Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 26 (26.6.1896)
- Date
- 1896-06-26
- Page
- Seite 304 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3228148-3228175--52904-3258553- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Die Kolonisation im weiteren Sinne hat dazu geführt, daß in vielen Städten Amerikas, in England und auch in Deutschland eine Ansammlung von größeren Massen jüdischer Bevölkerung stattgefunden hat,' so in New-Z)ork ungefähr 300 000 Seelen. Einen besseren Weg hat man jedoch in einer Kolonisation im engeren Sinne zu sehen geglaubt, in der Gründung von Ackerbaukolonien. Die Versuche dazu reichen bis in den Anfang dieses Jahrhunderts zurück, bis zur Gründung der jüdischen Kolonien in Neu-Rußland durch Alexander I. Die Kolonien haben sich trotz vieler Hemmnisse recht gut entwickelt, umfassen viele Quadratmeilen mit 44Dörfern und 50000 Einwohnern. Die Ueberzeugung, daß nur dauernd der jüdischen Bevölkerung in Rußland dadurch geholfen werden könne, wenn man sie in größerem Maße zum Ackerbau überführte, veranlaßte dann den kürzlich verstorbenen Baron von Hirsch zur Gründung von Kolonien in Argentinien. Auch in anderen Gegenden wurden Versuche angestellt, jüdische Kolonien zu gründen, so z. W in Nordamerika. Einzelne davon sind zur gedeihlichen Entwickelung gelangt. . Bei weitem am gedeihlichsten haben sich die Kolonien auf dem Boden der Heimath unserer Vorfahren, in Palästina, entwickelt. Durch die bereitwillige Unterstützung des Baron v. Rothschild in Paris wurden dort im Verlaufe kurzer Zeit mehrere Kolonien gegründet, meist von russischen und rumänischen Familien bewohnt. Es ist als ein Wunder zu betrachten, daß aus dem anscheinend unfruchtbaren Boden nach 13jähriger Thätigkeit blühende Oasen geschaffen wurden, von deren Ertrag wir uns in der Berliner Gewerbe-Ausstellung, Abtheilung Kairo, zu überzeugen Gelegenheit haben. Wenn man die entsetzliche Noth betrachtet, unter der weite Kreise in Rußland leiden — in Wilna sind allein 30 000 Juden auf Unterstützung durch öffentliche Mittel angewiesen — wenn man bedenkt, daß bei dem beschränkten Gebiet der Thätigkeit, das den Juden gewährt ist, sich Massen angesammelt haben, die vergebens nach Brod schreien, die gern arbeiten wollen, aber keine Arbeit finden können, so muß es° als eine humanitäre Aufgabe betrachtet werden, diesen Massen durch die Schaffung einer Existenz auf dem Boden selbständiger Koloniemühr Brod zu sichern, . ,! Im Anschluß daran stellte der Referent vier Thesen, die das Me-, sultat der Entwickelung ins Auge faßten, zur Berathung und empfahl deren Annahme, die am Schluffe der Versammlung auch ohne Widerspruch erfolgte. . Es erhielt alsdann zu Punkt 4 der Tagesordnung: Soziale Erziehung, der Referent Dr. I. Loewenberg (Hamburg) das Wort. Die wichtigsten Faktoren aller Erziehung bleiben das Haus und die Familie. Was die Familie bedeutet, hat Niemand mehr erfahren als Israel. Wenn es trotz jahrtausendlanger Verfolgungen sich immer stark und widerstandsfähig gezeigt hat, so hat es dies nur seiner Lehre und seinem Familienleben zu danken. Wir stehen im Kampfe, darum ist für.unsere Jugend eine strengere Erziehung, eine größere Abhärtung in geistiger und körperlicher Beziehung nothwendig: Turnen, Schwimmunterricht, Spaziergänge ins Freie, ferner indem man die. Kinder empfänglich macht für den Genuß der Kunst in Wort oder Bild. Den zweiten erziehlichen Faktor muß die Schule abgeben. Es.ist nicht immer nöthig, das Kind in eine höhere Schule zu schicken, man solle Rücksicht nehmen auf Fähigkeiten und Neigung des Kindes, nicht das Kind in Anstrengungen hineinireiben, die für seine Entwickelung verderblich sind. In der Schule selbst muß der Religionsunterricht mehr als irgend ein.anderes Fach erziehlich wirken, er muß die Kinder erwärmen und begeistern. Die weltgeschichtliche Bedeutung des Hudenthums, die gewaltige Größe des Buches der Bücher, die erhabene Ähik in Bibel und Talmud, die mächtig ergreifende Poesie — das sind Sterne, die an dem Himmel unserer Kinder.niemals ausgegaugen sind. Tritt das Kind aus der Schule ins Leben hinaus, so existiren für den Juden nur zwei Berufe, die von den