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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-06-26 · Heft 26 (26.6.1896) · p. Seite 309

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 26 (26.6.1896)
Date
1896-06-26
Page
Seite 309 (sequence 9)
Language
German
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berichtet diese; „sah er nur einen Theil des Volkes", je^t zum dritten Male, so hebt ausdrücklich der Schriftvers hervor, sieht er das ganze Volk, lagernd nach seinen Stämmen. „Da erhob er sein Auge." Mit Bewunderung begegnen seine Augen einer Volksmasse, die so einig, so friedfertig zusammenwohnt. Voll Begeisterung ru)t er daher jene Worte ans. Ja, so dachte er gewiß, ein Volk, wie dieses, rvelches, trotz der Spaltungen in so viele Stämme und Familien, so einmüthig ist, das ist würdig des Segens, des Lobes. So war denn Bileam, der dem Balak als zerstörendes Werkzeug dienen sollte, gegen seinen Willen gezwungen, das . Volk dreimal zu segnen. Auch noch heute leben wir gleichsam in einem Zeitalter eines Balak und Bileam. Stehen doch auch noch heute, wie ehedem, Menschen gegen uns auf, die in ähnlicher Weise von uns sagen: Sie werden uns das Grüne wegnehmen, sie werden uns gänzlich aufreiben, wenn wir ihnen nicht zuvorkommen. Mas Haber: aber auch schon unsere Feinde für Mittel gebraucht, mit welcher List und Schlauheit sind sie schon zu Werke gegangen! Viele Jahrhunderte blicken auf die Greuelthaten herab, die man an unfern Ahnen ausgeübt. Alle Länder der Erde können Bericht erstatten, mit welcher blinden Wuth man wüthete, mit welchem Eifer einer, heuchlerischen Frömmelei. und eines finsteren Fanatismus nran sich verging. Hat man aber trotz aller Bemühungen, trotz alles Schaffens und Strebens, trotz aller angewendeten Mittel, die den Zweck heiligen sollten, Israel vernichten können? Wohl schön viele Zweige sind dem. Baume geraubt worden, doch entwurzeln konnte man ihn nicht. Ein Lebenssaft durchrieselte die stark geschädigten Theile, die Wurzel sandte von Neuem wieder edles, heilsam wirkendes Mark in des Baumes Stamm und seine Aeste. Die Thora ist diese Wurzel. Sie war es, die ihren Balsam in die wunden und kranken Herzen fließen ließ, die die Verzweifelnden von Neuem wieder belebte, ermuthigte. So lange das Volk dieses Kleinod bewahrte, war es vor seinem Feinde sicher, wenn es aber von seinem Gotte absiel, war es diesem preisgegeben. Damals aber, als Bileam das Volk sah, war es glücklich. Unsere Weisen sagen, daß sie damals mehr als sonst, beohel schel thora;' im Zelte der Thora saßen. Deshalb war auch aller Zauber eines Bileam den Männern der Lehre nicht schädlich. Die Lehre war es also, die das Volk so einigte, sie war es, die einen so süßen Frieden über Israels Stämme ergoß, so daß der Feind ausrufen mußte: „Na tobu olioleclio, Jacob, mischknosecho, Jisrael!“ O, daß auch wir die Thora als unsere Waffe gebrauchen wollten, daß wir geeint und geschlossen vor unserem Feinde Front halten könnten! Nur so können dessen Anschuldigungen und Bosheiten zunichte werden, wenn an unserer Einigkeit und Friedfertigkeit seine Kräfte sich zersplittern. Nur dadurch werden wir erhaben sein über unsere Gegner; sie werden uns wie Bileam einen Segen bringen, nämlich den, daß durch ihr vergebliches Anstürmen wir uns nur noch gehobener, glücklicher, muthiger und stärker fühlen. Ja, .deshalb sei die Thora unsere Wehr und Waffe! Sie ist die wahre Lehre, die so viele Wahrheiten und Geistesschätze in sich birgt, sie ist der Born des Lebens, aus dem man immer schöpfen soll. Auch in unseren Zelten und Wohnungen strahle der Lichtglanz der Lehre Gottes und verdränge die düsteren Schatten einer fanatischen Neugeburt. Unter diesen Zelten und Wohnungen ist aber vor Allem Schule und Haus zu verstehen. In