Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 26 (26.6.1896)
- Date
- 1896-06-26
- Page
- Seite 312 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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312 . — Und als die fünfzig Jahre. zu Endewaren, da -fragte er ben Pförtner der letzten Stadt, in der. er gewesen: 'Sage mir, wo finde ich Gott, daß ich ihn schaue von- Angesicht zu Angesicht? Und der Pförtner antwortete ihm: Du . ha st. Gott gesehen- -jenseits deß Grabes,. wo die Menschen wandeln in Hüllen von Staub; - Dnhast ihn., gesehen diesseits des Grabes, wo die Seelen wandeln,, des Staubes entkleidet und in klarer Erkenntniß. Gott lebt im; Leben derer, die an ihn. glauben, und bei diesen kannst Du ihn finden. Wer -ihn weiter sucht, der entfernt sich immer lnehr von ihm; denn wie-der Herr zu Moses gesprochen, .sprach er zu keinem. Sterblichen mehr im Leben und nach idem Tode, und kein. Prophet ersteht mehr in Israel wie dieser! Hierauf - entließ der Pförtner Jehuda aus der Stadt, undwieder zog er durch Steppen und Haiden, bis er eines Morgens^ plötzlich aus einer finstern Kluft hervortrat und den blauen Himmel sah und die grüne Erde, und von ferne die Zinnen einer Stadtmit hundert Thürmen. . Und als er auf sie zuschritt, da war es die heilige Gemeinde Prag, und es war eben der Vorabend des. Sabbaths vor dem. neunten Ab, und er ging zur Altneuschule und hörte mit stummer Vernichtung mit an,- wie man Moses bekannte' als den einzigen und -einigen -Erkenner Gottes, und verspätete sich in der Vorhalle, bis daß ihn der Tempeldiener ermahnte, daß es Zeit sei fortzugehen und ihn mit sich nahm nach Hause. Den Ihr. hier vor Euch-sehet im . grauen Gewände und mit dem Stäbe, ist Jehuda, der Bachur, der Schüler Rabbi Mesir's, der Gatte der unglücklichen Malke, der Vater Baruchs,. des verlassenen Knäbleins, und sein Hochmuth ist gebrochen und die Schleier sind genommen von seiner Seele und die Schuppen. gelöst von seinen Augen, und reumüthig trägt er-sein Loos, durch die Welt, hinzuirren, bis daß er gefunden, womit er begonnen es. zu suchen — sein Grab! Erstaunt in der Tiefe, seiner Seele, antwortete .Rabbi Wolf^: Jehuda! seid Ihr es wirklich? Wie ein Wunder, wecken Eure Worte mir die Erinnerung an die - traurigen Jahre - meiner ersten. Kindheit, die ich unter dem Dache, des ärmsten Mannes dieser Gemeinde verlebte. — Damals nannte er -mich Baruch! Weil.aber „Baruch" der Naine des „Gesegneten" ist, mochte mich frühzeitig Niemand mehr so nennen, und man. nannte mich „Wolf" von der' Härte -meines Geschickes, und. ich vergaß selbst, daß ich einst Baruchgeheißen, weil ich es nie gewesen!- Als der Qrach dies hörte, da rief er aus mit lauter Stimme:- Gebenedeiet sei der Richter, der gerechte! Baruch, mein. Sohn, zu deinen Füßen stimme ich ein mit ganz Israel : Ewig ist . der Herr und allmächtig, langmüthig und voller Gnade, und wahrhaft, und kein Prophet ersteht mehr in Israel, wie Moses!. ' :. So sprach Jehuda, und dies warenseine letzten Worte. Er lag entseelt in den Armen Rabbi Wolf's, seines Sohnes, und Rabbi Wolf weinte über der Leiche seines Vaters undmachte sich auf noch in derselben Nacht und trug ihn hinaus und legte ihn in das offene Grab und scharrte Erde ins Grab, und kehrte -nicht mehr in seine Stube zurück, sondern ging ins Leichenhäuschen,.- um daselbst zutrauern, und verließ es nicht, sondern wohnte darin bis auf den heutigen Tag; denn damals hörte man eben „auf, die Tobten darin einzusegnen, und führte sie. hinaus vor die Mauernder Stadt. Auf Jehuda's Grab aber fiel Schnee und Regen und Thau und Reif, und Gras überwuchs es in schwellendem Rasen. — Hier schwieg Ensel, der Diener Rabbi Cheskels, und sah hinüber nach dem Scheine der Kerzen, der da so' wunderbar hervorleuchtete aus den fliederumwachsenen Fenstern des alten Leichenhäuschens. - ' ■: -Nach einer Weile, aber^ nahm er wieder das Wort und sprach : Ich muß doch Dieder -hiuüberschauen! und' verließ die Stube. . Des andern Morgens kam er wieder und siprach: — Der neunte Ab, den Rabbi Wolf seit so vielen Jahren - erharrt, ist endlich gekommen. Heute Nachmittag um vier Uhr wird , er zur Erde bestattet. ' r' .