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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-06-26 · Heft 26 (26.6.1896) · p. Seite 311

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 26 (26.6.1896)
Date
1896-06-26
Page
Seite 311 (sequence 11)
Language
German
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311: Nach wenigen Schritten kam es ihm vor, als sähe er einen Stein aus der Erde steigen? weiß leuchtend im Mondschein, darauf geschrieben stand: Wer ruht Jehuda, der Sohn Naphthali's, . . . Der mehr sein wollte, als Moses, Und den Gottes Hand zurückgeführt . Durch das künftige Leben zu dem gegenwärtigen. Als dies Jehuda sah, trat; er vor den Grabstein hin und berührte ihn dreimal mit dem Stabe, indem er dabei die Namen gewaltiger Engel nannte, die nur die Kabalah nennen lehrt. Der Grabstein wankte, die Erde wich unter Jehuda's Füßen, verschlang ihm und verschloß sich nicht wieder. Indessen harrte Malke zu Hause ihres Gatten, brachte die -Nacht in Sorgen und Thräneu zu, und als die Leute sich Morgens in der Altneuschule versammelten, Jehuda's Lehre zu hören, die die Lehren Mosis an Weisheit übertrcffen sollte, und dieser n!cht kam, gingen sie in seine Wohnung. — Wo weilt der Rabbi? fragten sie hier; weiß Niemand es zu sagend — Gestern nach Sabbathbeginn ging er mit Gewand und Stab aus, erwiderte Malke weinend, und ist zur Stunde nicht heimgekehrt. Der Todtenwächter aber erzählte, er habe mit eigenen Allgen in der letzten Nacht einen Mann gesehen, der in ein Grab gesunken, und der Manil habe ein graues Gewaild getragen und einen Stab. Und als man auf den Friedhof kam um nachzuschauen, fand man an der bezeichneten Stelle jenes offene Grab. So steht dies denn seit jenem Sabbath offen, und im Winter fällt kein Schnee hinein, und im Solnmer kein Regen, des Morgells kein Thau und des Nachts kein Reif, und kein Gras wjll an stillem Rande gedeiheil, und kein Vogel fliegt darüber hin, nild wer über den Friedhof geht, der weicht dabei aus und steht zehn Schritte seitwärts. Rabbi Meir, der den eitlen Muth in Jejuda's Seele gepflanzt,' und Malke grämten sich tief, mieden das Auge der Welt, und nach wenigen Monden trug man sie hinaus, und setzte sich nicht ferne von dem offenen Grabe zur Ruhe bei; denn so hatten es beide gewollt. Was aber aus dem Säugling geworden, das weiß Niemand. Auch gedachte seither Niemand des unglücklichen Kindes, ob es wohl Pflege gefunden und herangewachsen, oder ob es in jungem Elend gestorben. Nur ich denke zuweilen daran, welche Zukullft dem Arnlen geworden, wie freudelos das Leben und wie leer ihm die Welt geblieben sein mag, wenn ihm bestimmt war, Jüngling, Manil oder vielleicht gar Greis zu werden. Denn auch ich verlor in den ersten Morgenstunden meines Daseins Vater und Mutter, und kannte keines von Beiden und erfuhr nicht einmal ihre Namen, und wuchs heran unter fremden Händen; und wahrlich, die sind nicht die sanftesten! Hier schwieg Rabbi Wolf. Der Orach hatte ihm aufmerksam zugehört. ' Und wißt Ihr sonst nichts von den Schicksalen Jehuda's zu erzählen? wandte er sich hierauf gegen den Tempeldiener. — Was jenseits des Grabes geschehen, das weiß kein Lebendererwiederte dieser. Auch von Jehuda's Geschichte ist keinem Sterblichen mehr bekannt worden. — Nun wohlan! so will ich Euch erzählen, was sich ferner begab, nahm der Orach das Wort und begannn: Die Geheimnisse des Jenseits, die Gott dem Moses verhüllt wollte Jehuda schauen, — spracht ihr nicht also? Und wahrlich, er hat sie erschaut, jedoch zu seinem Leide und seiner Demuth! Wo das Menschensinnen beginnt, dort beginnt der Jrrthum, und des Forschens Anfang ist der Keim des Hochmuths. Wohl dem. der da der Weisheit Pfade geht, ,fo weit ihm sie der Herr gezeichnet durch seine Diener, und der nicht darüber hinaus will schreiten, und