Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 26 (26.6.1896)
- Date
- 1896-06-26
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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60. Jahrgang. Nr. 26. .• Berlin, 26.Zum 1696. Weilage zurr „Atlgerneinen Heilung öes IuöenIHuws". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland L2 Berlin, 23. Juni. Wie wir bereits gemeldet, haben die Mitglieder der Charlottenburger Religionsgemeinde an den Vorstand und die Repräsentanten der jüdischen Gemeinde eine Petition gerichtet. Dieselbe lautet folgendermaßen: „Nach § 1 der Statuten der jüdischen Gemeinde in Berlin umfaßt der Bezirk derselben außer dem . Kommunalbezirk von Berlin auch alle zu dem weiteren Bezirke des Polizeipräsidiums zu Berlin gehörigen Ortschaften, darunter also auch Charlottenburg. Infolgedessen steuern auch aus dieser Stadt rund 800 Glaubensgenossen an die jüdische Gemeinde, in Berlin. Nach § 2 der genannten Statuten ist die jüdische Gemeinde in Berlin v erpflichtet, Anstalten für den öffentlichen Gottesdienst, den Religionsunterricht der Jugend, sowie für die Bestattung der Tödten je nach dem Bedürfniß zu unterhalten; in gleicher Weise ist sie zur Unterhaltung derjenigen Anstalten verpflichtet, welche für anderweitige, durch religiöse Vorschriften angeordnete Zwecke gegenwärtig bestehen. Nun steht zwar den in Charlottenburg wohnenden Juden die Benutzung aller in Berlin von der jüdischen Gemeinde getroffenen Einrichtungen frei, aber nur diejenigen unter ihnen, welche in dem postalisch zu Berlin gehörenden Theile wohnen, können von ihren Rechten -Gebrauch machen. Geradezu ausgeschlossen erscheint dies bei den jenseits des Zoologischen Gartens wohnenden Charlottenburgern. Sie können vor Allem weder am öffentlichen Gottesdienst in Berlin theilnehmen, noch ihre Kinder zu dem daselbst eingerichteten Religionsunterricht senden, und die Benutzung der den religiösen Vorschriften dienenden Einrichtungen wie Schechitah und Mikbe ist ihnen fast zur Unmöglichkeit gemacht. Zur Linderung dieser Nothlüge hat sich bereits vor Jahren hier eine Religionsgemeinde gebildet, welche z. Z etwa 80 Mitglieder zählt, aber obschon dieselbe von der Muttergemeinde in Berlin in der letzten Zeit eine Jahressubvention von 7000 M. erhalten hat, ist sie dennoch nicht in der Lage, ausreichend und würdig für die religiösen Bedürfnisse des wie oben begrenzten Alt-Charlottenburger Gebietes zu sorgen. Die Gründe hierfür sind in der Hauptsache folgende: a) Die Doppelbesteuerung, durch die hiesige Religionsgemeinde und die Gemeinde in Berlin, verhindert ein kräftiges Wachsthum der Neligionsgemeinde und ihrer Einkünfte, b) Die Subvention von 7000 Mark wird stets nur auf ein Jahr verliehen; die- Religions-Gemeinde kann daher mit keinem sicheren Einkommen rechnen und schon aus diesem Grunde keine dauernden Verpflichtungen übernehmen, c) Die hiesige Religionsgemeinde besitzt keine Korporations-Rechte und kann daher keine Verträge mit Dritten abschließen. Aus diesen Gründen ist sie z. B. nicht in der Lage, eine' tüchtige und würdige Persönlichkeit des Prediger- oder Lehrer-Standes dauernd an sich zu fesseln. — Religiös gesinnte Männer haben auf ihre Kosten und Gefahr vor mehreren Jahren im Centrum Charlottenburgs eine einfache Synagoge erbaut; einer derselben ist als Besitzer eingetragen,, die anderen haben die Bürgschaft übernommen. Die Religions-Gemeinde ist nicht in der Lage, einen Miethskontrakt mit dem Besitzer abzuschließen, und so hat die Unsicherheit des Miethsertrages der Synagoge den Inhaber, der zweiten Hypothek <von 8000 Mark) veranlaßt, die Hypothekzum 1. Juli d. Js. zu kündigen. Die vorgetragenen Gründe bestimmen die Unterzeichneten zu dem ebenso ergebenen als dringenden Gesuch an Vorstand und Repräsentanten der jüdischen Gemeinde in Berlin: Dieselben wollen die Verwaltung der. Kultusangelegenheiten in dem von-Westend bis zum Zoologischen Garten reichenden Charlottenburger Gebiete baldmöglichst selbst übernehmen." . z. Berlin, 18. Juni. Am 16. d. M. beging Fräulein Dorothea Wormann das 25jährige Jubiläum ihrer Wirksamkeit als Lehrerin