Eltern ins Auge gefaßt werden: das Studium und der Kaufmannsstand — Berufe, die von den Eltern für die Kinder meist schon in einem Alter des Kindes erwählt werden, wo man noch gar nicht weiß, wohin die Neigung des Kindes zeigt. Darum sind Institute, wie Gärtnerschulen, Ackerbauschulen, Lehrlingsheime u. s. w., freudigst zu begrüßen und zu fördern. Dann wird sich auch der große soziale Kampf für uns mildern. - Die Reichen, auf welche so gern der Hohn und Neid weist, daß sie es .sind, bei denen der Schweiß des Volkes sich in Gold und Silber anhäuft, sollten sich hervorthun , in der Ausübung von Wohlthaten. Auch für die Frauen eröffnet das soziale. Gebiet. ein großes Arbeitsfeld, an sie werden neue und größere Ansprüche gestellt. Die Frau soll die wirkliche Gehilfin des Mannes sein, gleichberechtigt und gleichwerthig auf allen Bahnen, soweit die Natur ihr keine Schranken fetzt. Höher als die gesellschaftlichen Pflichten sollen ihr die Pflichten gegen die Gesellschaft stehen. Wohlthätige Frauenvereine, Mädchenhorte, Vereine für Krankenpflegerinnen, Ferienkolonien mögen ihre Wirkungsstätte bilden. Wenn wir so durch Heilighaltung der Familie, durch Vertiefung des Religionsunterrichtes, durch edlere.Auffassung des Lebensgenusses, durch Erfüllung unserer sozialen Pflichten in strenger Selbstachtung uns Mnd unsere Kinder bilden, so werden wir sie zu besseren Juden, zu besseren Deutschen erziehen. Lebhafter Beifall lohnte die wirkungsvollen Ausführungen beider Redner. Auf Vorschlag von Dr. Minden, der den Rednern den wärmsten Dank der Berliner aussprach, schloß sich keine Diskussion an diese Vorträge, um deren Wirkung nicht abzuschwächen. ... Das Merk der ersten ordentlichen Tagung der badischen Synode. Von Regierungsrath Dr. Mayer in Karlsruhe. V. s bleibt noch eine der wichtigsten Vorlagen zu besprechen: Der Voranschlag der Ausgaben und Einnahmen für allgemeine kirchliche Bedürfnisse der Landessynagoge auf die Jahre 1895 bis 1898.. Welche Bedeutung die Mitwirkung der Synode für die Bereitstellung der zur Förderung der Gesammtinteressen erforderlichen Mittel hat, ergiebt sich aus der einfachen Thalsache, daß in den vorhergehenden Jahren die jährliche Umlage für die israelitische Centralkasse etwa 8500 Mark betrug, während von der Synode eine im Wege der allgemeinen Kirchensteuer zu deckende jährliche Ausgabesumme von 25 562 Mark (bei einer jährlichen Gesammtausgabe von 40 000 Mark) bewilligt worden ist. Insbesondere wurde für Aufbesserung gering besoldeter Religionslehrer statt seitheriger 2500 Mark.der Betrag von 8000 Mark, für Pensionen an Rabbiner und Lehrer und deren Hinterbliebene statt seitheriger 2500 Mark der Betrag von 6000 Mark, zur Unterstützung bedürftiger Gemeinden statt seitheriger 2000 Mark der Betrag von 2800 Mark jährlich ausgeworfen. Da alle diese Aufwendungen vorzugsweise zu Gunsten der kleineren, ländlichen Gemeinden erfolgen, so verdient es besondere Anerkennung, daß die Voranschlagssätze .einmüthige Zustimmung fanden und daß die Vertreter der städtischen Gemeinden, auf welche der weitaus größte Theil der Steuerlast entfällt, in Opferwilligkeit für die religiösen Interessen der minder begüterten Glaubensgenossen auf dem Laude geradezu wetteiferte!!. Es gehörte dies zu den erhebendsten Erscheinungen in den Verhandlungen, der Synode, Da alle Vorlagen des Oberraths sich auf dem Gebiete der kirchlichen Organisation und Verwaltung hielten, gaben dieselben, so bedeutsam sie für das innere religiöse Leben der Gemeinden sich erweisen werden, zu Erörterungen spezifisch religiöser Natur keine Veranlassung. Es wäre jedoch unnatürlich erschienen, wenn den zur Vertretung der Gesammtinteressen der israelitischen Gemeinden be- rufenen Mitgliedern der Synode nicht schon bei ihrem erstmaligen Zusammentritt Gelegenheit geboten worden wäre' sich auch über religiöse Fragen und Anliegen auszusprechen. Es wurde deshalb ein Nachmittag, : welcher von offiziellen Sitzungen freiblieb,. einem zwanglosen Meinungsaustausch über wichtige Gegenstände des religiösen Lebens der badischen Israeliten gewidmet. „Die Besprechung, an welcher sämmtliche Mitglieder der Synode wie des Oberraths, ein-