ihnen muß stets das erstehen, was uns zu einer starken Säule dienen kann; in Schule und Haus werde stets ^.das erzeugt, was einer Gefährdung unserer Existenz schroff gegenübertritt. Haus und Schule oder Eltern und Lehrer können den Samen uusstreuen, -der für unser Dasein von großem, unberechenbarem Nutzen sein wird. Nur eine gottesfürchtige Generation kann bestehen, und dazu sollen Eltern und Lehrer den Grund legen.. „Den Ewigen, deinen Gott, zu lieben, das sollst du deinen Kindern einschärfen." Was Eltern einmal beim Kinde begonnen haben, das kann die Schule in größerem Maße fortsetzen. Nur dann erzielt die Schule günstige Resultate, wenn -die Eltern in thätiger Weise Mitarbeiten. Im Hause wache das Elternauge, lehre der Elternmund, so nur kann die Schule einmal ihr Ziel erreichen. Wenn im, Zelte der Eltern der gute Keim in der Jugend Herz gepflanzt worden ist, dann kann er sich gedeihlich entfalten in der „Wohnung", in der Stätte geistiger Erziehung. Mit Stolz können wir dann ausrufen: „Wie schön sind deine Zelte, o Jakob, deine Wohnungen, o Israel!" F Julie Solls-Schwabe. m 21. Mai starb in Neapel im 78. Lebensjahre Frau Julie Salis - Schwabe eine der edelsten aus dem Kranze derjenigen Frauen unseres Jahrhunderts, welche Segensreiches für ihre Zeit und für die Zukunft des Menschengeschlechtes geschaffen haben; sie hatte die Ehre, eine persönliche Freundin der Kaiserin Friedrich wie der Königin Margheritha von -Italien zu sein. Der Name der edeln Heimgegangenen wird mit der Verbreitung und Förderung der Ideen des großen Pädagogen Friedrich Fröbel und des demselben geistig verwandten bedeutenden Engländers William Ellis für alle Zeiten unauflöslich verknüpft bleiben. Geboren an: 31. Januar 1819 zu Brenien als die Tochter wohlhabender Eltern, verlegten diese schon nach zwei Jahren ihren - Wohnsitz nach Hamburg. -Dort genoß Julie bis zu ihrem 16. Lebens- .rjghre eine gute Schulbildung und'kam dann noch auf zwei Jahre zu Ihrer weiteren Ausbildung nach Leipzig. Kaum in das Elternhaus zurückgekehrt, verlobte sie sich mit einem Vetter gleichen Namens, der schon seit seiner Jugend in England' lebte und in der Nähe von Manchester eine große Kattunfabrik besaß, und wenige Monate später folgte sie dem-ausgezeichneten hochgebildeten Manne in die neue Heimath. (1837.) Neben der großartigen Fürsorge, welche das edle Paar durch, zahlreiche Anstalten, die es für das körperliche und geistige Wohl ihrer Arbeiter ins Leben gerufen, entfaltete sich in dem gastfreien Hause, während eine frische Kinderschaar kräftig emporblühte, ein reiches Leben; ausgezeichnete Männer und Frauen aller Richtungen .fanden sich dort zusammen-- viele der ersten Geister der Zeit, besonders Koryphäen der Kunst und Wissenschaft, Vertreter humaner Bestrebungen zählten zu den Gästen des Hauses; darunter Jenny Lind, welche dort ihren Gatten, Otto Goldschmidt, kennen lernte, Sir Julius Benedict, -Chopin, Rubinstein, Ary Scheffer u. A. m. Mit dem großen Parlamentarier Richard Cobden imb seiner Frau verband sie die engste Freundschaft. Aber nicht nur nach außen hin gestaltete sich das Leben des trefflichen Paares so reich, unzählige Menschen, welche Unterstützung, Rath, Trost, Hilfe und Förderung bedurfte::, erfuhren die innigste- Theilnahme in den verschiedensten Lebenslagen, ungeachtet nicht geringer Opfer an Zeit, Mühe und persönlicher Arbeit. In dieses glückliche Familienleben griff der Tod plötzlich mit rauher Hand im Sommer des Jahres 1853; Herr Schwabe, welcher viel bei zwei am Scharlach erkrankten Kindern weilte, starb als Opfer der bösen Krankheit und hinterließ eine trostlose Wittwe mit sieben Kindern, von denen das älteste erst 13 Jahr und das jüngste acht Monate zählte.

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