an der Mädchenschule der jüdischen Gemeinde. Der Rektor der Schule, Herr Dr. Ahler, feierte in einer Ansprache die Verdienste der Dame um die Anstalt und wies insbesondere auf die Thätigkeit hin, die sie im Interesse des Vereins für Ferienkolonien entfaltet. Die Jubilarin, die ihre erste Ausbildung an der Stätte ihrer jetzigen Wirksamkeit genossen hat, hält es für ihre Pflicht, nicht blos für das geistige, sondern auch für das körperliche Gedeihen ihrer Schülerinnen zu sorgen. Zu Ehren der wackeren Lehrerin veranstaltete die Schule am Nachmittag desselben Tages einen Ausflug ins Freie, an dem auch viele Damen und Herren, Bekannte und Freunde des Fräulein Wormann, Theil nahmen. Möge diese vorzügliche Lehrkraft der Mädchenschule unserer Gemeinde noch lange erhalten bleiben. Sä2 Berlin, 21. Juni. Am 16. b, M. ist der hiesige Arzt Sanitätsrath Dr. Oldendorfs in Karlsbad, wo er sich zur Kur aufhielt, gestorben. Oldendorff betrieb seit 1857 hier, die ärztliche Praxis. '1831 zu Meseritz in der Provinz Posen geboren, studirte er in Berlin und wurde in ärztlichen Kreisen bekannt , durch sein reges Interesse für die Standessragen. Wissenschaftliches Ansehen verschaffte, er sich durch seine medizinälstatistischen und hygienischen Arbeiten. Im vorigen Jahre rief Oldendorff die „Zeitschrift für soziale Medizin" ins Leben, die wegen ihres gediegenen Inhalts und ihrer vornehmen Haltung sich schnell viele Freunde in der Aerztewelt erwarb. . cxa Berlin, 24. Juni. In der hiesigen Gewerbe-Ausstellung sind einige speziell-jüdische, in dem Atelier von Jenny. Bleichrode angefertigte Synagvgen-Stickereien ausgestellt, die hier wohl eine besondere Erwähnung und Anerkennung verdienen. Zunächst, sieht man einen kostbaren, künstlerisch ausgeführten Tempel-Vorhang, der für die neue Synagoge in Myslowitz bestimmt und von Herrn Siegmund Nothmann daselbst bestellt ist. In. der Mitte desselben befindet sich außer einer, entsprechenden Widmung eine reiche, von einer umrahmten Krone überragte Löwengruppe von echter Goldstickerei; außerdem ist das Ganze von einer sehr effektvoll wirkenden Bordüre eingefaßt. — Ein weiteres Kunstwerk ist das „Gebet für den Landes Herrn" in deutscher Sprache. In einiger Entfernung gesehen, glaubt man einem gedruckten Bilde gegenüber zu stehen, bis man durch ein Plakat darauf-aufmerksam gemacht wird, daß das über 1100 Buchstaben enthaltende, in altgothischer Schrift gestickte Gebet eine sehr, feine Handarbeit ist. Erwähnenswerth sind noch außer einigen anderen Stickereien, mehrere Thoramäntelchen in den verschiedensten Stilarten,, so wie, seiner ganz eigenartigen Schrift wegen, ein jüdischer Haussegen. , . Lp. Aus der Provinz Posen, im Juni. Die gegenwärtig aus nur neun Mitgliedern bestehende israelitische Gemeinde in Sulmierzyce hat jüngst beschlossen).daselbst ein kleines Gotteshaus zu errichten. Die wenigen Mitglieder haben zu diesem Zweck durch freiwillige Gaben bereits 1000 Mark aufgebracht; nunmehr hat sich , die Gemeinde an den ..Oberpräsidenten gewandt, ihr zu gestatten, bei den israelitischen Gemeinden innerhalb der Provinz Posen Sammlungen zur Vergrößerung des Baufonds zu veranstalten. Bis jetzt haben sich die Mitglieder der kleinen Gemeinde zum Gottesdienste in einem gemietheten Betsaale vereinigt. — Dem Amtsrichter Holzmann inObornik, einen Bruder des Seminardirektors Dr. Holzmann in Berlin,, ist der Charakter als Amts-, gerichtsrath verliehen worden. — In Gonsawa ist der Kaufmann Hermann Jtzig zum städtischen Kämmerei-KassenrendanteN gewählt worden; gewiß ein erfreuliches Zeichen für das friedliche Zusammenleben aller ' Konfessionen jener Stadtgemeinde. — Ende Mai ist in die Synagoge zu Krojanke ein Einbruch verübt worden. Tags vorher war zum Glück, da der Einbrüchen hie Synagoge zu Flatow in der benachbarten Stäht Krojanke bekannt gewordenwar, der Opferkasten geleert worden, so daß der Dieb leer ausging. Von dem Thäter fehlt jede Spur. Jedenfalls ist anzunehmeü, daß die Synagogendiebstähle, die in letzter Zeit in .Flatow,' Schlochau, Jastrow. und Könitz verübt ivorden sind, mit dem in Krojanke in Zusammenhang stehen. — Die