und Seitenhiebe auf bestimmte Persönlichkeiten enthielt, veranlaßte den Kapitän Mayer, Morös zu fordern. /Bei hem Duell erstach Mores seinen Gegner. Da mehrfach behauptet wurde, Mores habe gegen die Fechtregeln gehandelt, wurde er vor die Geschworenen . gestellt, aber freigesprochen. — Aus Tanger wird, vom 17. d. M. gemeldet: Bon Casablanca eingetroffene Briefe melden, daß der Sultan, um den Khalifen des A'Cab-Stammes zu bestrafen, eine Truppenabtheilung gegen diesen aussandte. Der Stamm, wehrte sich gber, und viele Soldaten des Sultans wurden getödtet. Der Pöbel plünderte Jellah und entführte einige Jüdinnen, um sie als Geiseln zu benutzen. ' Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. , Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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