■; ' - . - , . .'7FV<rarrfche Mitthrilungeu..- ----- F. Ottmer: Das Adoptivkind und-andere Novellen. Berlin 1896. Concordia. Deutsche Berlagsanstalt. Allen unseren Lesern, die. nach einer guten Lektüre begehren, und sich nicht , von den sensationslüsternen Romanen der jungen deutschen und französischen Schule bethören lassen wollen, -können wir dieses.Buch mit gutem Gewissen empfehlen. Die Probleme, die hier, namentlich in der ersten Erzählung, aufgeworfen, die Gestalten, die in den Vordergrund gerückt werden, sind interessant und greisen in das Leben des Tages mächtig ein. Die Lösung dieser Probleme entspricht unseren sittlichen Anschauungen, während die Art und Weise, wie viele moderne Schriftsteller sie behandeln, uns einfach äbstößt. Der Verfasser versteht es, klar und sachlich zu erzählen, fesselnd Und interessant zu schildern, die Theilnahme für seine Helden und Heldinnen bis zum Schluß festzuhalten. Wir begehen - wohl keine Indiskretion, wenn wir verrathen, daß dieser Verfasser eigentlich eine Verfasserin ist, und zwar die' Gattin unseres-verehrten Mitarbeiters Karl Emil Franzos, die mit diesem vortrefflichen Buche ihren ersten, gelungenen Versuch, auf dem Gebiete der Erzählung gemacht hat. S-puertzsaal. Hochgeehrter Herr Doktor! meinem lebhaften Bedauern muß ich aus dem Leitartikel der letzten Nummer (25) ersehen, daß Sie gelegentlich der Besprechung der aktuellen Frage des obligatorischen Religionsunterrichtes wiederum auf Ihren ursprünglichen Vorschlag zurückkommen, der Unterricht möge . als obligatorisch erklär:, im Uebrigen aber der Ort und damit auch Umfang und Art seiner Ertheilung, d. h. der Religionsunterricht überhaupt derfreien. Bestimmung der Eltern überlassen,werden. Augenscheinlich verleitet Sie das unbestreitbare Verdienst, dieser wichtigen Frage zuerst näher getreten zu sein, dazu, auch an'der zuerst gefaßten Entscheidung sestzuhalten. Ich bedauere sehr, daß meine Ausführungen in Nr. 3 b. Jahrganges und meine Artikelserie „Schulzucht", insbesondere deren Schlußnummer, Sie nicht umzustimmen vermocht haben. Aus Nr. 48 des vorigen Jahrganges, S. 46öb, geht hervor, daß Ihr Vorschlag sich in der Hauptsache mit den im Königreiche Sachsen schon längst bestehenden gesetzlichen Bestimmungen deckt. Nr. 3 dieses Jahrganges weist aber auf Grund der aus diesen Bestimmungen hervorgegangenen praktischen Verhältnisse' die entschiedene Mangelhaftigkeit derselben nach, und meine Artikelserie versucht allen.entgegenstehenden Ansprüchen gegenüber eine eingehende und umfassende Begründung der Forderung, daß der jüdische Religionsunterricht nach Gesetzmäßigkeit von Ort, Zeit, Stundenzahl, Beurtheilung, Pflichtmäßigkeit u. si w., natürlich mit Berücksichtigung seiner besonderen Erfordernisse, vollkommen dem christlichen Neligionsünterrichte gleichgestellt werden müsse. Ihr Vorschlag sowie die hierorts bestehenden Bestimmungen halten sich zwar von dem Vorwurfe des Gewissenszwanges geflissentlich frei, aber die von ihnen erwarteten Vortheile für. den Unterricht bleiben thatsächlich illusorisch. Es erscheint mir unrichtig, die auf der Versuchsstation des Königreichs Sachsen bereits gesammelten praktischen Erfahrungen in den Wind zu schlagen, um nur einem am grünen Tische ausgestellten Prinzips treu zu bleiben, und ich kann nicht unterlassen, nochmals und hoffentlich noch' rechtzeitig auf die von mir in diesen Blättern dargelegten Forderungen nachdrücklich hinzuweisen. Videant consules! . Dresden, 19. Juni. 1896. M. Golde. Druck und.Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. - Verantwortlich - für die Redaktion; M ax Bauchw itz in Berlin.