weder rechts abweichen noch links. Der Herr aber ist gnädig und huldvoll, und im Jenseits waltet nur die Hand der Milde und nicht die des Schreckens. — Wohl schloß sich über Jehuda's Haupte die Erde, und wilde Donner umbrausten seine Sinne, da sie sich zuthat, und es war ihm, als sänke er durch bodenlose Leeren immer tiefer und tiefer durch Finsterniß und jagende Stürme, und über sich sah er die Rinden der Erde schwinden in formlosen Fernen, als würden sie allmälig zu wölbendem Gewölke, und unter sich hörte er es brausen wie aus tausend strömenden Quellen und sah es dämmern in unklaren Formen. Und-je tiefer, er sank, desto mehr klärten sich vor seinen Blicken die Formen und er erkannte Ströme und Seen, Berge und Thäler, Wälder und Städte; und als er endlich wieder festen Boden unter seinen Sohlen fühlte, da sah er sich mitten auf einer wüsten Haide ohne Hügel und ohne Baum, ohne Kraut und Gras und Quell so weit sein Auge reichte, und wußte nicht, vo er sei und wohin sich wenden, ob rechts oder links, ob vor oder rückwärts. Nach langem, ermüdendem Wege gewahrte er endlich-die Zinnen einer Stadt aus einem Haine dunkler Cypressen und schattiger Eedern hervorragend? Durch die Thore wandelten paarweise und in langen Reihen ihre Bewohner, alle mit bleichen und selig heiteren Gesichtern und in weiße Gewänder gehüllt, und zogen durch die Stadt hin in festlichem Zuge, die Männer strahlende Gesetzrollen tragend und. die Jünglinge Gesangbücher und die Frauen und Jungfrauen Kränze aus weißen Blumen, und die Kinder gingen paarweise vor ihnen einher und trugen weiße Fähnlein mit funkelnden Stemen darauf, und alle sangen in wunderseliger Weise das Lied Hosiannah! Hosiannah! Als Jehuda sah, daß sie alle durch eine hohe, dämmerdunkle Pforte in ein Haus schritten, dem an Pracht und Herrlichkeit keines von allen glich, die er ja gesehen, da wartete er ab, bis daß . dÄ- Zug vorüber war, und trat dann hinter dem Zuge mit in das : Haus. Das Haus aber war der Tempel des Herrn, Und'das Fest, dasWe feierten, das; Fest der Gesetzfreude. Nachdem das Lied Hosiannah zu Ende gesungen war, stieg ein Jüngling zur heiligen Lade hinan? zog den Vorhang zur Seite, der ganz aussah, als wäre er aus blauen Wolken gewoben und mit Sonnen besäet, öffnete sie und hob eine Gesetzrolle heraus, und der ganze Tempel erfüllte sich von wunderbar strahlendem Glanze. Dabei sang er: Dieses ist die Lehre, die da festgesetzt hat Moses! Und die ganze Gemeinde stimmte mit ein. Der Jüngling aber legte die Gesetzrolle auf einen goldenen Tisch, entrollte sie und las mit klarer Stimme den letzten Abschnitt des letzten Buches Mosis. Und als er den Vers gelesen hatte: Es erstand kein Wissender mehr in Israel wie Moses! da trat der Sängerkönig David hervor und sang es zu den Klängen seiner Harfe, und auch die Frauen in den - anstoßenden Hallen stimmten ein und die Kinder an den Stufen der heiligen Lade, und keine Lippe blieb stumm im ganzen Tempel außer den Lippen Jehuda's, denn er konnte nicht einstimmen in den Hreis Mosis und trat aus dem Tempel und eilte aus der Stadt; denn sie schien ihm von Wesen bewohnt, die Gott nicht näher standen, als sie Moses durch seine Lehre gestellt, und wanderte unverdrossen fort durch Einöden und Wüsteneien. Und Wochen und Monde vergingen, und wieder war ein Jahr herum, und wieder sah er von Ferne die Zinnen einer Stadt. Und als er eingetreten war in die Stadt, da feierten die Einwohner wieder das Fest der Gesetzfreude und sangen: Kein Prophet erstand mehr in Israel. wie MoseS! und Jehuda stimmte wieder nicht ein und pilgerte weiter. So wanderte er fünfzig Jahre von Stadt 311 Stadt, lind wohin er kam, da bekannten sie das Wort Mosis lind sangen: Es erstand kein Prophet mehr in Israel wie Moses!

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